Interview mit IG-Metall-Vize Huber "Jetzt will Siemens Tabula rasa machen"
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Herr Huber, es sieht so aus, als müssten Sie bei Siemens entweder Zugeständnisse bei der Arbeitszeit und bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld machen - oder den Verlust Tausender Jobs riskieren. Keine sehr komfortable Position.
Huber: Augenblick - wir können erst anpacken, wenn wir die Fakten kennen. Noch wissen wir gar nicht, was Siemens genau will. Wir haben am Mittwoch zum ersten Mal die möglichen Zahlen gehört. Bei der Siemens AG sind demnach 5000 Arbeitsplätze bedroht, bei der Tochter VDO 4000, bei SBS 700 und bei Bosch-Siemens Hausgeräte 3000. Aber alles wird relativ vage gelassen. Wir wissen nicht, ob diese Stellen nur in Gefahr sind oder ob es konkrete Projekte zur Verlagerung gibt.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie werfen Siemens mangelnde Aufklärung vor?
Huber: Ja. Es scheint ihnen in der jetzigen Phase vor allem darum zu gehen, die Beschäftigten unter Druck zu setzen. Da wird der große Hammer rausgeholt. Auf dieser Ebene kann man keine Lösung finden.
SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie denn Proteste starten, wenn Sie gar nicht genau wissen wogegen?
Huber: Wir wissen immerhin, dass es sich um ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm handelt. Das können wir nicht schweigend zur Kenntnis nehmen. Wenn Siemens in den Wald rein schreit, kommen nicht nur Nettigkeiten zurück. Wir werden Anfang kommender Woche die Belegschaften informieren. Dann folgen Betriebsversammlungen, Unterschriftensammlungen. Möglicherweise machen wir einen Aktionstag.
SPIEGEL ONLINE: Kompromissangebote werden Sie aber auch machen müssen.
Huber: Wenn tatsächlich Probleme bestehen, hat die IG Metall immer Gespräche geführt. Dieser Grundsatz gilt auch für Siemens.
SPIEGEL ONLINE: In der Siemens-Handyreparatur in Bocholt haben Sie ja schon eine Einigung gefunden und 200 Jobs gesichert.
Huber: Wir haben dort eine neue, längere Jahresarbeitszeit vereinbart. Wenn keine Aufträge da sind, wird nur 30 Stunden pro Woche oder weniger gearbeitet, in der Spitze sind es 48 Stunden. Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld sind für zwei Jahre durch Ergebniszahlungen ersetzt worden. Die Spätarbeitszuschläge fallen weg. Es ist nicht so, als würden die 200 Beschäftigten in Bocholt Hurra schreien. Aber im konkreten Fall sind wir auch zu bitteren Lösungen bereit.
SPIEGEL ONLINE: Kann man dieses Modell denn auf den Gesamtkonzern übertragen?
Huber: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Siemens scheint genau das zu wollen. Warum geht es nicht?
Huber: Weil die Handyreparatur in einer ganz spezifischen Notlage steckt. Siemens ist der einzige in Deutschland produzierende Handyhersteller, der überhaupt hier zu Lande repariert. Da kann man Bocholt nicht zum Modell stilisieren. Man muss Siemens fragen: Wollt ihr überall euren Fundamentalismus durchsetzen? Dann gibt es eben Krawall.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich selbst in die Verhandlungen eingeschaltet. Haben Sie das getan, weil Sie fürchten, dass Siemens Präzedenzfälle für andere Konzerne schafft?
Huber: Das würde ich nicht überhöhen. Tarif- und Betriebspolitik gehören zu meinem Job. Ich bin ja sozusagen Chief Operating Officer der IG Metall.
SPIEGEL ONLINE: Der Chief Executive Officer von Siemens, Heinrich von Pierer, galt immer als jemand, der auf Konsens mit den Arbeitnehmern Wert legt. Ist es nicht ein Alarmsignal, wenn auch er jetzt auf Konfrontation geht?
Huber: Die Öffentlichkeit hat manchmal ein falsches Bild, wie nett es bei Siemens zugeht. Wir hatten schon in den vergangenen Jahren heftige Auseinandersetzungen. Aber in der Tat: Wir haben bei Siemens jetzt eine andere Qualität. Das Verhältnis zu Jobverlagerung und Globalisierung ist ein neues. Wir hätten ja nichts dagegen, Jobs in anderen Ländern zu schaffen, um dort neue Märkte zu erschließen. Aber hier soll ja Tabula rasa in Deutschland gemacht werden. Am Mittwoch ist uns erklärt worden, dass Siemens die Anteile der Beschäftigung an den Anteilen der Umsätze im jeweiligen Land ausrichten will. Das ist eine offensive Verlagerungsstrategie.
SPIEGEL ONLINE: Die bedeuten würde, dass Siemens langfristig weit mehr als 10.000 Stellen aus Deutschland verlegen müsste.
Huber: Ja, das ist so. Der Vorstand vollzieht hier einen Paradigmenwechsel. Auch deshalb muss sich Herr von Pierer endlich erklären: Will er der Edmund Stoiber der Industrie werden? Will er die Arbeitszeit in Deutschland generell ausweiten?
SPIEGEL ONLINE: Wird der Druck auf deutsche Industriejobs ab Mai noch größer, wenn die EU gen Osten erweitert wird?
Huber: Darauf müssen wir uns einstellen. Insbesondere die Konkurrenz um einfache Arbeit wird eine neue Qualität erreichen. Davor kann die IG Metall nicht davon laufen. Manchmal kann das zu sehr heftigen Auseinandersetzungen führen.
SPIEGEL ONLINE: Das Argument, dass in Ungarn 20, 30 Prozent billiger produziert werden kann, klingt ja auch sehr plausibel.
Huber: Wenn Sie nur die Lohnkosten ansehen, stimmt es ja auch. Wenn Sie die Gesamtkosten nehmen, sieht es schon anders aus.
SPIEGEL ONLINE: Aber kann die Tarifpolitik angesichts eines solchen Gefälles überhaupt noch gegenhalten, wenn Konzerne drohen?
Huber: Ja, indem wir nicht darauf eingehen. Sonst müsste man den Offenbarungseid leisten und sagen: Es siegt der, der zu den niedrigsten, unglaublichsten Löhnen produzieren kann. Ich war erst Ende letzten Jahres in Ungarn - da ist die Klage der Betriebsräte die gleiche wie hier. Die werden mit dem Argument unter Druck gesetzt, dass die Produktion in Polen mindestens 20 Prozent billiger ist.
Wenn wir da mitmachen würden, hätten wir in Deutschland das Phänomen der working poor wie in den USA. Die Mieten bei unseren Leuten schrumpfen ja nicht. Sollen wir unsere Arbeitnehmer also in vorauseilendem Gehorsam ins Baltikum verschiffen? Auch die Politik kann sich um die Frage der Job-Verlagerung nicht mehr herum drücken.
SPIEGEL ONLINE: Was soll sie denn tun?
Huber: Gegenwärtig werden Industrieansiedelungen im Osten der EU mit Subventionen aus Brüssel gesponsert. Da zahlt man in Deutschland Steuern und wird mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bestraft. Es muss hier neue Regeln für die Globalisierung geben.
SPIEGEL ONLINE: Sie fordern also von der Bundesregierung, sich in Brüssel für die Änderung der Subventionsregeln einzusetzen?
Huber: Nicht nur von der Bundesregierung, auch von den Ländern, ja.
SPIEGEL ONLINE: Der Kanzler und andere SPD-Politiker haben die Jobverlagerungen aus Deutschland weg als "unpatriotisch" kritisiert. Sehen Sie das auch so?
Huber: Mit dem Patriotismus tue ich mich schwer - die Gesinnung sollte man bei solchen Fragen herauslassen. Die IG Metall hat nie gesagt: "Buy German". Das wäre der patriotischste Akt von allen. Aber es wäre falsch. Wir können nicht jede Stelle in Deutschland erhalten. Aber bei den innovativen, den qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen müssen wir für jeden kämpfen.
Das Interview führte Matthias Streitz