Jobs: Großer Schwund - DER SPIEGEL
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Jobs Großer Schwund

Frustrierte Mitarbeiter von Gründerfirmen sehnen sich nach der Sicherheit traditioneller Konzerne. Nicht alle finden Unterschlupf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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ockerer Umgangston, keine Hierarchien, grandiose Verdienstaussichten ­ Dirk Recktenwald, 28, zögerte nicht lange und heuerte bei einer jungen Wagniskapitalfirma an: "Ich dachte, hier wird die Zukunft gemacht." Ein Irrtum, wie er bald herausfand: "Die Arbeitsweise war einfach chaotisch."

Frustriert wechselte Recktenwald zu E-SAP, einer Tochter des Software-Konzerns SAP. Dort entwickelt er heute Geschäftsmodelle für das Internet. "Hier bekomme ich die Freiheiten, die mir vorher versprochen worden waren", sagt er geläutert.

Seit die New Economy ihren Zauber verloren hat, flüchten ihre Opfer scharenweise zu etablierten Konzernen, am liebsten zu deren Online-Töchtern. Adressen wie IBM oder Siemens, früher als lahme Langweiler belächelt, verkörpern die Berechenbarkeit und Ordnung, die die Netzwerker in Gründerfirmen oft vermissen.

"Einen großen Vertrauensschwund" beobachtet Meike Jäger, Multimedia-Expertin der IG Medien, unter den Start-up-Beschäftigten: "Anfangs wurden sie in alle Entscheidungen einbezogen, in der Krise aber ziehen sich die Gründer zurück ins stille Kämmerlein." Auf einmal steht die gesamte Arbeitsphilosophie in Frage, der sich die Dot.com-Mitarbeiter mit Kopf und Herz verschrieben hatten.

"Boo.com war mein Traum", sagt Christoph Vilanek, 33, Ex-Deutschland-Chef des von Schweden gegründeten Online-Modeversenders, dem wohl schillerndsten Startup der Szene. Die Deutschland-Filiale residierte in einem Münchner Loft, die besten Berater wurden von heute auf morgen eingeflogen, wenn Not war ­ und die war bald groß: Im Mai vergangenen Jahres ging Boo.com Pleite. "Der Schock saß tief", erinnert sich Vilanek.

Heute arbeitet er in einer anderen Welt. Vilanek ist Geschäftsführer im Bereich "Interactive Media" bei Ravensburger, einem 118 Jahre alten oberschwäbischen Spielehersteller mit Hauspost, Kantine und Firmenmuseum.

Manches an dem Traditionsverlag ("Memory") ist ihm noch fremd. Nur Geschäftsführer und Vertriebsleute bekommen ein Diensthandy, wer am Wochenende arbeiten will, muss es sich genehmigen lassen. Die protestantische Ethik des Gründers Otto Robert Maier ist allgegenwärtig: "Bescheidenheit und Selbstsicherheit sollen das Unternehmen prägen", lautet ein Grundsatz, der im Foyer aushängt.

Genau diese Bodenständigkeit hat Vilanek nach Ravensburg gezogen. Als er dort anfing, war sein Arbeitszimmer fertig eingerichtet, die Visitenkarten lagen auf dem Tisch, das Laptop war funktionsbereit. "Hier weiß ich, dass es das Unternehmen in fünf Jahren noch geben wird", sagt er.

Solche Annehmlichkeiten sind es, die heute zählen. Im Kampf um Talente liegen Firmen wieder gut im Rennen, die den Rummel um den vermeintlich schnellen Reichtum nicht mitgemacht haben.

Heilfroh kann Horst Wagner, 47, Geschäftsführer von Elephant Seven, mittlerweile sein, dass die Hamburger Multimedia-Agentur den Börsengang verschlafen hat: "Wir haben keine Mitarbeiter, die ständig auf den Aktienkurs schielen."

Jeden Tag erhält Elephant Seven, Tochter der Werbeagentur Springer & Jacoby, etwa 20 bis 25 Bewerbungen, darunter viele von Leuten, die bei börsennotierten Konkurrenten wie Pixelpark oder Kabel New Media arbeiten. Sie werden gelockt von Errungenschaften, die sie von ihren Eltern kannten: 30 Tage Urlaub, 13 Monatsgehälter, das Wochenende in der Regel frei.

Doch nicht alle, die dem Dot.com-Hype erlegen waren, finden Unterschlupf in der alten Wirtschaftswelt. Schließlich dienten die Start-up-Firmen als Auffangbecken für Studienabbrecher oder arbeitslose Akademiker, die sich von da an Projektberater oder Investor-Relations-Manager nennen durften. Sie waren jung, motiviert und flexibel ­ das genügte als Qualifikation.

Und sie waren verwöhnt. Sie genossen alle Freiheiten, ihre Individualität auszuleben. Jetzt sollen sie sich wieder unterordnen ­ das fällt schwer. "Die Leute sind versaut", sagt Ex-Boo-Mann Vilanek.

Junge Software-Entwickler haben dagegen keine Probleme, eine neue Aufgabe zu finden. Der Fachkräftemangel hat sich ­ trotz Green Card ­ eher verschärft. Rund 150 000 offene Stellen stehen nur 6500 Informatik-Absolventen pro Jahr gegenüber.

Sie haben die Wahl: Ein Arbeitsplatz bei einem renommierten Konzern und ein gutes Gehalt sind ihnen sicher. Ein Informatiker startet direkt nach dem Studium mit rund 100 000 Mark im Jahr, jedes Berufsjahr bedeutet meist 15 000 Mark mehr.

Da können Start-ups kaum mithalten. "Es ist fast unmöglich, technische Kräfte zu bekommen", klagt Sven Wolter, 34, Gründer der Internet-Firma Gewinnidee.de. Kürzlich erst habe er von einem Entwickler eine Abfuhr bekommen, am Ende habe sich der Bewerber für eine Firma mit klangvollem Namen entschieden.

Dafür hat Wolter sogar Verständnis. "Es wäre vermessen zu sagen, dass wir einen Arbeitsplatz für ein oder zwei Jahre garantieren könnten", räumt der Gründer ein: "Wir wissen ja nicht einmal, was in einem halben Jahr sein wird."

ALEXANDER JUNG