Interview zu SARS-Folgen in Kanada: "Das wird unser Wachstum halbieren" - DER SPIEGEL
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Interview zu SARS-Folgen in Kanada "Das wird unser Wachstum halbieren"

Keine große Industrienation wuchs bisher so dynamisch wie Kanada, doch nun bedroht die Lungenseuche SARS den Musterknaben. Ted Carmichael, Kanada-Chefvolkswirt von JP Morgan Chase in Toronto, sprach mit SPIEGEL ONLINE über den lahmenden Aufschwung, das Siechtum der Hotelbranche - und verwaiste China-Restaurants.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Carmichael, die Gesundheitsbehörden haben erklärt, der Krieg gegen SARS in Kanada sei so gut wie gewonnen. Trotzdem fürchten Sie gravierende ökonomische Folgen. Warum?

Ted Carmichael: Die Zahl der gemeldeten Fälle rund um Toronto geht zwar zurück, doch der Krieg gegen SARS ist noch lange nicht vorüber. Die Anzahl der Erkrankten außerhalb Torontos und der Provinz Ontario wächst, allein am Donnerstag gab es in Vancouver sieben neue Fälle. Das ist beunruhigend.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie beziffern, wie stark Kanadas Volkswirtschaft unter SARS leiden wird?

Carmichael: In unserer letzten Studie gingen wir noch davon aus, dass sich die Wachstumsrate des Bruttosozialproduktes im zweiten Quartal ungefähr halbiert. Demnach würde die Wirtschaft nicht mehr um zwei oder 2,5 Prozent wachsen, sondern um nur ein Prozent.

Seitdem hat sich einiges getan: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat von Reisen nach Toronto abgeraten, noch mehr Tagungen und Geschäftsreisen wurden abgeblasen. Deshalb wird die Wirtschaft wohl auch im dritten Quartal unter SARS leiden und nicht viel stärker wachsen als 1,5 Prozent. Und normalerweise wären dann Raten von 3,5 Prozent möglich, weil die US-Wirtschaft anzieht und Kanada profitieren müsste.

SPIEGEL ONLINE: Wird die kanadische Wirtschaft das verlorene Wachstum zum Jahresende oder später nachholen können?

Carmichael: Nein, kaum. Viele der Tagungen und Messen, die jetzt ausfallen, werden nicht wiederholt. Andere wandern nach Chicago oder in andere US-Städte ab und wir bekommen sie nicht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Kollegen scheinen weniger pessimistisch zu sein als sie.

Carmichael: Viele haben noch gar keine Prognosen gewagt - wir waren nur schneller, nicht pessimistischer. Auch die Zentralbank hat bisher nur mitgeteilt, dass sie negative Folgen befürchtet, diese aber nicht quantifiziert. Wir fühlen uns von den neuesten Nachrichten bestätigt. Die Handelskammer in Ontario zum Beispiel meldet, dass ein Drittel aller Unternehmen unter den SARS-Folgen leidet.

SPIEGEL ONLINE: War die WHO-Warnung eigentlich schädlicher als die Wirkung der Krankheit selbst?

Carmichael: Viele Politiker und Geschäftsleute hier denken so, aber ich würde nicht so weit gehen. Die WHO hat ihre Empfehlung nicht unbedacht herausgegeben. Sie wird die Krise aber verlängern und vertiefen. Wir müssen uns deshalb darauf konzentrieren, die Krankheit einzudämmen, damit die Organisation die Warnung zurücknimmt. Selbst danach werden viele zögern, hierher zu reisen - auch noch in der Haupttourismus-Saison.

SPIEGEL ONLINE: Welche Branchen, außer den Airlines und dem Tourismus-Sektor, sind am stärksten betroffen?

Carmichael: Viele Leute könnten zögern, ins Theater oder Kino oder auch nur einkaufen zu gehen. Hier in Toronto ist das Konsumentenvertrauen schon angeschlagen. Wenn in diesen Sektoren die Nachfrage fällt, könnte die Gesamtproduktion sinken - oder die Neigung, neues Personal einzustellen.

Die Auswirkungen auf die Hotels sind übrigens dramatisch. Bereits vor der WHO-Empfehlung waren die Hotels in Toronto zu weniger als 50 Prozent ausgelastet. Der Hotelverband fürchtet inzwischen, dass die Raten auf 30 oder gar 25 Prozent abrutschen. Viele Studenten, die in den Ferien in der Tourismus-Branche jobben, könnten in diesem Jahr keine Arbeit finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist, dass die Krise auch Gegenden jenseits von Toronto erfasst, zum Beispiel die Westküste um Vancouver?

Carmichael: Die Folgen sind schon jetzt gravierend. 16 Prozent aller Kanadier leben in oder um Toronto, 20 Prozent unserer Wirtschaftsgüter werden hier erzeugt. Unser ökonomischer Motor wird geschädigt - und das beeinträchtigt auch Firmen außerhalb, zum Beispiel Zulieferbetriebe. Vancouver ist besonders empfindlich, weil fast 18 Prozent der Bevölkerung chinesische Wurzeln haben und chinesische Betriebe von vielen gemieden werden.

SPIEGEL ONLINE: Besteht das Risiko, dass die Probleme Kanadas den größeren Nachbarn USA in Mitleidenschaft ziehen?

Carmichael: Sofern die USA weitgehend frei von SARS-Fällen bleiben, werden die Auswirkungen gering sein. Das ist auch gut so, denn wir hängen stark von den Vereinigten Staaten ab - 85 Prozent unserer Exporte gehen dorthin.

SPIEGEL ONLINE: Treffen Sie selbst eigentlich irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen, um sich nicht anzustecken?

Carmichael: Wir alle waschen unsere Hände viel öfter als jemals zuvor. Aber ehrlich gesagt sehen Sie in der Innenstadt wenige Leute mit Atemmasken, und das ist auch nicht nötig. Jenseits der Krankenhäuser, in denen die SARS-Patienten liegen, ist das Infektionsrisiko niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Also würden Sie sich noch in ein chinesisches Restaurant trauen?

Carmichael: Würde ich. Aber die China-Restaurants sind in diesen Tagen weitgehend leer.

Das Interview führte Matthias Streitz 

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