Interview Scharfer Kurssturz im Frühjahr
New York - Der Harvard-Absolvent und "Business Week"-Autor Mandel gilt als großer Fürsprecher der "New Economy". Seiner Ansicht nach droht die amerikanische Wirtschaft aber ihren wichtigsten Wachstumsmotor bald zu verlieren. Er befürchtet, dass die Finanzquellen der aufstrebenden Hightech-Firmen versiegen werden, wenn nicht bald etwas geschieht.
SPIEGEL ONLINE: Herr Mandel, die Kritiker werfen Ihnen vor, in Ihrem neuen Buch Schwarzmalerei und Übertreibung zu zelebrieren.
Mandel: Ich habe jetzt vielleicht das Image eines "Doomsayers", aber geschlagen hat man mich noch nicht. Seitdem mein Buch im Handel ist, haben sich viele Leute meiner Position angenähert. Die meisten sagen zwar nicht, dass es zu einer echten Krise kommen wird, sie sehen aber die Zeichen der Verlangsamung am Markt.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Buch im Sommer beendet. Wie hat sich die Situation Ihrer Meinung nach seither verändert?
Mandel: Es entwickelt sich ähnlich, wie ich es vorausgesagt hatte. Wir sehen an den Märkten derzeit das Vorspiel zu dem, was eine kommende Rezession werden könnte. Die US-Börsenmärkte gingen weiter nach unten.
SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie in den nächsten Monaten?
Mandel: Im nächsten Frühjahr oder Sommer sehe ich nochmals einen scharfen Kurssturz, wenn den Risikokapitalgesellschaften in den USA das Geld ausgeht. Das wird eine weitere Drosselung der Wirtschaft zur Folge haben. Und dann wird die Frage sein, ob die US-Notenbank die politischen Schritte unternimmt, die notwendig sind, um die Lage zu stabilisieren. Oder ob es eben dann schon zu spät ist.
SPIEGEL ONLINE: Was sollte die US-Notenbank denn tun?
Mandel: Ich denke, dass sie die Zinssätze bereits jetzt zurückfahren sollte. Aber ich glaube nicht, dass sie das machen wird. Wenn die Notenbank bis Ende nächsten Jahres wartet, ist es zu spät. Auch von den anderen globalen Zentralbanken erhoffe ich eine aktive Politik. Momentan schauen alle noch zu sehr auf die Arbeitslosenquote. Doch die wird das Letzte sein, was ansteigt.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kritiker sagen, dass immer noch sehr viel Risikokapital vorhanden sei. So ist in diesem Jahr die Geldmenge, die für die Innovationsförderung zur Verfügung steht, in den USA nochmals gestiegen.
Mandel: Natürlich fließt das Geld derzeit noch. Die Geschichte zeigt, dass es ein Jahr dauern kann, bis die Auswirkungen eines Börsencrashs im Venture-Capital-Sektor weitläufig erkennbar sind. Die Kapitalgeber sind derzeit noch liquide. Wenn aber die Returns [durch Börsengänge an den Aktienmärkten - d. Red.] deutlich geringer werden, wird es viel härter, neues Geld in die Fonds zu bekommen. Die kleinen und jungen Venture Capitalists werden eingehen, die Etablierten weniger Mittel haben und seltener bereit sein, sie auszugeben.
SPIEGEL ONLINE: Risikokapital war in Amerika doch immer vorhanden.
Mandel: Aber auf einem erheblich niedrigeren Niveau, selten über fünf Milliarden Dollar im Jahr! Wenn wir dahin zurückfallen, haben wir unsere Depression. Ein deutlicher Rückschritt wäre es bereits, wenn wir von den derzeit jährlich 100 Milliarden Dollar Investitionssumme auf vielleicht 30 Milliarden Dollar absinken.
SPIEGEL ONLINE: Viele der Internet-Firmen, die derzeit Pleite gehen oder Mitarbeiter entlassen, hatten wenig vielversprechende Geschäftsmodelle.
Mandel: Wie wissen wir denn, was sich durchsetzt und was nicht? Sie können nie im Vorhinein sagen, welche Firmen funktionieren werden und welche eingehen. Der Grund, warum die New Economy so gut lief, ist ja, dass die Leute nicht voreilig abschätzten, was ein Erfolg werden kann, auch wenn Firmen vielleicht ein paar Jahre keinen Gewinn machen. Das ist ein Geschäft mit hohem Risiko und hohen Returns, wenn es klappt.
Die wirkliche Frage ist doch, ob es gerechtfertig ist, den geförderten Firmen so lange Zeit zu geben. Natürlich sind die mit dem Internet verbundenen Technologien und die IT-Wirtschaft echte Dinge, die sehr solide sind und nicht einfach verschwinden werden. Aber je mehr Kapital in neue Firmen fließt, um so besser wird die Wirtschaft im Bereich schneller Innovationen. Wenn dieses Kapital austrocknet, bricht der ganze Wachstumsmotor sehr schnell zusammen.
Die Fragen stellte Ben Schwan
Michael J. Mandel: "The Coming Internet Depression". Basic Books, New York; 184 Seiten; 24 US-Dollar - die deutsche Ausgabe erscheint im Frühjahr 2001.