BAUSPAREN Ist unbequem
Die Vertreter westdeutscher Bausparkassen müssen derzeit unangenehme Kundengespräche durchstehen. »Ich bin genauso gut wie der Herr Osswald«, meinte zum Beispiel ein Frankfurter Bausparer, »ich will auch ein paar Hunderttausend.«
Der abgedankte hessische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Albert Osswald hatte in der Tat ein erstaunliches Vorbild für Westdeutschlands sieben Millionen Bausparer geliefert. Ohne einen Pfennig anzusparen, erhielt er, wie erst unlängst bekannt wurde (SPIEGEL 17/1977), von der Landesbausparkasse 1971/72 über 100 000 Mark zinsgünstiger Bausparkredite.
Bürger Osswald hatte dabei allerdings gewichtige Vorteile zu bieten. Er war nicht nur Hessen-Premier, sondern auch Verwaltungsratsvorsitzender der Hessischen Landesbank (HLB). Und die Landesbausparkasse ist nichts anderes als eine Abteilung der HLB.
Gewöhnliche Kunden hatten denn auch kaum eine Chance, als sie in den letzten Wochen bei ihren Bausparkassen derartige Konditionen für sich beanspruchten. Als sich am letzten Montag die Außendienstmitarbeiter der Landesbausparkasse Hessen im oberhessischen Grünberg versammelten, um die neue Geschäftslage zu besprechen, erfuhren die Experten, daß die Behandlung des Ministerpräsidenten der weniger prominenten Kundschaft nicht zu gewähren sei.
HLB-Vorstandsmitglied Friedrich Lepine, der eigens angereist war, um die verstörten Mitarbeiter zu beruhigen, verkündete den Abschied von solchen Konditionen: Der Vorstand der Landesbank hatte beschlossen, Darlehen à la Osswald nicht mehr zu gewähren.
Bis zum Bekanntwerden der Kredite war die dem HLB-Verwaltungsrat gewährte Darlehensform kaum einem Bausparer vertraut. Das Modell wird in dem rund 300 Gramm schweren Prospekt-Material, das die Landesbausparkassen-Berater Interessenten überreichen, mit keinem Wort erwähnt und ist sogar unter Experten umstritten. »Man muß sich da schon auskennen oder einen entscheidenden Tip bekommen«, verrät ein Berater.
Die Reserve, aus der diese Eilkredite geschöpft werden, wird mit Darlehensverzichten gespeist. Hat ein Bausparer beispielsweise jahrelang angespart, um endlich über cm Bausparguthaben von 40 000 Mark zu verfügen, so kann er ein billiges Darlehen von weiteren 60 000 Mark beanspruchen. Nicht selten aber verzichten Sparer, die nur steuerbegünstigt sparen, nicht aber bauen wollen, bei der Zuteilung auf diesen Darlehensanspruch. Folge: Die gesparten 40 000 Mark werden ausbezahlt -- der Anspruch auf billige Baukredite fällt an die Kasse zurück.
Wieviel Finanzmasse die Bausparkassen aus derlei Darlehensverzichten ansammeln, läßt sich kaum ausmachen. »Eine imaginäre Zahl, aber schon -zig Millionen«, rechnet Lepine.
Die Landesbausparkasse Hessen hat laut Lepine stets neun Zehntel dieser Darlehensverzichte der Zuteilungsmasse zugeschlagen. Zum kleineren Teil wurden die bereitstehenden Gelder, die aus den Ansparleistungen der übrigen Bausparer stammen, eingesetzt, um Bausparern, die in eine Finanzierungsklemme geraten sind, rasch zu helfen.
Etwa eineinhalb Millionen Mark bewilligte die Landesbausparkasse im vergangenen Jahr nach diesem Schema, sorgsam gesplittet in Einzelbeträge von 20 000 oder 30 000 Mark. Osswalds sechsstelliges Darlehen, erläuterte Lepine, war »eine echte Ausnahme, weil ein entsprechender Wunsch vorhanden war«.
Lepine behauptet, auch die Konkurrenz habe nach Art der Hessenbank gelegentlich größere Beträge auf frische Bausparverträge ausgeliehen. »Der eine oder andere hat das gelegentlich gemacht«, meint auch ein Sprecher der Geschäftsstelle Öffentlicher Bausparkassen.
»Wir lehnen das strikt ab«, versichert dagegen Wüstenrot-Prokurist Gerhard Hagen. Und Werner Lehmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Privaten Bausparkassen, würde sogar »hinter die Legalität ein Fragezeichen machen«.
»Das Kollektiv der Bausparer hat einen Heimfallanspruch«. erläutert Lehmann: Wird die Summe der Darlehensverzichte ausnahmslos der Zuteilungsmasse zugeschlagen, verringere sich die Wartezeit der anderen »Mitglieder der Solidargemeinschaft«.
Diese Spielregeln, glaubt Lepine. habe auch die Hessische Landesbausparkasse im wesentlichen eingehalten: Der Osswald-Kredit und die anderen Kleindarlehen dieser Art hätten die Zuteilungsfrist »allenfalls um zwei Minuten« verkürzt.
Herbert Gerbracht von der Landesbausparkasse im benachbarten Rheinland-Pfalz fürchtet dennoch um »geheiligte Grundsätze«. Darlehensnehmer und Sparer sollten nach seiner Meinung stets identisch sein.
Von diesem Grundsatz erlaubt sich die Branche nur kleine Ausnahmen. So werden von den Kassen Darlehensverzichte »im engsten Familienkreis« übertragen.
Gegen den Verkauf zuteilungsreifer Bausparverträge per Zeitungsanzeige können die Kassen dagegen kaum etwas unternehmen »Wir versuchen«, meint Wüstenrots Hagen vorsichtig, »den ganzen Handel zu unterbinden.«
Auch die Experten anderer Bausparkassen fürchten, daß die Solidarität unter den Bausparern Schaden nimmt und sich durch zunehmende Manipulationen die Wartezeiten verlängern. Zwangsläufig müßten deshalb normale Bausparer länger auf ihre Zuteilung warten und die Wartezeit durch deutlich teurere Zwischenkredite überbrücken.
Ganz wohl ist auch den Hessen inzwischen nicht mehr. Die Diskussion über die eigenwillige Kreditkonstruktion wird »zu einer gewissen Beeinträchtigung« des Geschäftes fuhren, fürchtet Lepine.
Der Konkurrenz käme das gerade recht. Denn die Branche ist verärgert, daß die Hessen »das erst gemacht haben, nun auf einmal nicht mehr machen und so tun, als hätten wir"s auch gemacht«, berichtet ein Frankfurter Bausparkassenvertreter.