Jung und arbeitslos: Für immer bei den Eltern
Jugend in Spanien Filius ante portas
Das Madrider Viertel Pueblo Nuevo liegt etwas verlassen in der Wintersonne. Früher Abend, die meisten Bewohner sind entweder bei der Arbeit oder hocken daheim. Trotz der Sonnenstrahlen ist die Luft bereits empfindlich kalt, in den Nächten friert es. Ein paar Jugendliche stehen gelangweilt auf einem Parkplatz herum. Es ist ihr regelmäßiger Treffpunkt, an dem sie sich austauschen und mit mitgebrachten Bierflaschen anstoßen. In der Bar gleich um die Ecke gäbe es zwar auch ein Bier und noch dazu im Warmen, aber das scheint ihnen zu teuer zu sein. Dabei kostet es nicht einmal ein Drittel von dem, was man in einer Kneipe im Zentrum der spanischen Hauptstadt für ein frisch Gezapftes ausgeben müsste.
Pueblo Nuevo, Neues Dorf, ist ein typisches Arbeiterviertel, erbaut in den sechziger Jahren für die nach Madrid strömende Landbevölkerung. Hier lebt Alberto Rosales seit seiner Geburt. Jetzt ist er 30 und haust noch immer bei seiner Mutter: "Ich würde gern ausziehen, aber eine eigene Wohnung kann ich mir bei meinem Lohn nicht leisten." Alberto hat die Schule vor zwölf Jahren abgeschlossen und seitdem jeden Job gemacht, den er finden konnte: Er putzte in der Metro, schleppte auf dem Flughafen Gepäck, jobbte in einem großen Kaufhaus.
Immer wieder war er auch arbeitslos und hat während dieser Zeit mehrere vom Arbeitsamt bezahlte Kurse abgeschlossen. Nun besitzt er unter anderem auch ein Zertifikat, das ihn berechtigt, Heizungen zu installieren. Seit einigen Monaten arbeitet Alberto für eine Wartungsfirma als Heizungstechniker. Er hat viel zu tun. Gerade im Winter. Die Tage eines Monats, an denen er nur acht oder neun Stunden arbeitet, kann er an einer Hand abzählen. Doch trotz der Überstunden bringt Alberto gerade mal 850 Euro monatlich nach Hause. Viel zu wenig, um ans Ausziehen auch nur zu denken.
Eine kleine Wohnung kann er mit seinem Lohn nicht bezahlen
Alberto wartet vor dem Wohnungsblock, in dem er zusammen mit seiner verwitweten Mutter lebt. Sie wollte nicht, dass unser Gespräch in der Wohnung stattfindet. Dafür ist sie zu stolz. Vier Söhne hat sie großgezogen. Dass ihr Jüngster mit 30 noch immer bei ihr leben muss, obwohl er so hart arbeitet, macht sie traurig.
"Andererseits ist sie wohl froh, nicht allein zu sein, da mein Vater nicht mehr da ist", glaubt Alberto. Dieser Gedanke macht die Situation für ihn erträglicher. Von seinem Haus aus überqueren wir die Straße und eine Grünfläche und gelangen zu einer Gaststätte. Vor dem Eingang treffen wir auf Javi "Der ist in einer ähnlichen Lage wie ich", sagt Alberto. "Hallo", grüßt Javi auf Deutsch. Er hat einmal einen Sprachkurs gemacht und spricht ein paar Brocken. "Aber zu wenig, um nach Deutschland zu gehen", fügt er dann gleich auf Spanisch hinzu. "Außerdem wollen die Deutschen sowieso nur Akademiker", weiß Alberto. "Da hätten wir Handwerker gar keine Chance."
Alberto will auch gar nicht nach Deutschland. Er möchte selbst seinen Stadtteil nur ungern verlassen. "Ich bin hier aufgewachsen, hier kenne ich alle. Ich möchte hier nicht weg." Aber eine kleine Wohnung in dem einfachen Viertel kostet um die 600 oder 700 Euro kalt. Die kann er mit seinem Lohn nicht bezahlen.
Die Hälfte der jungen Spanier ist arbeitslos
Seit sieben Jahren ist Alberto mit seiner Freundin Zaira zusammen. Zaira ist 27 Jahre jung und lebt ganz in der Nähe, ebenfalls bei ihren Eltern. Der Vater verdiente lange Zeit sehr gut auf dem Bau. Jetzt ist er arbeitslos. Zaira hat eine Halbtagsstelle als Bürokraft und bekommt dafür etwa 400 Euro im Monat. Das Geld wird zu Hause gebraucht, denn auch Zairas ein Jahr jüngere Schwester lebt noch immer mit im Haushalt. Die andere Hälfte des Tages geht Zaira zur Schule, um einen Abschluss als Verwaltungsangestellte zu machen. "Wenn sie eine Stelle findet, verdient meine Freundin vielleicht schon in einem Jahr 1200 Euro im Monat", hofft Alberto.
Die Voraussetzungen dafür sehen alles andere als günstig aus. Fast die Hälfte der jungen Spanier ist arbeitslos. Mit 48,5 Prozent ist es die höchste Quote in der EU. Der restlichen Bevölkerung geht es kaum besser: Fast jeder vierte arbeitsfähige Spanier befindet sich derzeit auf Jobsuche. Und in diesem Jahr dürften es noch mehr werden. "Die Situation wird sich 2012 noch verschlimmern", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy Anfang Februar zur Lage auf dem einheimischen Arbeitsmarkt. Und so werden es Alberto und Zaira wohl noch einige Zeit bei ihren Eltern aushalten müssen.
Das Essen wird gekocht, die Wäsche gewaschen, die Wohnung geputzt
Ganz anders ergeht es Nacho Rodríguez. Dem 37-Jährigen gefällt es außerordentlich gut in seinem Hotel Mama. Er ist Biologe, arbeitet als Lehrer und hat im Monat 1800 Euro zur freien Verfügung. 600 Euro davon gibt er zu Hause ab. Eine eigene Wohnung könnte er sich schon lange leisten, aber er will nicht. "Ich sehe einfach keine Notwendigkeit dafür", meint er.
Das ist kein unbekanntes Phänomen in Spanien, wo mehr als 40 Prozent der jungen Männer zwischen 25 und 35 Jahren oft aus reiner Bequemlichkeit noch bei den Eltern wohnen. Von den jungen Frauen dagegen bleiben nur 30 Prozent derart lange im elterlichen Haushalt. Auch im europäischen Vergleich gelten junge Spanier als Nesthocker - und angesichts der Krise wird Spanien seinen ersten Platz in dieser Disziplin so schnell wohl nicht abgeben.
Zusammen mit seiner geschiedenen Mutter Rosa María lebt Nacho in einer großen Wohnung in einem besseren Stadtteil Madrids. "Eigentlich komme ich nur zum Schlafen hierher", sagt er. "Wie in einem Hotel." Und wie in einem richtigen Hotel muss er auch bei der Hausarbeit keinen Finger krümmen. Das Essen wird gekocht, die Wäsche gewaschen, die Wohnung geputzt.
Nacho hat viel Freizeit und engagiert sich für Drogenabhängige. Zusammen mit einer Gruppe von Freunden bringt er den auf der Straße lebenden Junkies einmal wöchentlich etwas zu essen. Auch sonst regt sich sein soziales Gewissen. Er hilft, wo er nur kann: fördert Heimkinder, gibt Nachhilfe, macht mit Bedürftigen Ausflüge in die Natur. Nur im Haushalt tut Nacho nichts. Den schmeißt seine Mutter.
"Ich mache das gern", versichert Rosa María. "Seit ich pensioniert bin, habe ich doch sonst kaum etwas zu tun." Rosa María war Beamtin. Seit einem Jahr ist sie in Pension. 1100 Euro erhält sie monatlich - zu wenig, um die große Eigentumswohnung allein zu halten. Die Nebenkosten sind zu hoch.
Dass eines ihrer vier Kinder nie auf den Gedanken kam, von zu Hause auszuziehen, stört sie nicht. "Im Gegenteil, ganz abgesehen von der finanziellen Hilfe freue ich mich darüber!" Selbst wenn sie sich nur wenig sähen, weil jeder sein eigenes Leben führe, sei es schön, jemanden in der Nähe zu wissen. Stört es sie denn auch nicht, dass ihr Sohn sich täglich ins gemachte Bett legt? "Ach, was!" Sie lacht. "Da hatte ich früher mit vier kleinen Kindern viel mehr zu tun!"
Ihre anderen drei Kinder haben alle eine eigene Familie gegründet. "Von Nacho habe ich nur eine einzige Freundin kennengelernt, und die Beziehung dauerte nicht lange. Manchmal denke ich, dass er vielleicht gar nicht an einer Beziehung mit einer Frau interessiert ist. Bei all der Gemeindearbeit, die er macht."
Dem widerspricht Nacho sofort. "Ich habe einfach noch nicht die Richtige gefunden", sagt er. "Aber wirklich auf der Suche bin ich auch nicht. Das muss sich ergeben." Immerhin, in einem Punkt ist sich Nacho sicher: "Wenn ich eine Frau fände, würde ich bestimmt ausziehen."