Joseph Berardino: Der Herr der Schredder - DER SPIEGEL
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Joseph Berardino Der Herr der Schredder

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Partner des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Arthur Andersen LLP vor eineinhalb Jahren einen neuen Chef suchten, wollten sie jemand, der die Traditionsfirma zurück zu ihren Wurzeln führen konnte. Nach den Bilanzskandalen um Sunbeam und Waste Management, in die Andersen verwickelt war, sollte Joseph Berardino dem Unternehmen helfen, wieder der kritischste und unabhängigste Wirtschaftsprüfer der Welt zu werden.

Stattdessen wurde Berardino zu Andersens Totengräber. Nachdem bekannt geworden war, dass Andersen bei Enron eine ganze Reihe fehlerhafter Quartalsabschlüsse und Bilanzen abgenickt hatte, geriet der Wirtschaftsprüfer unter Beschuss. Andersen versuchte, seine Verfehlungen durch das groß angelegte Schreddern von Dokumenten zu kaschieren - als dies aufflog, war die Firma am Ende. Der inzwischen zurückgetretene Berardino, den Vertraute als stillen Buchhaltertyp beschreiben, musste hilflos zusehen, wie seine Kunden in Scharen flüchteten und die nationalen Gesellschaften das Andersen-Netzwerk verließen.

Allerdings tat Berardino auch vor dem Enron-Debakel wenig, um die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfung zu stärken - im Gegenteil: Durch seine Lobbyarbeit konnten die großen Prüfungsgesellschaften verhindern, dass die US-Börsenaufsicht SEC eine scharfe Trennung von Beratungs- und Prüfungsgeschäft durchsetzte. Was den Enron-Skandal anging, zeigte sich Berardino uneinsichtig. Im Dezember vergangenen Jahres schrieb er in einer Gastkolumne für das "Wall Street Journal", Andersen treffe keine Schuld an dem spektakulärsten Bankrott der amerikanischen Unternehmensgeschichte. Verantwortlich seien nicht die Buchhalter, sondern die Buchhaltungsregeln.