Interview mit Consors-Chef Schmidt "Standortnachteil für Existenzgründer"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Schmidt, vor wenigen Jahren waren Sie noch BWL-Student an der Universität Nürnberg-Erlangen, heute gelten Sie als einer der Vorzeigemanager der New Economy. Was brachte Sie dazu, Unternehmer zu werden?
Karl Matthäus Schmidt: Als Praktikant bei einer Bank habe ich einmal einen heißen Anlagetipp bekommen und in Aktien einer kanadischen Goldmine investiert. Ein halbes Jahr später war die Mine pleite. Da dachte ich mir, das kann ich ohne Anlagetipps besser. Ich habe dann viel über Aktienmärkte gelesen und bin so als Autodidakt Anleger geworden. An der Uni habe ich festgestellt, dass viele ähnlich denken. Das war die Grundsteinlegung für Consors.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater, der selbst Bankier ist, hat Sie bei der Gründung mit einem Startkapital von zwei Millionen Mark unterstützt. Welche Hilfe können andere Jungunternehmer erwarten, die keine reiche Familie haben?
Schmidt: Heutzutage ist Geld überhaupt kein Hindernis mehr. Es ist mittlerweile wesentlich leichter, von Venture-Capital-Firmen oder Business Angels finanzielle Unterstützung für neue Ideen zu erhalten.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch sind Karrieren wie die Ihre in Deutschland eher selten.
Schmidt: In Deutschland fehlt eine Unternehmerkultur. Das fängt in der Schule an: Was lernt man da schon über Wirtschaft und Börse? An den Universitäten werden Studenten nicht zum Unternehmer, sondern eher für Jobs in Großkonzernen und Staatsabteilungen ausgebildet. Selbst im Betriebswirtschaftsstudium wird praktisches Rüstzeug kaum vermittelt. Dieses Bildungsproblem spiegelt sich auch in der Gesellschaft. Wenn in Amerika jemand arbeitslos wird, versucht er sich als Kleinunternehmer. Diese Einstellung haben wir hier nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was müsste getan werden, um eine Unternehmerkultur zu fördern?
Schmidt: Neben einer Änderung des Bildungssystems müssten die Standortbedingungen attraktiver werden. Es ist heute ganz unmöglich, etwa Amerikaner, Briten oder Schweizer nach Deutschland zu holen. Erst wenn die steuerliche Gesetzgebung international wettbewerbsfähig ist, können wir Mitarbeiter aus Ländern gewinnen, die in ihrer Entwicklung schon weiter sind. Das wäre wie eine Frischzellenkur. Außerdem sollten - ähnlich wie in Amerika - die Aktienoptionen für Mitarbeiter steuerlich begünstigt werden. Für Start-ups sind Stock Options ein wichtiges Motivationsvehikel. Solche Steuersubventionen halte ich für wichtiger als die Milliarden, die etwa in Kohle und Bergbau gesteckt werden.
SPIEGEL ONLINE: Legt die Politik den Existenzgründern Steine in den Weg?
Schmidt: Wenn beispielsweise ein Risikokapitalgeber fünf Prozent einer jungen Firma übernimmt und sie so mit Geld ausstattet, dann muss er Steuern zahlen, wenn er diesen Anteil später wieder verkauft. Das ist ein wesentlicher Standortnachteil für Existenzgründer.
SPIEGEL ONLINE: Anleger und Kapitalgeber sind nach den jüngsten Kurseinbrüchen am Neuen Markt und dem Fall des ehemaligen Börsenlieblings EM.TV skeptischer geworden. Verschlechtert die Katerstimmung an der Börse die Chancen für Start-ups?
Schmidt: Wir hatten im Frühjahr am Neuen Markt einen übertriebenen Boom. Für Existenzgründer war es zu dieser Zeit sehr einfach, an Geld zu kommen. Die momentane Bereinigung wird kurzzeitig bei den Anlegern zu Enttäuschung führen. Mittelfristig wird der Neue Markt aber weiterhin neue Ideen fördern, von denen sich die eine oder andere zu einem großen Geschäftserfolg entwickeln kann. Für gute Ideen ist nach wie vor Geld da.
Das Interview führte Martin Paetsch