Interview Scheurle wurde aus dem Amt gedrängt
SPIEGEL ONLINE:
Gerüchte kursieren, dass die Chefs der Telekom und der Post versucht haben sollen, Klaus-Dieter Scheurle aus seinem Amt zu drängen. Können Sie das bestätigen?
Manfred Herresthal: Uns ist bekannt, dass sowohl Ron Sommer wie auch Klaus Zumwinkel wiederholt beim Wirtschaftsminister Druck gemacht haben, weil ihnen die Liberalisierung zu weit geht. Das Fass wurde offensichtlich dadurch zum Überlaufen gebracht, dass einmal die Auflage in Richtung Flatrate gekommen ist. Im Bereich der Post war es die Genehmigung von Teilleistungsverträgen.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Abgang von Herrn Scheurle für die Liberalisierung der Märkte für Post und Telekommunikation?
Herresthal: Wir gehen davon aus, dass die Liberalisierung nicht zurückgedreht wird. Aber es wird in Zukunft mit ziemlicher Sicherheit langsamer vorangehen. Das gilt sowohl für die Post wie auch für die Telekom.
SPIEGEL ONLINE: Wo befürchten Sie Verzögerungen?
Herresthal: Auf Seiten der Post ist jetzt schon abzusehen, dass das Briefmonopol nicht - wie geplant - 2002 fällt, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit erst 2007 oder 2009. Da wird mit Sicherheit kein Druck mehr von der Regulierungsbehörde kommen. Die Telekom hat ja immer noch ein Quasi-Monopol im Ortsnetzbereich. Hier befürchten wir, dass dieser Zustand bestehen bleibt.
SPIEGEL ONLINE: Welche Liberalisierungsschritte sind Ihrer Meinung nach vordringlich?
Herresthal: Aus unserer Sicht müsste mehr Wettbewerb bei Telefonaten im Ortsnetz entstehen. Aber da haben wir momentan wenig Hoffnung.
SPIEGEL ONLINE: Versucht, die Bundesregierung ihrer Meinung nach, die Liberalisierung zu verhindern?
Herresthal: Verhindern nicht, aber verzögern. Ziemlich klar ist, dass das ganze Thema Liberalisierung gestreckt werden soll. Das gilt besonders, seit die neue Regierung im Amt ist.
Das Interview führte Carsten Matthäus