Interview "Das endet nicht selten mit Vergleichen"
SPIEGEL ONLINE:
Glauben Sie, dass eine Milliardenklage wie die von Herrn Kerkorian Erfolg haben könnte?
Klaus Kessler: Das ist für einen deutschen Juristen wie mich außerordentlich schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass in den USA solche Klagen erhoben werden, um Druck auszuüben. Das endet dann nicht selten in Vergleichen, die substanzielle Kosten für das beklagte Unternehmen verursachen. Es reicht also nicht, wenn DaimlerChrysler jetzt sagt, da sei nichts dran. Man wird sich diesem Verfahren ernsthaft und mit finanziellem Aufwand widmen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass Herr Schrempp die momentane Krise überstehen wird?
Kessler: Ich möchte mich den momentanen Rücktrittsforderungen nicht anschließen. Herr Schrempp hat sich bisher als einer erwiesen, der in Krisen durchaus richtige Entscheidungen treffen kann. Außerdem wüsste ich nicht, wer ihn momentan ersetzen soll. Das Interview in der "Financial Times" war allerdings eine außerordentlich unkluge und schädliche Äußerung, die für Herrn Kerkorian wie ein Steilpass gewirkt hat. Ich bin schon erschüttert über die Worte von Herrn Schrempp. So hat man nun nicht nur die Probleme bei Chrysler, sondern auch noch einen schädlichen Druck der Öffentlichkeit, der die Arbeit erschwert.
SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Situation bei DaimlerChrysler aus der Sicht der deutschen Aktionäre?
Kessler: Die deutschen Aktionäre haben einen erheblichen Schaden erlitten. Das beginnt mit der Kapitalvernichtung. Würde man DaimlerBenz alleine bewerten, wäre der Wert wohl erhalten geblieben. Mit Chrysler hat sich Daimler bisher massiv entwertet. Das ist ein Schaden, der sich nur ausgleichen lässt, wenn der Merger zum Erfolg wird. Aber das scheint ja sehr viel mühseliger zu sein, als man sich das je vorgestellt hat.
SPIEGEL ONLINE: Nun ist Herr Schrempp mit dem Versprechen angetreten, den Wert der Aktien zu mehren. Warum sollte sich "Mr. Shareholder-Value" bei einem solchen Kursverlauf halten können?
Kessler: Ich gehe bisher davon aus, dass er bleibt, weil Großaktionäre wie die Deutsche Bank zu ihm stehen. Es müsste eine Überzeugung geben, dass es ohne ihn besser geht. Allein auf Grund einer falschen Bemerkung wird man ihn nicht in die Wüste schicken. Aber er hat seine Shareholder-Value-Versprechen bisher natürlich nicht eingehalten.
Das Interview führten Carsten Matthäus