Interview mit Gartner-Chef Speed, Speed, Speed
SPIEGEL ONLINE:
Herr Fleisher, Ihre Unternehmensberatung Gartner behauptet, der nächste große Unternehmenstrend sei das "Realtime-Enterprise", das Echtzeit-Unternehmen. Was genau soll das sein?
Michael Fleisher: Wir beobachten seit Jahren, dass sich die Geschwindigkeit beschleunigt, in der Unternehmen ihre Geschäfte abwickeln. Wir glauben, dass in spätestens zehn Jahren die meisten Geschäftsprozesse in Echtzeit oder zumindest beinahe in Echtzeit ablaufen werden.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?
Fleisher: Klar, nehmen Sie beispielsweise den Computerhersteller Dell. Das Unternehmen lagert praktisch keine für die Produktion seiner Rechner benötigten Teile mehr in seinen Fabriken. Dell hat lediglich Inventar für 90 Minuten vorrätig. Das ist schon ziemlich nahe an einem in Echtzeit operierenden Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist der Grund für diese Entwicklung?
Fleisher: Die Kunden wollen es so. Kennen Sie das, wenn man im Supermarkt in der Schlange steht und der Typ vor einem will plötzlich nicht bar, sondern mit Karte zahlen und es dauert länger? Wir sind bei so was doch alle sofort frustriert, weil uns jemand zwei Minuten von unserer privaten Zeit stiehlt. Zeit ist unser wertvollstes Gut geworden. Und überall, wo man noch Zeit aus einem Ablauf oder Prozess in Unternehmen herauspressen kann, wird das geschehen. Außerdem spart es in vielen Fällen viel Geld - siehe Dell.
SPIEGEL ONLINE: Wenn alles in Echtzeit läuft, müssen die Menschen dann auch schneller und länger arbeiten?
Fleisher: Das ist teilweise noch unklar. In dem Beispiel mit dem Supermarkt sollte das Geschäft so organisiert sein, dass der Kunde die Waren schnell finden und schnell bezahlen kann. Das bedeutet nicht unbedingt, dass irgendjemand länger oder schneller arbeiten muss, vorausgesetzt, die Abläufe werden optimiert.
SPIEGEL ONLINE: Echtzeit klingt aber nach 24-Stunden-Betrieb und Dauerkommunikation - und das klingt nach mehr Stress.
Fleisher: Nicht unbedingt. Sie können doch bereits heute per E-Mail, Handy oder Instant Messenger in Echtzeit kommunizieren. Aber meine Erfahrung ist, dass es nicht diese Technologien sind, die die Leute unter Druck setzen. Das machen die Leute selber. Wenn Sie nicht die Erwartung erzeugen, dass E-Mails von Ihnen sofort beantwortet werden, dann entsteht auch kein Druck auf Sie.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, das kann der Einzelne frei entscheiden?
Fleisher: Ja! Ein gutes Beispiel ist Rudy Giuliani in seiner Zeit als Bürgermeister von New York. Giuliani ist ein Medientyp. Er verschaffte der Presse überall Zutritt. Er teilte den Journalisten detailliert mit, wo er das Wochenende verbringen würde. Folglich hatte die Presse die Erwartung, dass es ihr Recht sei, an allen Aspekten des Lebens von New Yorks Bürgermeister teilzuhaben. Dann kam der neue Bürgermeister Michael Bloomberg, dem sein Privatleben wichtig ist. Der hat den Journalisten gleich am ersten Tag gesagt: Wo ich am Wochenende bin, geht euch nichts an. Und wenn ihr trotzdem fragt, braucht ihr mir gar keine Fragen mehr zu stellen. Damit hatte er die Erwartungen total verändert - und das Thema war passé.
SPIEGEL ONLINE: Ist so eine Echtzeit-Ökonomie nicht mit enormen Risiken verbunden?
Fleisher: Natürlich gibt es Risiken. Nach dem 11. September hatten wir in den USA vier Tage lang keinen Flugverkehr. Und der Hafenarbeiter-Streik an der Westküste hat die gesamte Wirtschaft durcheinander geschüttelt. Bei Abläufen in Echtzeit ist das ein veritables Problem. Aber dafür verschwinden ja viele der alten Risiken. Denken Sie an das Beispiel Dell. Die kaufen praktisch keine Teile mehr, die später unnütz im Lager liegen - das war früher mal ein enormes Risiko. Wenn man einen seiner Geschäftsprozesse der Echtzeit annähert, muss man eben jedes Mal Kosten und Nutzen abwägen.
SPIEGEL ONLINE: Wird sich dieser von Ihnen postulierte Trend auch an den Finanzmärkten niederschlagen?
Fleisher: Oh ja. Wir gehen davon aus, dass Aktiengesellschaften demnächst monatlich, wöchentlich, vielleicht sogar täglich Finanzberichte veröffentlichen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht betriebswirtschaftlicher Wahnsinn?
Fleisher: Auch hier stellt sich wieder die Kosten-Nutzen-Frage. Wenn ich der Marktführer in meiner Branche bin und ich weiß, dass meine Zahlen gut sind, dann kann ich durch häufige Finanzberichte dafür sorgen, dass mein Aktienkurs sich früher nach oben bewegt, als er dies bei herkömmlicher Quartalsberichterstattung getan hätte. Damit habe ich früher einen Wettbewerbsvorteil, das kann sich schon lohnen.
SPIEGEL ONLINE: Kann man bei solch einer halsbrecherischen Geschwindigkeit ein Unternehmen denn noch vernünftig steuern?
Fleisher: Sie brauchen natürlich ein gutes Armaturenbrett mit hervorragenden Daten. Viele Unternehmen haben so etwas heute schon. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Zukunft im Vorstand eine neue Funktion gibt, einen Chief Monitoring Officer. Dessen vornehmliche Aufgabe wird es sein, ständig die Anzeigen zu prüfen und zu schauen, ob irgendwo ein rotes Lämpchen aufleuchtet.
SPIEGEL ONLINE: Werden unsere Regierungen und Behörden irgendwann auch in Echtzeit arbeiten?
Fleisher: Nein. Ich denke die Kluft zwischen Privatunternehmen und der öffentlichen Hand wird weiter zunehmen. Regierungen werden ihre Geschwindigkeit nicht in dem Ausmaß erhöhen, wie es Privatunternehmen tun werden.
Das Interview führte Thomas Hillenbrand