Kabale und Triebe - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN Kabale und Triebe

Der Machtkampf in der IG-Metall-Führung spitzt sich zu: Traditionalist Peters und Reformer Huber ringen um die Mehrheit im zentralen Führungsgremium.
• aus DER SPIEGEL 35/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von ihren Feinden werden sie, in Anlehnung an das Ehepaar Honecker, nur noch »Margot und Erich« genannt: Am vergangenen Wochenende gaben sich der designierte IG-Metall-Chef Jürgen Peters und Edith Großpietsch, Bildungsreferentin der Gewerkschaft, das Jawort. Und damit nicht genug der frohen Botschaften: Anfang September erwarten Peters' künftiger Stellvertreter Berthold Huber und seine Ehefrau Anne, ebenfalls eine frühere Gewerkschaftsangestellte, das dritte Kind. Die Spitze der IG Metall scheint ein Hort tiefen privaten Glücks.

Ansonsten präsentiert sich die mächtigste Arbeitnehmerorganisation der Republik zerstritten, intrigant, gespalten - und das nur wenige Tage vor dem Gewerkschaftskongress, auf dem die rund 600 Delegierten am kommenden Wochenende das neue Führungsduo wählen sollen.

Noch bevor Traditionalist Peters und Reformer Huber überhaupt im Amt sind, rangeln ihre jeweiligen Lager um Posten und Positionen, kündigen Kandidaturen und Gegenkandidaturen an, werfen sich gegenseitig Tricks und Vertragsbruch vor.

Dabei ist es erst vier Wochen her, dass die beiden Top-Gewerkschafter in einem gemeinsamen SPIEGEL-Gespräch für eine »neue Einheit« warben und den »Ausschluss von Alleingängen« ankündigten. Derlei scheint schon wieder Makulatur. »Es droht eine Fortsetzung der Grabenkämpfe«, warnt Klaus Franz, Chef des Opel-Betriebsrats.

Entsetzt über die Schlammschlacht, flüchteten in den vergangenen Wochen bereits Tausende Mitglieder aus der Organisation, nun verlieren auch die Funktionäre die Lust. Beim Autohersteller DaimlerChrysler wollen etliche Delegierte gar nicht erst zur Peters-Huber-Kür nach Frankfurt reisen. In anderen Konzernen laufen gar Gerüchte über die Gründung einer neuen Automobilarbeiter-Gewerkschaft um.

Sicher ist: Unter dem roten IG-Metall-Logo werden künftig zwei Gewerkschaften antreten, eine geführt von Huber, die andere von Peters.

Wer dabei die Nase vorn hat, darüber fallen auf dem Kongress am Wochenende wichtige Vorentscheidungen. Es geht um die Macht - und um die Absprachen, auf die sich Huber, Peters und die IG-Metall-Spitze vor wenigen Wochen geeinigt hatten, um den monatelange Richtungsstreit an der Gewerkschaftsspitze zu beenden.

Huber verzichtete zwar darauf, gegen Peters für den Chefposten zu kandidieren. Doch rang er seinem Rivalen entscheidende Zugeständnisse ab: Schriftlich musste Peters in einem geheimen Zusatzvertrag bestätigen, dass er »nach Ablauf der Amtsperiode nicht mehr kandidieren wird«, also nur vier Jahre lang Vorsitzender sein kann. Zugleich legte sich die IG-Metall-Spitze auf ein Personal-Tableau für den mächtigen geschäftsführenden Vorstand fest: Dort kann Vize Huber künftig auf eine satte Mehrheit von fünf zu zwei zählen (siehe Grafik).

Segnet der Kongress das Konzept wie vorgesehen ab, würde Peters zum Vorsitzenden ohne Macht: An seiner Amtsperiode würde bereits ein Verfallsdatum kleben, noch bevor er gewählt ist. Im zentralen Führungsgremium, das alle wichtigen Sach- und Personalentscheidungen vorbereitet, wäre er auf Dauer in einer Minderheitenposition.

Wie begrenzt sein Einfluss ist, zeigte sich bereits in den Personalentscheidungen. So feuerte Peters zwar Pressesprecher Claus Eilrich und stellte die Weichen, um den bekennenden Linksausleger Hans-Jürgen Urban zu seinem neuen Chefstrategen zu machen. Doch schon der Plan, den eigenen Vertrauten und Tarifexperten Armin Schild als Nachfolger des umstrittenen Berliner Bezirksleiter Hasso Düvel durchzusetzen, wird scheitern. Schild sei einer der Verantwortlichen für die Streikschlappe im Osten, so ist aus dem Huber-Lager zu hören. Damit sei er als Chef der ostdeutschen IG Metall fehl am Platze.

Peters wäre nicht Peters, wenn er sich mit der drohenden Ohnmacht im Amt abfinden würde. Unablässig brachten seine Gefolgsleute in den vergangenen Wochen neue Namen für den Vorstand ins Gespräch. Der Schweinfurter IG-Metall-Funktionär Klaus Ernst, ein strammer Traditionalist, hat seine Kandidatur schon öffentlich angekündigt.

Setzt er sich durch, wäre nicht nur Hubers Vorstandsmehrheit in Gefahr. Das Traditionslager würde auch eine neue Option für die Zeit nach Peters gewinnen. Als Vorstand könnte sich Ernst ausreichend profilieren, um in vier Jahren gegen Huber um den Chefposten kandidieren zu können.

Die Verbündeten des Stuttgarter Tarifexperten haben die Gefahr erkannt. So sieht der Betriebsratschef von Porsche, Uwe Hück, in den jüngsten Personalplänen nicht nur einen »schlimmen und bösartigen Affront des Peters-Lagers« (siehe Interview). Mittlerweile treibt ihn die Idee um, sich selbst um den Chefposten zu bewerben.

Dass es dazu kommt, gilt zwar als unwahrscheinlich. Doch mindestens genauso wichtig ist das Signal an Peters: Entweder er stoppt die Personalkabalen, oder er wird auf dem Kongress gar nicht erst zum Vorsitzenden gewählt. MICHAEL SAUGA

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