Interview mit Arbeitsamt-Personalrat Einsiedler: "Kübel von Jauche" - DER SPIEGEL
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Interview mit Arbeitsamt-Personalrat Einsiedler "Kübel von Jauche"

Nach dem Rücktritt von Bernhard Jagoda ist die Stimmung in den Arbeitsämtern explosiv. Eberhard Einsiedler, Vorsitzender des Hauptpersonalrates in der Bundesanstalt für Arbeit, redet im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Betrugsvorwürfe und seine persönliche Enttäuschung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Der Chef gefeuert, alle reden vom Arbeitsamt-Skandal. Wie ist momentan die Stimmung unter Ihren Kollegen?

Eberhard Einsiedler: Diese Woche waren Personalräte aus fast allen Ämtern der Republik bei uns zu Gast. Die Berichte waren durchweg negativ. Die Kollegen sind frustriert über die Kübel von Jauche, die über sie ausgeschüttet werden. Außerdem ist viel Zorn über die ungerechtfertigte Behandlung von Seiten der Politik. Das sieht man ja auch an der heutigen Pressekonferenz. Wenn da die Forderung aufgestellt wurde, Jagoda und die Arbeitsvermittler müssten sich bei den Arbeitslosen entschuldigen, dann ist das der letzte Schlag ins Genick. Seit Wochen wird der Eindruck erweckt, wir hätten nichts für die Arbeitslosen getan. So etwas führt bei den Kollegen natürlich zu Resignation und Wut.

SPIEGEL ONLINE: In den Arbeitsämtern soll Chaos ausgebrochen sein. Sorgt die Affäre bei den Arbeitssuchenden für mehr Aggressivität?

Einsiedler: Ja, meine Kollegen berichten von einer sehr explosiven Stimmung in den Ämtern. Die Anpöbeleien nehmen zu, auch die Vorwürfe, wir wären Betrüger, würden nicht arbeiten, nur verwalten. Solche Vorwürfe kommen übrigens nicht nur von Arbeitslosen, sondern auch von Arbeitgebern.

SPIEGEL ONLINE: Den Arbeitsämtern wird vorgeworfen, Vermittlungsstatistiken geschönt zu haben. Halten Sie die im Rechnungshofbericht genannte Kritik für falsch?

Einsiedler: Wenn man die Untersuchung nur in fünf Ämtern macht und dann weder mit den Mitarbeitern noch mit dem Arbeitgeber spricht, sondern sofort das Ministerium informiert, dann befremdet mich das schon. Den Vorwurf selbst halte ich auch nicht für gerechtfertigt. Der Eindruck, das 70 Prozent falsch gebucht wurden, ist falsch. Nach vorläufigen Ergebnissen unserer Innenrevision ist nur ein Drittel der Buchungen nicht aufgeklärt, zwei Drittel sind korrekt gebucht. Manches liegt auch an unserer EDV: Bei neuen Stellenangeboten werden beispielsweise alte überschrieben. Der Vorwurf, dass hier Daten willentlich gelöscht wurden, ist schlicht unrichtig.

SPIEGEL ONLINE: Bernhard Jagoda musste als erster Präsident der Bundesanstalt vorzeitig seinen Hut nehmen. Ärgert sie das?

Einsiedler: Für die Art und Weise, wie man mit einem verdienten Sozialpolitiker und Leiter dieser Behörde umgeht, fehlen mir vornehme Worte. Das ist eine Sauerei, das hat er nicht verdient. Ihn jetzt hinzustellen, als würde er einfach mit einer großzügigen Rente in den Ruhestand gehen, ist eine weitere Unverschämtheit.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Nachfolger Florian Gerster?

Einsiedler: Die Personalentscheidung war für uns schon überraschend. Ich kenne ihn nicht persönlich, habe aber seine Arbeit in Rheinland-Pfalz verfolgt. Da hat er sicherlich einen guten Ruf. Allerdings sind wir gespannt auf die Ideen der Kommission. Wir gehen davon aus, dass es Reformen gegen das Personal nicht geben kann. Wenn beispielsweise die Rede von mehr Kundenorientierung ist, dahin bewegen wir uns schon. Unter dem Titel "Arbeitsamt 2000" sind bereits Veränderungen in Gang. Der Vorwurf fehlender Kundennähe trifft uns genau zum falschen Zeitpunkt. Erst kürzlich hat uns die Stiftung Warentest bescheinigt, dass wir uns zu einem modernen Dienstleitungsunternehmen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass Ihnen jetzt harte Zeiten bevorstehen?

Einsiedler: Die Zeiten in der Arbeitsverwaltung waren immer hart. Wenn jetzt die berühmten neuen Besen kommen, wird es sicher nicht einfacher. Aber ich hoffe, dass bald wieder Sachlichkeit und Vernunft einkehren werden.

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie nun einen Stellenabbau in Ihrer Behörde?

Einsiedler: Da muss man jetzt abwarten, was die Kommission macht. Wenn der Gesetzgeber meint, auf Bereiche wie Kindergeld und die Verfolgung illegaler Beschäftigung verzichten zu können, dann werden wir das nicht verhindern können. Wenn aber mehr Mitarbeiter in der Arbeitsvermittlung eingesetzt werden sollen, dann braucht es eher mehr Personal. Ich möchte nicht sehen, was in dieser Republik los ist, wenn jetzt für mehr Vermittlungsaktivitäten bei der Auszahlung von Arbeitslosenhilfe Mitarbeiter abgezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihre persönliche Stimmung?

Einsiedler: Am Boden. Ich muss Ihnen sagen, ich habe das Gefühl einer ganz großen Enttäuschung. Die letzten drei Wochen waren sicherlich die schlimmsten, die ich in meiner Tätigkeit in der Bundesanstalt bisher erlebt habe. Es ist für mich auch eine sehr große menschliche Enttäuschung, wie mit unserem Präsidenten und mit Kollegen umgegangen wird, die versuchen, die Programme der Regierung umzusetzen. Als Mitglied der SPD trifft mich der momentane Ton innerhalb der Partei gegenüber der Bundesanstalt besonders hart.

Das Interview führte Carsten Matthäus