IPO-Preispoker "Rational und in Amerika normal"
Hamburg - Die Manager von Metro müssen sich wohl wundern: Was ist da draußen bloß los? Fernsehteams wollen plötzlich über sie berichten, und in Zeitungen müssen sie lesen, wie sie den Börsengang ihrer Baumarktkette Praktiker "verpatzt" haben.
"Zu hoch gepokert" hätten sie mit ihrem Preis pro Praktiker-Aktie, deshalb verweigerten ihnen die Investoren jetzt "die Gefolgschaft". Mehr noch, mit ihrer Preisvorstellung für eine Praktiker-Aktie hätten es die Manager gar darauf abgesehen, Anleger "kräftig abzuzocken".
Was war geschehen?
Die Metro-Manager hatten vor dem Börsengang ihrer Tochterfirma Praktiker zunächst eine Preisspanne von 16 bis 19 Euro angesetzt. Ohne Erfolg - zu diesem Kurs wollte kaum jemand das Wertpapier haben. Deshalb gingen die Emittenten mit dem Preis runter - und für 14 bis 15 Euro fanden sie schließlich mehr als genug Interessenten für ihre Baumarkttochter. Die Emission war dreifach überzeichnet.
Das Urteil der Kommentatoren über die Metro-Manager stand dennoch fest. "Geldgierig" seien sie.
"Das ist schade, denn die Aktie hatte zuletzt einen guten Preis", sagt Eberhard Dilger von der Commerzbank gegenüber manager-magazin.de. Dilger hat den Praktiker-Aktienverkauf mit betreut. Auch das Senken der Preisspanne sei alles andere als ein Skandal: "So etwas ist auf jedem Wochenmarkt gang und gäbe, warum soll das beim Aktienverkauf schlecht sein?", fragt der Commerzbank-Experte.
Dilger hat Recht: Was in Deutschland bisher einen faden Beigeschmack hat, bereitet Anlegern und Finanzhäusern zum Beispiel in den USA kaum Kopfzerbrechen. Die Preisspanne wird geändert, bis die Konditionen für Aktienverkäufer und Käufer stimmen - oder das Geschäft kommt nicht zustande.
Im Juli drohte den Private-Equity-Gesellschaften Spectrum und Providence mit dem Börsengang der US-Telefongesellschaft Consolidated Communications eine Bauchlandung. Sie hatten die Preisspanne für ihre Telekommunikationsaktie auf 14 bis 16 Dollar festgelegt - und fanden nur wenige Kaufinteressenten. Daraufhin senkten sie den Zeichnungspreis auf 13 Dollar, und das mit Erfolg: Der Kurs des Papiers kletterte schnell auf mehr als 15 Dollar. Mittlerweile pendelt die Telefonaktie allerdings wieder um ihren Einstandspreis.
Beigeschmack des Irrtums
Ähnlich erging es dem Softwareunternehmen SSA Global Technologies , das von den Finanzhäusern Cerberus und General Atlantic Partners an die Börse gebracht wurde. Statt 14,3 Millionen Aktien zu einem Preis von 13 bis 15 Dollar konnten die Kapitalgeber schließlich nur 9 Millionen Aktien zum Preis von 11 Dollar platzieren. Was hiesige Medien als "herben Rückschlag" werteten, fand in Amerikas Zeitungen und Zeitschriften kaum Beachtung. Warum auch? Geschäft ist Geschäft, zumal der Kurs des Papiers zuletzt auf rund 18 Dollar kletterte.
Vielleicht liegt die nüchterne US-Betrachtung daran, dass in der größten Volkswirtschaft der Welt längst mehr Private-Equity-Gesellschaften und Risikokapitalgeber für Börsengänge Verantwortung übernehmen als Banken, wie es hierzulande noch üblich ist. Und oberste Maxime solcher Finanzinvestoren ist zumeist, ihre Beteiligungen so lukrativ und schnell wie möglich los zu werden. Gelingt das nicht mit dem ersten Angebot, wird der Aktienpreis eben gesenkt.
"Das ist in Amerika normal, und es ist auch rational", bestätigt Stefanie Franzke vom Frankfurter Center for Financial Studies. Deutsche Anleger seien daran nur nicht gewöhnt. "Selbst während der Jahrhunderthausse am Neuen Markt haben die Emissionsbanken in Deutschland nie ihre Bookbuildingspanne geändert, obwohl sie ihre Aktien auch viel teurer hätten verkaufen können", hat die Finanzexpertin beobachtet. "In den USA sind Abweichungen unproblematischer. Das ist dort schon immer anders gelebt worden - nach oben wie nach unten."
Hierzulande habe das Abweichen von der ursprünglichen Preisspanne dagegen noch den Beigeschmack des Irrtums. "Man nimmt die Bookbuildingspanne in der Bundesrepublik als Referenz für den späteren Kurs sehr ernst", sagt Franzke gegenüber manager-magazin.de.
Aufgeklärte Investoren müssen sich also nicht sorgen. "Das unaufgeregte amerikanische Verfahren gleicht mehr einem Testlauf", sagt Thomas Hechtfischer, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Mit anderen Worten: Die Aktienverkäufer werfen einen Stein ins Wasser und beobachten, was passiert. Wenn jetzt Deutschlands Käufer erste Angebote zurückweisen, wie zuletzt bei Praktiker, ist das auch ein Zeichen dafür, dass die Aktionäre hierzulande mittlerweile genauer hinschauen, zu welchem Preis sie kaufen. Und das ist gut so."