BANKEN Intime Einblicke
Es regnete Erdnüsse: Aufgebrachte Stahlarbeiter waren aus dem Ruhrgebiet angereist, um vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt zu protestieren - gegen die Beteiligung des Instituts an der geplanten Fusion von Thyssen und Krupp, gegen die Macht der Banken.
Setzte ein Banker auch nur den Fuß vor die Tür, johlte die aufgebrachte Masse: »Aktien kann man nicht essen.«
IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, mit karierter Schiebermütze ganz im Arbeiterlook, heizte die Stimmung an: »Wir sind nicht in Las Vegas. Denn dort sind die Banditen einarmig«, rief er den Zuhörern zu.
Die Stahlarbeiter waren begeistert. Endlich konnten sie ihre Wut auf die vornehmen Geldmanager herausschreien. »Die Dealer von der Deutschen Bank machen die Gesellschaft krank«, so der Slogan.
Die Arbeiter sind mit ihrer Befürchtung in bester Gesellschaft. Das Image des größten deutschen Kreditinstituts ist ramponiert. Eine deutliche Mehrheit deutscher Manager, so das Ergebnis einer Allensbach-Befragung, würde den Bankeneinfluß lieber heute als morgen zurückdrängen. Überall wachsen Zweifel am bisherigen »bank-based capitalist system« (ECONOMIST), dem von Banken dominierten Wirtschaftssystem der Deutschland AG.
Die Beteiligung der Deutschen Bank an der geplanten Übernahme des Thyssen-Konzerns durch Krupp markiert womöglich das Ende einer Ära. Die Bank - die in beiden Konzernen ein und aus ging - steht unter Beschuß von allen Seiten. Das Prinzip der Universalbank, eine deutsche Spezialität, gerät immer stärker unter Legitimationsdruck.
Warum berät die Bank den Angreifer Krupp, wenn sie zugleich beim attackierten Thyssen-Konzern im Aufsichtsrat sitzt? Wechselten gar interne Informationen von einem Unternehmen zum anderen?
Überall fragen sich nun die Konzernvorstände, ob sie sich auf ihre Hausbank noch verlassen können. Oder wollen die Banken ihr Wissen, das sie im Kreditgeschäft erworben haben, nun im Investmentbanking vergolden?
In Amerika sind die deutschen Verhältnisse undenkbar. Dort besteht eine ziemlich strikte Trennung zwischen Investmenthäusern, die auf Übernahmen und Firmenfusionen spezialisiert sind, und Geschäftsbanken, die Kredite geben.
Anders in Deutschland: Hier sind Konzerne und Banken eng verflochten. Die Deutsche Bank gewährt Kredite, besitzt milliardenschwere Aktienpakete an ihren Kunden, kontrolliert deren Geschäfte im Aufsichtsrat, bestimmt die Vorstände.
Erst vor kurzem ist das Geldhaus auch groß ins Investmentbanking eingestiegen. Jetzt werden Firmen komplett beraten - beim Börsengang, bei Firmenkäufen und eben auch bei feindlichen Übernahmen. Damit gewinnt die Debatte über die Macht der Banken eine neue, auch eine politische Dimension.
Am 9. April steht auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts ein Referentenentwurf des Justiz- und Wirtschaftsministeriums, eine Aktienrechtsnovelle zur »Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich Banken«, kurz »Kontra«-Gesetz. Zwei Jahre lang haben Experten der Koalition und der Regierung darüber gestritten, wie der Einfluß der Kreditinstitute auf Aktiengesellschaften beschnitten werden kann. Vorangetrieben hat die Arbeit einer, dem die Bankenmacht schon lange höchst suspekt ist: Bundeskanzler Helmut Kohl.
Besonders mißtrauisch verfolgte der Kanzler die Ämterhäufung von Aufsichtsräten. Der Referentenentwurf schlägt die »Doppelanrechnung von Vorsitzmandaten« vor. Sitzt ein Bankvorstand an der Spitze eines Aufsichtsrats, muß er sich dieses Mandat wie zwei einfache Sitze anrechnen lassen. Insgesamt darf derzeit eine Person maximal zehn Mandate annehmen.
Bundespräsident Roman Herzog würde die Zahl der Aufsichtsratsmandate in Bankenhand weiter verringern. Die SPD fordert schon seit langem, das Bankenkartell zu zerschlagen.
Das deutsche Universalbankenprinzip, kommentiert das konservative HANDELSBLATT, sei »ein Auslaufmodell«. Nach dem Einstieg der Banken ins Investmentgeschäft müsse das System »nach und nach zerbrechen«. Die Chefs der Großbanken wollen davon nichts wissen. Die Debatte um eine Begrenzung der Bankenmacht paßt ihnen nicht ins Konzept. »Was heißt hier Macht, was soll hier begrenzt werden«, fragt Hilmar Kopper.
Doch die Praktiken im Falle Thyssen und Krupp waren womöglich nicht ganz so gradlinig, wie die Bank der Öffentlichkeit weismachen will. Der Interessenkonflikt ist gravierender als bisher bekannt.
Die Deutsche Bank in ihrer Funktion als Hausbank ist mit beiden Konzernen groß im Geschäft. Zuständig ist für Thyssen und Krupp seit Jahren das gleiche Vorstandsmitglied: Ulrich Cartellieri.
Auch die Londoner Investmentbank Deutsche Morgan Grenfell (DMG), eine 100prozentige Tochter der Deutschen Bank in Frankfurt, war mit beiden Konzernen verbandelt. Und zwar zeitgleich.
Morgan Grenfell hatte vom 23. bis zum 26. Februar für Thyssen eine sogenannte Roadshow durch die USA und Großbritannien organisiert. Diese Reise, auf der Gespräche mit über 50 potentiellen Investoren geführt wurden, sollte die Geschäftspolitik des Vorstandes verdeutlichen - und so den Kurs der Thyssen-Aktie hochtreiben.
Die Investmentbanker der Deutschen Bank konnten sich bei der Vorbereitung der Reise mit vielen Details vertraut machen. Auf der Roadshow wurden mit den Gesprächspartnern auch die stillen Reserven von Thyssen analysiert. Mit der Auflösung dieser Reserven, etwa dem Immobilienbesitz im Wert von rund vier Milliarden Mark, sollte die Übernahme durch Krupp finanziert werden.
Michael Dobson, der für das Investmentbanking zuständige Vorstand, sieht darin keinen Interessenkonflikt. Die Informationen, so der Brite, »waren den Marktteilnehmern schon weitgehend bekannt«. Warum dann die Reisen rund um den Globus?
Im Sommer 1996 war die Deutsche-Bank-Tochter zusätzlich damit beauftragt, für Thyssen eine Kapitalerhöhung von 500 Millionen Mark vorzubereiten. Kaum eine Kennziffer, die den Investmentbankern der Deutschen Bank dabei verborgen blieb.
»Solche Interessenkollisionen müssen normalerweise offengelegt werden«, wundert sich ein amerikanischer Investmentbanker.
Doch zumindest Thyssen erfuhr nichts davon, daß Morgan Grenfell gemeinsam mit der Dresdner Bank und dem amerikanischen Investmenthaus Goldman, Sachs an einem Übernahmeplan arbeitete. Die Geheimaktion »Hammer und Thor« (SPIEGEL 13/1997) sollte den Thyssen-Chef unvorbereitet treffen.
Die Deutsche Bank bestreitet, daß Krupp von den Recherchen der Investmentbanker im Hause Thyssen profitiert habe. »Selbstverständlich habe ich keine Informationen über Thyssen an Krupp oder umgekehrt gegeben«, schreibt Cartellieri in einer persönlichen Erklärung. Denn eine vorzeitige Unterrichtung des Thyssen-Vorstands »wäre ein unzulässiger Umgang mit Geschäftsinformationen Dritter gewesen«.
Kritiker wie der Betriebsrat von Thyssen prüfen derzeit, ob Cartellieri nicht gegen Paragraph 116 des Aktiengesetzes verstoßen hat, der eine allgemeine Treuepflicht der Aufsichtsräte gegenüber ihrem Unternehmen festlegt.
Der Vorstand der Deutschen Bank will sich auf eine grundsätzliche Diskussion über das deutsche Bankensystem nicht einlassen. Mit solchen Interessenkonflikten müsse man eben fertig werden, meint der künftige Vorstandssprecher Rolf-Ernst Breuer, »das ist unser täglich Brot«.
Kein Zweifel: Freiwillig will das größte Geldhaus der Nation nicht zurückstecken. Das Institut ist die Nummer eins im Aktienhandel, auf den deutschen Kreditmärkten wie bei den Spareinlagen der Bürger - und dabei soll es auch bleiben.
Im Investmentbanking, der Zukunftssparte mit den höchsten Gewinnerwartungen, wird ebenfalls eine Spitzenposition angestrebt. Von ihrer Kontrollmacht in den Aufsichtsräten will die Deutsche Bank bislang nicht lassen. Denn dort wird über die Auftragsvergabe an die Investmentbanker zumindest mitentschieden.
Die Marktmacht der Deutschen Bank ist weltweit ohne Beispiel. Die zwölf Vorstände der Bank sitzen in mehr als 70 Aufsichtsräten. Die Liste der Firmen reicht von der Allianz über Karstadt bis Siemens (siehe Grafik). Beste Einsicht haben die Banker vor allem in die Bücher der Branchenführer. Vorstandssprecher Kopper kontrolliert etwa Daimler-Benz und die Lufthansa. Sein Kollege Jürgen Krumnow kümmert sich um die Konkurrenz bei VW und Hapag-Lloyd.
Über die großen Energiegiganten sind die Frankfurter Geldherren ebenfalls gut informiert. Bei RWE und VEW, Veba und Viag sitzen die Banker aus Frankfurt im Aufsichtsrat.
Nicht überall ist das komplizierte Geflecht sofort erkennbar. So sitzen Bankvorstände in den Gremien der Baukonzerne Holzmann und Strabag. Zugleich kennt RWE-Aufsichtsrat Kopper aber auch die Interna des Konkurrenten Hochtief.
Während die Stahlarbeiter in Frankfurt demonstrierten, gab die Deutsche Bank bekannt, daß sie ihre Anteile an Holzmann mit denen von Hochtief poolen wird. Dank der Depotstimmen der Banker verfügen die Deutsche Bank und Hochtief dann über eine komfortable Mehrheit bei Holzmann.
Selbst kleinere Firmen verliert die Deutsche Bank nicht aus dem Blick. Den Modemacher Etienne Aigner etwa beaufsichtigt Rolf-Peter Rosenthal, der Filialchef der Bank in Wuppertal.
Eine wirkliche Kontrolle dieser Machtfülle findet nicht statt. Kopper und Kollegen berichten einem Aufsichtsrat, der überwiegend aus ehemaligen Vorständen und altgedienten Freunden des Hauses besteht. Wenn der Ex-Banksprecher Friedrich Wilhelm Christians demnächst den Aufsichtsrat verläßt, wird Kopper an seine Stelle rücken.
Die Verflechtung mit der Industrie hat historische Wurzeln. Schon bei der Gründung vor 127 Jahren standen Industrievorstände Pate. Der erste Direktor der Deutschen Bank war Georg von Siemens, ein Vetter des Unternehmers Werner von Siemens.
Die junge Industrie brauchte die Bank, um ihre Expansion zu finanzieren. Die Bank wiederum suchte die Verflechtung, um im Kreditgeschäft eine führende Rolle zu spielen. Oft kaufte sie große Aktienpakete auf, um die Unternehmen besser kontrollieren und beherrschen zu können.
Ihren großen Einfluß auf nahezu alle Branchen verdanken die Geldmanager dem deutschen Universalbanksystem, das aus den Gründerjahren des vergangenen Jahrhunderts übernommen wurde. Alle Versuche, auch nur kleinste Veränderungen vorzunehmen, sind von den Großbanken bisher abgeblockt worden.
Selbst in Konzernen mit breitgestreuten Aktien haben die Bankherren dank des sogenannten Depotstimmrechts oft genug das Sagen. Meist treten Aktionäre ihre Stimmrechte an jene Bank ab, bei der sie ihr Depot haben - auch hier hält die Deutsche Bank eine Spitzenposition.
Diese Omnipräsenz der Bank, die 1996 ein Betriebsergebnis in Höhe von 5,8 Milliarden Mark einfuhr, war bisher auch Selbstverpflichtung. Der ehemalige Bankchef Alfred Herrhausen hatte 1978 dem Aufsichtsrat zugesichert, daß die Deutsche Bank keine feindlichen Übernahmen unterstützen werde. An diesem »Cowboy-Kapitalismus«, so Herrhausen, werde sich die Bank nicht beteiligen.
Kopper sorgte für den Bruch mit dieser Tradition. Im globalen Wettbewerb der Geldhäuser, befand Kopper 1989, könne die Bank nur mit einer eigenen Investmenttochter mithalten. Er kaufte die Londoner Investmentbank Morgan Grenfell für 2,7 Milliarden Mark - und schrieb damit deutsche Bankgeschichte.
Jetzt wollen die Deutschen in der Weltliga des großen Geldes und der großen Deals mitspielen, die bisher von amerikanischen Investmenthäusern wie Merrill Lynch, JP Morgan, Morgan Stanley und Goldman, Sachs dominiert wird. Damit die Banker bei Verkäufen und Fusionen möglichst freie Hand haben, überließ Kopper den Briten in London das Powerplay. Ein Brite rückte in den vornehmen Frankfurter Führungszirkel auf.
Das Geldhaus investierte mehrere Milliarden Mark in neue Technik und teures Personal. Carter McClelland, der Chef der Deutschen Bank in Nordamerika, heuerte 1996 rund tausend Investmentbanker mit lukrativen Gehältern an. Ganze Teams wurden von der Konkurrenz abgeworben.
Der Kulturwechsel im Hause verunsichert die traditionell orientierten Angestellten der Bank. In London herrscht Hire and Fire, was früher bei der Deutschen Bank undenkbar gewesen wäre. Edson Mitchell, ein von Merrill Lynch abgeworbener Star, hat in seiner für den globalen Wertpapierhandel zuständigen Abteilung 500 Leute gefeuert und dafür 700 neue eingestellt.
Die aggressive Strategie scheint sich auszuzahlen. In der Hitliste der 20 führenden Investmentbanken, die die britische Fachzeitschrift EUROMONEY publiziert, kletterte die Deutsche Morgan Grenfell im vergangenen Jahr von Platz 12 auf Platz 6.
Mit der Beratung der Übernahme des Thyssen-Konzerns wollten die fixen Investmentbanker endlich auch in Deutschland zeigen, was sie leisten können. Der künftige Banksprecher wollte »Investmentbanking am Hochreck« (Breuer) demonstrieren.
Jetzt hat das Image der Bank Schrammen bekommen. Vor allem aber zeigt sich: Das amerikanische Dealen mit Firmen will nicht zu den Kreuzundquerverbindungen passen, die in Deutschland üblich sind.
Eine Debatte über die Grundlagen des deutschen Bankensystems ist in Gang gekommen, die so schnell niemand wird beenden können. Das Depotstimmrecht, der üppige Beteiligungsbesitz, die Fülle der Aufsichtsratsmandate, das alles steht nun zur Diskussion.
Das alte System ist an seine Grenzen gestoßen, ohne daß sich ein neues Modell erkennen läßt. Nur eines zeichnet sich ab: Die Banker werden wohl einen Teil ihrer Allmacht verlieren. Das ist mittlerweile auch den selbstbewußten Männern im Vorstand der Deutschen Bank klar. Im Vorfeld des Krupp-Thyssen-Deals kam es sogar zum Streit im Vorstand.
Cartellieri, der 1985 von Herrhausen die Verantwortung für das Ruhrgebiet übertragen bekam, hatte seine Kollegen davor gewarnt, den Deal durchzuziehen. »Sie können bei zwei Konzernen der Montanindustrie, wo die Gewerkschaften einen dominierenden Einfluß haben, keine feindliche Übernahme durchexerzieren«, war seine Botschaft.
Doch die Fraktion der Investmentbanker im Vorstand setzte sich durch. Heute gibt sich auch der künftige Bank-Chef Breuer moderater. Er sucht nach Wegen, möglichen Interessenkonflikten in Zukunft aus dem Weg zu gehen - auch ohne Abschied von der Universalbank.
Vielleicht sei es besser, sagte er nach dem Flop, wenn in Zukunft der Bank-Aufsichtsrat beim Übernahmekandidaten zurückträte. Unklar ließ er dabei, ob vorher oder erst nach der Aktion.
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Deutsche Universalbank - amerikanisches Trennbankensystem
Aufsichtsratsmandate des Deutsche-Bank-Vorstands
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Deutsche Universalbank - amerikanisches Trennbankensystem
Aufsichtsratsmandate des Deutsche-Bank-Vorstands
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