Jetzt wird abgesahnt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 87

Aluminium Jetzt wird abgesahnt

Mit Produktionsdrosselung versucht die Aluminium-Industrie, ihr hohes Preisniveau durchzuhalten.
• aus DER SPIEGEL 8/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Presseabteilungen der großen westdeutschen Aluminium-Produzenten hatten in den letzten Wochen ein und denselben Auftrag: Sie mußten die Meldung verbreiten, daß ihr Unternehmen seine Produktion zu drosseln beabsichtige.

»Um Angebot und Nachfrage anzugleichen«, teilten etwa die Öffentlichkeitsarbeiter der Frankfurter Metallgesellschaft letzten Dienstag mit, werde man die Aluminiumherstellung »bis auf weiteres um fünf Prozent reduzieren«.

Angeglichen hatten zuvor schon der deutsche Marktführer, die bundeseigenen Vereinigten Aluminium-Werke (VAW), die ebenfalls in Deutschland operierende Alusuisse und die vier den Weltmarkt beherrschenden Nordamerikaner Alcoa, Alcan, Kaiser und Reynolds. Die in den letzten Jahren stark ausgebauten japanischen Schmelzen drosselten um 20 Prozent, die Amerikaner im Durchschnitt um zehn und der kanadische Marktführer Alcan um 13 Prozent.

Nur wenn sie ihr mattes Metall rar machen, so kalkulieren die Konzernstrategen, besteht für die Internationale der Aluminium-Schmelzer eine Chance, das im weltweiten Boom des letzten Jahres durchgesetzte Rekordpreisniveau durchzuhalten. Hatten in früheren Konjunkturtiefs die Konzerne noch versucht, ihre Überschußproduktion zu fast jedem Preis auf dem Weltmarkt loszuschlagen -- allein die Deutschen machten 1972 und 1973 Verluste von einigen 100 Millionen Mark -, soll diesmal Einheit gewinnstark machen.

»Die wollen«, vermutet etwa Udo Giulini, Miteigentümer der Gebrüder Giulini GmbH, des einzigen konzernfreien Alu-Schmelzers Deutschlands, »nicht mehr die Dummheit wie vor zwei Jahren machen.« Emanuel Meyer, Präsident der Alusuisse, weiß, was allen nützt: »Wenn die Preise fest bleiben, wird selbst eine Drosselung um zehn Prozent allen Beteiligten vernünftige Gewinne ermöglichen.«

Die internationale Angebotsverknappung kommt den deutschen Anbietern besonders gelegen. Denn den stolzen Richtpreis von 2500 Mark pro Tonne für Hüttenaluminium hatte der nationale Branchenriese VAW (Marktanteil rund 50 Prozent) erst im August des vergangenen Jahres durchsetzen können. »Die Devise der deutschen Schmelzer ist klar«, so ein konzernfreier Händler, »der Boom ist vorbei, jetzt wird abgesahnt.«

Erst im Boom des vergangenen Jahres -- allein die deutsche Alu-Produktion stieg um 29 Prozent auf 690 000 Tonnen -- konnten die VAW-Verkäufer die angespannte Weltmarktsituation für zwei Preiserhöhungen nutzen und damit erstmals den Preis im Inland deutlich über Weltmarktniveau hochziehen: Nordamerikanisches Exportaluminium kommt zur Zeit für 2100 Mark (ohne Transport) auf den Markt.

Den Preisgipfel schafften die deutschen Hütten erst nach Jahren blanker Not. Als um 1972 infolge eines klotzigen Investitionsprogramms von mehr als zwei Milliarden Mark in Deutschland neue Schmelzöfen angeheizt wurden, war der Alu-Markt völlig zusammengebrochen, wurde das Leichtmetall zu Preisen von zeitweise nur 1600 Mark gehandelt.

Neue Anlagen wurden. kaum fertiggestellt, wieder eingemottet. die Verluste der Branche addierten sich von 1971 bis 1973 auf fast 500 Millionen Mark. Noch Ende 1973 jammerte der bei der hannoverschen Preussag für das Leichtmetallgeschäft zuständige Hans-Günther Stalp: »Die Ertragssituation der kommenden Jahre wird katastrophal.«

So gründlich Stalp irrte -- zwei Neulinge im deutschen Alu-Geschäft stiegen, kaum waren sie eingestiegen, wieder aus: Die Preussag AG, die zusammen mit dem US-Riesen Kaiser eine brandneue Hütte in Voerde am Niederrhein besitzt, und der amerikanische Konzern Reynolds, der in Hamburg die mit 100 000 Jahrestonnen zweitgrößte deutsche Schmelze an die Elbe stellte. wollen aufstecken.

Erbe soll in beiden Fällen der bundeseigene Marktführer VAW werden. Mit der Gruppe Kaiser/Preussag waren die Staatsmanager schon handelseinig, als das Berliner Kartellamt Einspruch einlegte. Nun soll die Monopolkommission von Wirtschaftsminister Friderichs die Fusion doch noch gutheißen. Das Werk an der Elbe aber will trotz eines vom Hamburger Senat heruntersubventionierten Strompreises -- Elektrizität ist das Teuerste an der Alu-Produktion -kaum jemand haben: Die Anrainer des Werkes, die Obstbauern des Alten Landes, prozessieren wegen giftiger Fluoremissionen gegen die Schmelze und setzten bereits eine Stillegung eines Drittels der Kapazität durch.

Hamburgs Wirtschaftssenator Kern wäre eine »deutsche Lösung« für den mißratenen Versuch hanseatischer Industriepolitik am liebsten. Vor Wochen schon alarmierte er deshalb seinen Landsmann Finanzminister Hans Apel, der die bundeseigene VAW an die Elbe treiben soll.

Die Amerikaner könnten kaum etwas dagegen haben. Denn das 650 Millionen Mark teure Werk wurde durch eine Bürgschaft der Stadt Hamburg über 535 Millionen und direkte Kapitalzuweisungen von etwa 140 Millionen Mark voll aus der Hamburger Staatskasse finanziert. »Wenn Reynolds da rausgeht«, weiß ein Konkurrenzmanager, »dann lassen die keine müde Mark zurück.«

Die VAW-Bosse, die ihre Prüfer immerhin schon zu einer Bestandsaufnahme ins Reynolds-Werk schickten, zeigen vorsichtshalber erst einmal »kein aktives Interesse an Reynolds«.

Und auch die kleineren Konkurrenten läßt die Aussicht auf einen immer fetter gedeihenden nationalen Aluminium-Konzern kalt: »Dadurch wird das Monopol von VAW«, weiß etwa Giulini, »doch nur noch monopoler.«

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 87

Mehr lesen über