Interview mit Ökonom Guntram Wolff über die Bankenunion - DER SPIEGEL
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Europas Banken in der Krise "Ich warne vor Großzügigkeit"

Europas Wackelbanken bedrohen noch immer das Wachstum, auch fünf Jahre nach der Lehman-Pleite. Notleidende Geldhäuser müssen zügig frisches Kapital bekommen, fordert der Ökonom Guntram Wolff im Interview - oder endlich dichtgemacht werden.
Finanzviertel Frankfurt: "internationaler Bankenmarkt funktioniert nicht"
Finanzviertel Frankfurt: "internationaler Bankenmarkt funktioniert nicht"

Finanzviertel Frankfurt: "internationaler Bankenmarkt funktioniert nicht"

Foto: ? Kai Pfaffenbach / Reuters/ REUTERS
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SPIEGEL ONLINE: Herr Wolff, am Wochenende präsentierten Sie den EU-Finanzministern und Notenbankchefs eine Studie über die Zukunft des Finanzsystems. Ist es den Regierungen fünf Jahre nach der Lehman-Pleite gelungen, die Krise in den Griff zu bekommen?

Wolff: Wir haben in Europa sehr viele und sehr hoch dotierte Bankenprogramme gesehen. Doch der internationale Bankenmarkt in Europa funktioniert immer noch nicht. Kreditinstitute leihen einander über Grenzen hinweg kein Geld. Die USA kamen mit wesentlich weniger Hilfsprogrammen aus und nahmen dafür wesentlich mehr Bankschließungen in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie den Politikern und Notenbankchefs empfohlen? Mehr Bankpleiten?

Wolff: Wir müssen die Bankenunion vervollständigen. Außerdem brauchen wir in einer Währungsunion einen funktionierenden Finanzmarkt, um Risiken über Grenzen hinweg zu teilen und Schocks abzufedern. Dazu ist es nötig, dass sich auch die Aktien- und Anleihemärkte europäisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie Kreditinstitute schließen, ohne dass das System zusammenbricht?

Wolff: Es braucht europäische Standards, wann welche Gläubiger bei einer Pleite ihr Geld verlieren und nach welchen Kriterien sie abgewickelt werden. Da gibt es einen fundamentalen Dissens zwischen Frankreich und Deutschland, der hoffentlich nach der Bundestagswahl aufgelöst werden kann. Den Deutschen ist die rechtliche Basis zu schwach, aufgrund derer eine europäische Institution eine Bank schließen kann. Sie wollen Bankgläubiger möglichst früh an den Folgen einer Pleite beteiligen. Frankreich will die Gläubiger erst einmal schonen, weil sonst Finanzinstabilität befürchtet wird.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von der Europäischen Zentralbank (EZB), die demnächst die Bilanzen der größten Institute analysieren wird?

Wolff: Die EZB muss Institute, die zu viele faule Kredite mit sich herumschleppen, zur Rekapitalisierung oder Schließung zwingen. Ich warne vor Großzügigkeit. Das wäre ein Problem für Europa und für die Glaubwürdigkeit der EZB. Und die Realwirtschaft hat auf Dauer nichts davon, weil strukturell schwache Banken auch in Zukunft keine Kredite vergeben.

SPIEGEL ONLINE: Sind EZB-Chef Mario Draghi und die anderen Notenbankchefs bereit, die Wahrheit auf den Tisch zu legen?

Wolff: Es gab immer wieder Stresstests, bei denen auch danach nicht klar war, wie groß die Probleme wirklich sind. Die EZB betont zu recht, dass die Regierungen sich auf die Rekapitalisierung schwacher Banken vorbereiten müssen. Banken sollten über Grenzen hinweg fusionieren können. Das würde eine Grundlage für den gemeinsamen Bankenmarkt schaffen. Wir brauchen dort weniger nationale Industriepolitik.

SPIEGEL ONLINE: Viele EU-Länder wollen den Rettungsfonds ESM nutzen, um Banken mit frischem Geld zu versorgen. Kritiker warnen, dass dann schnell die Mittel des ESM erschöpft sind.

Wolff: Wie hoch die Kosten für eine Rekapitalisierung der Banken sind, weiß niemand. Die Bandbreite der Schätzungen reicht von 50 Milliarden bis zu einer Billion Euro. Wenn das Problem quantifiziert ist, wird es darum gehen, die Kosten zu verteilen. Privatgläubiger müssen aber zuerst an den Kosten beteiligt werden.

SPIEGEL ONLINE: Muss der Solidarfonds ESM aufgestockt werden?

Wolff: Möglicherweise. Aber es ist billiger, Banken zu rekapitalisieren, als lange kein Wachstum zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dafür plädiert, den ESM zu einer Art Europäischem Währungsfonds auszubauen, mit klar definiertem Mandat und geringeren Anforderungen an Stimmenmehrheiten.

Wolff: Wir brauchen einen Europäischen Währungsfonds, der letztlich die Funktionen der Troika übernimmt. Er kann in extremen Notsituationen helfen und dafür Reformen einfordern. In der Troika ist eine ungesunde Mischung entstanden. Die EU-Kommission handelt im Auftrag der Euro-Gruppe, hat aber eigentlich andere Gemeinschaftsaufgaben. Die EZB verhandelt bei den Hilfsprogrammen mit, will aber gleichzeitig unabhängig über geldpolitische Stützungsmaßnahmen entscheiden. Und wir haben als dritte Institution den Internationalen Währungsfonds (IWF), der natürlich zunehmend nervös wird.

SPIEGEL ONLINE: Soll also ein Europäischer Währungsfonds EWF den IWF ersetzen?

Wolff: Der IWF wird noch einige Zeit dabei sein, und das ist wegen seiner Expertise auch gut so. Doch er kann sich nicht auf Dauer in Europa so stark finanziell beteiligen. Derzeit stellt er ein Drittel aller Hilfsmittel. Er wird runtergehen auf zehn Prozent, wie er es auch schon in Zypern gemacht hat. So kann er in Fällen, wo er das Programm nicht mittragen möchte, relativ leicht aussteigen.

Das Interview führte Christoph Pauly