Interview zur Medienfusion "Telekom ist im Zugzwang"
SPIEGEL ONLINE:
Hat Sie die Fusion überrascht?
Lützenrath: Das war der logische Schluss einer generellen Entwicklung. Die Time-Branche, gemeint sind Telekommunikation, Informationstechnik, Medien und Elektronikindustrie, wächst immer mehr zusammen. Das gilt für Technik, Netze, Produkte, also auch Märkte, und für ganze Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE Inwiefern?
Lützenrath: Die Firmen versuchen inzwischen, die gesamte multimediale Wertschöpfungskette wie Netzzugang, Inhalte, den so genannten Content, und Service zu integrieren. Time-Konzerne organisieren Multimedia-Wertschöpfungsnetze und das auch durch Zukäufe oder Fusionen. Time Warner als großer Anbieter von Inhalten und Rechten und AOL als größter Online-Dienst passen insofern perfekt zusammen. Insbesondere gilt dies vor der zukünftigen Konvergenz von Fernsehen und Internet.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird die Zusammenarbeit aussehen?
Lützenrath: Mit AOL schafft sich Time Warner neben seinem Breitbandnetz für Rundfunk und Fernsehen einen zweiten Vertriebskanal für seine Inhalte, nämlich das Internet. Umgedreht kann AOL das Breitbandnetz von Time Warner für seine Online-Dienste nutzen. Wird zukünftig der Internetzugang via TV-Gerät Marktstandard - und damit rechne ich - ist dies die perfekte Fusion.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Zusammenschluss für die Konkurrenz?
Lützenrath: Das wird die Medienbranche ordentlich durcheinander wirbeln. Die Telekom zum Beispiel, der größte deutsche Online-Dienst, ist damit in Zugzwang geraten. Sie muss sich grundsätzlich fragen, wie sichere ich mir zukünftig die Inhalte für meine Dienste. Denn die Inhalte sind die lukrative Ware im Netz. In Zukunft wird der Content den Transport, also das Netz, in der Wertschöpfung überholen.
SPIEGEL ONLINE: Das herkömmliche Geschäft tritt also in den Hintergrund
Lützenrath: Genau. Mit der homogenen, also "austauschbaren" Telefonminute, kann man in Zukunft doch kein Geld mehr verdienen, insbesondere vor dem Hintergrund der einbrechenden Tarife. Carrier, also Telefongesellschaften, entwickeln sich daher weg von dem Verkauf von Basisdienstleistungen wie Telefonie hin zum Lösungsanbieter. Und die wichtigste Lösung ist zukünftig der Content.
SPIEGEL ONLINE: Der AOL-Partner in Europa, Bertelsmann, erklärt, alles bleibt in der Zusammenarbeit wie gehabt. Glauben Sie daran?
Lützenrath: Nein, mit Time Warner AOL entsteht ein neuer mächtiger Konkurrent im eigenen Lager. Bertelsmann ist ja auch einer der größten Inhalte-Lieferanten genauso wie Time Warner. Das beißt sich. Kurz oder mittelfristig wird hier etwas geschehen.
SPIEGEL ONLINE: Wäre nicht auch eine Kooperation der Konzerne denkbar?
Lützenrath: Die Time-Branche ist ein internationales Geschäft. Im Internet gibt es keine Grenzen. Es ist egal, wo welcher Server mit welchen Inhalten steht. Sollten sich die beiden Unternehmen zunächst wirklich vertragen, wird das nur von kurzfristiger Natur sein.
Interview: Rüdiger Ditz