»Jede Aktie ist gut« - DER SPIEGEL
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SPEKULANTEN »Jede Aktie ist gut«

Börsen-Stammtisch auf hoher See: Auf dem Weg von New York nach Genua lernen Reiche und solche, die es werden wollen, das kleine ABC des Zockens.
• aus DER SPIEGEL 43/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kauft Aktien und wartet, bis sie steigen. Dann verkauft man sie mit Gewinn. Aktien, die nicht steigen, kauft man nicht.« So erklärt Franz Rapf, Börsentrainer und Anlageberater, das Prinzip des erfolgreichen Wertpapierhandels.

Es mag Menschen geben, die über solche Sätze den Kopf schütteln, nicht so die Teilnehmer des maritimen Seminars: Sie sind erstens unerfahren, zweitens im Urlaub, und drittens verbreitet der Vortragsredner dieses wohlige Sorglos-reich-werden-Gefühl.

Denn Rapf ist Optimist: »Meine Damen und Herren, Sie können am besten schon die nächste Kreuzfahrt buchen, denn die Gewinne werden sowieso sprudeln.« Die vor ihm sitzenden Zuhörer sind gleichermaßen ahnungslos und neugierig. Für die meisten war »Bullen« bisher Jugend-Jargon für Polizisten und »Bären« für Ehemänner. Und außerdem, zurzeit sind ganz andere Auf- und Ab-Bewegungen als die an den Weltbörsen von Interesse: Wellengang und 17 Knoten pro Stunde sind für viele Kreuzfahrtpassagiere dann doch ein bisschen heftig. Rund die Hälfte des schaukelunerfahrenen Publikums ist bereit zur Flucht. Die besonders Ängstlichen sitzen nah am Ausgang. Papiertüten mit dem Hinweis »nach Gebrauch schließen durch falten« liegen in Griffnähe.

Da ist die grauhaarige Dame, die auf Grund ihrer Vermögensverhältnisse nicht genannt werden will, von anderem Schlag. Sie ist »zum 15. Mal mit an Bord« und perfekt präpariert: Backpflaumen für die Verdauung ("dann wird einem nicht so schnell schlecht"), Videokamera-Filme für die Nachbarn ("Man will ja zeigen, wo man war") und Sagrotan für den Toilettenrand ("wenn einem denn doch mal übel wird"). Nach der ersten Seminarstunde weiß sie, dass sie im Börsenlehrgang richtig gelandet ist - »diesmal werde ich nicht zum Aquarellmalen gehen«.

Franz Rapf, 55, handelt seit 31 Jahren mit Aktien, ist seit 20 Jahren Seminartrainer, Autor mehrerer Finanzbücher und gab diesen Herbst sein erstes Börsenseminar auf See. Die »MS Delphin« ist ein Kreuzfahrtschiff für Gut-, nicht Spitzenverdiener. Die Damen tragen Federboas und Langarm-Handschuhe zum Captain's Dinner, die Männer zwängen sich in enge weiße Dinnerjackets. Dem unbekannten Tischnachbarn stellt man sich mit der Gesamtzahl der unternommenen Kreuzfahrten vor.

Von New York über die Azoren nach Genua geht die Reise der »MS Delphin«, und weil Rückfahrten über den Atlantischen Ozean immer etwas schlechter besucht sind, »haben wir uns überlegt, wie wir die Reise attraktiver gestalten können«, erklärt Kreuzfahrtdirektorin Sabine Hinz. Und deshalb hat man Herrn Rapf und sein Börsenseminar mit in das Bordprogramm eingebaut.

Zwei Wochen schippert die »MS Delphin« so über den Atlantischen Ozean. An Bord 480 Leute: 240 Mann Besatzung, 240 Passagiere, und eben ein volles Programm für jene, die essen, bräunen und lernen wollen. Morgens »Fit in den Tag mit Frühsport von Andi«, mittags »Wie verschönere ich meinen Tisch? Tipps und Kniffe rund um das Serviettenfalten« und abends der »Teufelsgeiger Siggi Krause«. Zwischen Andi und Siggi liegen acht Mahlzeiten.

Und weil auch das Börsenseminar »inklusive« ist, wanken selbst an stürmischen Seetagen 60 bis 80 Passagiere in den »Grand Salon« zum Treff mit Rapf. Trotz Urlaub. Trotz Windstärke 5. Trotz schwerster Seminarkonkurrenz, beispielsweise in Gestalt von Frau Lorette Straub, die zum Thema »spürbewusste Achtsamkeit des Körpers« vorträgt.

Der Schwaben-Spekulant Rapf spürt nichts, er »daxt«. Er »klärt über Strategien und Taktiken auf«, verspricht zumindest der »Delphin«-Prospekt großzügig, derweil das Schiff »pfeilschnell durch die Wogen« reitet - und das, obwohl der Pott nicht schneller fährt als ein ambitionierter Hobby-Radsportler.

Rapf weiß, wo er seine betagte Zielgruppe abholen muss. »Ich behaupte nicht, dass wir hier auf dem Schiff besser sind als andere, aber wir sind geldsensibler«, sagt er.

Seine Sprüche sind zumindest kreuzfahrttauglich - sonnige Komplimente, leicht verdauliche Versprechungen und keine allzu pessimistische Sicht der Dinge. »Das Schöne an der Börse: Wenn man nur ein paar Regeln beachtet, kann man nur gewinnen«, sagt er.

Oder auch: »Das Schöne an der Börse ist ja, dass man nie mehr als 100 Prozent verlieren kann.« Und dann die wahrste aller Wahrheiten: »Jede Aktie ist gut, nur nicht zu jedem Zeitpunkt.« Diese Mischung aus Stammtisch und Talkshow kommt an, das Publikum schmunzelt.

Wenn die Aufmerksamkeit zu sinken droht, wird umgeschaltet. »Wer die Nerven verliert, verliert an der Börse Geld, schreiben Sie sich das auf, meine Damen und Herren.«

Die Zuhörer hören zu, andächtig, zuweilen besorgt angesichts der großen Gelegenheiten, der verpassten inklusive. »Mein Gott, was hätten wir nicht alles kaufen können, wenn wir mal in Coca-Cola investiert hätten«, seufzt es hinten links. Rapf hat mitgehört. »Ja, und wenn der Kurs mal fällt«, greift er den Zwischenruf auf, »dann können Sie ganz einfach selbst etwas dafür tun, dass er wieder steigt: nämlich Cola trinken.« Eine Hand voll Streber schreibt mit, der Rest sucht angesichts eines heftiger werdenden Seegangs einen Fixpunkt am Horizont.

Keiner der Teilnehmer verlässt an diesem stürmischen Tag vorzeitig das Seminar. Aber fast ein Drittel macht anschließend den Umweg über die Rezeption. Alle fünf Stunden darf man bei Bedarf in eine große Schale fassen, in der Zäpfchen und Tabletten liegen. Die sollen helfen gegen Übelkeit, Kopfschmerzen und was der Seegang sonst noch so im Körper anrichtet.

Tags darauf schon wieder Windstärke fünf bis sechs. Die Besatzung fängt an, Gegenstände auf Deck zu vertäuen, und die dort verbliebenen Passagiere werden mit Horrorszenarien unterhalten. »Sturm! Da kommt Sturm auf uns zu«, grinst ein Offizier: »Bei Windstärke 9 fliegen Kühlschränke. Wir kriegen 11.« Seemannsgarn. Aber es gibt keinen erprobteren Statuswert an Bord als ein nautisches Stirnrunzeln und die windgegerbten Weisheiten der Crew.

Am nächsten Tag ist die See ruhig. Im Seminar werden Tipps verteilt wie vortags der Zwieback. Bei 20 000 Mark empfiehlt Franz Rapf »spekulativen Anlegern« erstens China Telecom, zweitens Investmentfonds von Asien, Polen, Russland und drittens Siemens-Optionsscheine. Seiner konservativen Klientel rät er zu Deutsche Bank, Siemens, Europa-Fonds und weltweiten Investment-Zertifikaten. Die Botschaft ist klar, für jeden Geschmack hält der Finanzmarkt das Richtige bereit, man muss nur zugreifen. »Ich habe nie verstanden«, beschließt er die heutige Stunde, »warum es Leute gibt, die vor Aktien eine panische Angst haben.«

Kombiniert mit einem ins Leere stoßenden Zeigefinger und einer Redegeschwindigkeit, die dem Tempo des Dampfers angepasst ist, sind das optimale Voraussetzungen für ein angegrautes Publikum. Wenn dann noch die Themen »steuerfreier Aktienhandel«, »japanische Optionsscheine« und »Neuer Markt« mit Wortspielen aufgepeppt werden ("Manche Aktien fallen Richtung Süden, aber irgendwann ist der Süden zu Ende und dann kommt das Kap der Guten Hoffnung"), quietscht das Publikum vor Vergnügen.

Rapf war in seinem früheren Leben Grund- und Hauptschullehrer, ist dem Pädagogendasein aber seit rund 20 Jahren entkommen. Zu Hause im schwäbischen Schorndorf managt er mit seiner Schwester den »AktienClub Südwest": Buchvorlesungen, Bankseminare, Telefonberatungen. Die Kreuzfahrt gehört zu den angenehmen Seiten seines Arbeitslebens - morgens eine Stunde Seminar, dann ab in den Liegestuhl, links eine blonde Schweizer Millionärin, rechts eine rothaarige Dame und zwischendurch jene amüsante »Ich habe Porsche viel zu früh verkauft«-Plauderei.

Es lebt sich gut als Mischung aus Börsengott André Kostolany und Hochstapler Felix Krull. »Ich vertraue ihm«, sagt eine blond Drapierte, »und er fasziniert mich.« Selbst der bordeigene Dialysearzt, ein blonder Witzbold Mitte 30, stellt neidvoll fest: »Die Show, die der macht, ist ziemlich gut.«

So viel Charme schafft Vertrauen. Deshalb dauert es nicht lange, bis die ersten Damen jene Fragen stellen, die sie am Bankschalter nicht zu fragen wagen. »Kann man Aktien jederzeit verkaufen?«

»Das Niveau der Teilnehmer ist überraschend hoch«, stellt Rapf fest. Zum Schluss des Kurses geht es noch einmal im Schnelldurchlauf durch die Frankfurter Börse. Zu jeder Aktie eine Rapfsche Kaufempfehlung im Bonsai-Format.

Adidas: Der Wert ist so kaputt, der wird nur noch steigen. Deutsche Bank: Stabil! Kaufen! Und bei 80 noch mal kaufen! Und bei 70 noch mehr kaufen. Und wenn wir dann bei 60 sind, müssen wir halt ein bisschen beten. Deutsche Telekom: kein Highflyer. Aber wenn Ihre Telefonrechnung steigt, dann ist das nicht schlimm, es ist ja Ihr Unternehmen. VW: interessant, aber gefährlich.

»Das Wichtigste«, so aber sein Fazit, »hören Sie nie auf Tipps und Ratschläge von anderen.« KATRIN WILKENS

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