Job-Export-Debatte SPD-Fraktionsvize beklagt "Verfall" bei Daimler
Stuttgart/Berlin - Jörg Hofmann ist ein Licht aufgegangen - und ihm gefällt gar nicht, was er nun sieht. Der IG-Metall-Bezirksleiter von Baden-Württemberg wähnt sich in eine Epoche zurückgeworfen, die er offenbar beendet glaubte.
"Das ist Kapitalismus pur", exklamierte der Metaller im Interview der "Berliner Zeitung". Die Ankündigungen des Mercedes-Chefs Jürgen Hubbert zeigten, fand Hofmann, dass man "in deutschen Großkonzernen auf Sozialpartnerschaft offenbar keinen Wert mehr legt." Und er diagnostiziert: Die "Verrohung der Sitten" habe nun also auch Deutschlands mächtigsten Autokonzern erreicht.
Auch der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Michael Müller, fand harte Worte für die Konzernherren. Müller rügte ebenfalls in der "Berliner Zeitung" einen "unglaublichen Verfall des Verständnisses von Unternehmertum in Deutschland". Er könne darin "nur Bediener-, aber keine Unternehmermentalität erkennen", schob er nach.
Hubbert und Arbeitsdirektor Günter Fleig hatten gestern auf einer Pressekonferenz offiziell die Sparpläne vorgestellt, über die hinter den Werkstoren schon seit Tagen heftig spekuliert und geschimpft wurde. Die DaimlerChrysler-Führung droht dem Betriebsrat damit, die Produktion der C-Klasse vom Stammwerk Sindelfingen nach Bremen oder teilweise nach Südafrika zu verlagern. Nur Einsparungen von jährlich 500 Millionen Euro könnten dies verhindern.
Ein Produktionswechsel würde den Verlust von rund 6000 Stellen bedeuten. Jürgen Hubbert hatte zwar gesagt "Ich liebe dieses Land" - er hatte aber auch von der "baden-württembergischen Krankheit" gesprochen und die Privilegien der süddeutschen Standorte gemeint. Das hat nicht nur Gewerkschafter im Musterländle erschüttert.
"Von einem anderen Stern"
Hubbert sprach mit Blick auf die Mercedes-Werke in Baden-Württemberg von gravierenden Kostennachteilen gegenüber anderen Tarifgebieten - in Deutschland. Dazu zählte er insbesondere die "Steinkühler-Pause" von fünf Minuten pro Stunde sowie Spätschicht-Zuschläge von 15 Prozent im Südwesten schon von mittags zwölf Uhr an. Diese tariflichen Regelungen gebe es nur in Baden-Württemberg. Insgesamt werde in Bremen pro Jahr zwei volle Wochen mehr bei gleichen Kosten produziert.
Auch beim Autozulieferer Bosch verschärft sich der Streit um eine Lohnkostensenkung. Laut "Stuttgarter Zeitung" fordert die Geschäftsführung weitere Zugeständnisse im Wert von mehr als zehn Millionen Euro vom Betriebsrat am Standort Feuerbach. Zuletzt verlangten die Arbeitgeber demnach 17,5 Millionen Euro Lohnkostensenkung zur Serienfertigung des Diesel-Partikelfilters.
Betriebsrats-Chef Werner Neuffer sagte der Zeitung, man könne die jüngsten Forderungen nicht mehr mittragen. Auch er ist mehr als erstaunt über die Ideen seiner Chefs: "Die Geschäftsführung ist auf einem anderen Stern."