Käfer im Goldrausch - DER SPIEGEL
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ROHSTOFFE Käfer im Goldrausch

Die Sorge um die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft treibt den Preis für die Feinunze Gold auf historische Höhen. Doch für welchen Anleger lohnt sich das Edelmetall überhaupt?
• aus DER SPIEGEL 3/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tief im Untergrund von London liegt ein Schatz verborgen, wie ihn nicht einmal die Bank von England besitzt: Tausende Goldbarren, jeder gut zwölf Kilogramm schwer, türmen sich dort bis an die Decke des Tresorraums. Die Quader, sauber gestapelt auf hölzernen Paletten, glänzen im fahlen Schein der Neonbeleuchtung. Und jede Woche packt der Gabelstapler etliche neue dazu.

In den schwer gesicherten und scharf bewachten Verliesen lagert der Finanzdienstleister Streettracks Gold Shares für seine Kunden unvorstellbare Massen des Edelmetalls. Mehr als 641 Tonnen sind es mittlerweile, heutiger Marktwert: gut 18 Milliarden Dollar.

Gold Shares ist ein börsengehandelter Fonds mit einem besonderen Geschäftsmodell: Anleger kaufen Anteile, dafür hinterlegt das Unternehmen gegen eine Gebühr echtes Gold. Hintergrund: Die meisten Banken haben sich aus dem Edelmetallgeschäft mit Privatkunden längst zurückgezogen.

»Exchange Traded Funds« nennen sich solche Finanzprodukte. Die auf Gold basierenden Fonds wurden vor gut drei Jahren eingeführt, zuletzt verbuchten sie gewaltige Zuflüsse: Im dritten Quartal 2007 schoss die Nachfrage im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 617 Prozent in die Höhe. Ein phänomenaler Anstieg genau in jenen Wochen, als die ersten Ausläufer der US-Finanzkrise das Vertrauen der Investoren erschütterten.

Seit Bilder von Menschenschlangen vor britischen Bankfilialen um die Welt gegangen sind und staatliche deutsche Institute wie die Sachsen LB in Schieflage geraten, sind die Anleger erst recht zutiefst verunsichert. Die Furcht wächst, dass der Dollar noch stärker an Wert verliert. Die Angst geht um, dass die Verbraucherpreise weiter steigen, insbesondere die für Energie. Die Pessimisten orakeln, dass am Ende eine Rezession die gesamte Weltwirtschaft niederdrücken könnte.

So flüchten sich die besorgten Sparer in ein Zahlungsmittel, dem vor 5000 Jahren schon die Ägypter vertrauten und das seither als Inbegriff von stabilem Wohlstand und ewigem Reichtum gilt: Währungen kommen und gehen, Gold aber bleibt.

Der Zauber wirkt noch immer - und immer wieder. Seit Beginn der Kreditkrise im vergangenen Sommer habe das Geschäft erheblich zugenommen, sagt Robert Hartmann, Geschäftsführer des Edelmetallhändlers Pro Aurum.

Der Durchschnittskunde besorge sich Münzen oder Barren im Wert von 15 000 Euro - sofern sie denn gleich verfügbar sind. »Wenn jemand heute 20 000 Krügerrand haben will, beschäftigt mich das zwei Tage«, sagt Hartmann: »Der Markt ist eng.«

Gold ist so begehrt wie selten zuvor und entsprechend kostbar. Vergangenen Freitag stieg der Preis erstmals über die Marke von 900 Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm), das ist fast die Hälfte mehr als vor Jahresfrist. Ein historischer Höhepunkt. Zuletzt war das Edelmetall im Januar 1980 annähernd so teuer, allerdings nur für einen Tag, danach ging es für Jahre bergab. Diesmal hingegen scheint der Trend nachhaltiger zu sein.

Der Commerzbank-Fachmann Eugen Weinberg sieht jedenfalls noch Luft nach oben. Würde man den alten Rekord von 871 Dollar um die Inflation bereinigen, müsste Gold heute sogar 2384 Dollar kosten, rechnet der Analyst vor. Das alte Allzeithoch läge »somit weit vom aktuellen Niveau entfernt«.

Und manches spricht durchaus für seine Sicht: Das weltweite Angebot an neugewonnenem Gold stagniert bei 2500 Tonnen pro Jahr. Die alten Minen, vor allem im traditionellen Förderland Südafrika, sind weitgehend

ausgebeutet, die neuen Vorkommen aber erweisen sich oft als nicht so reichhaltig, ihr Abbau ist aufwendig und teuer.

Die sogenannten Cash-Kosten, also die Ausgaben für Erkundung und Förderung, sind beim kanadischen Weltmarktführer Barrick von 177 Dollar pro Unze 2002 auf zuletzt 370 Dollar gestiegen. Gleichzeitig wächst die globale Nachfrage nach dem Edelmetall. Insbesondere die neue Mittelklasse in den aufstrebenden Schwellenländern giert nach Gold. Indien ist von jeher der weltgrößte Abnehmer. Auf dem Subkontinent gehört es zu jeder ordentlichen Hochzeit, dass die Braut mit Goldschmuck ausgestattet und mit Reifen und Ringen, Ketten und Armbändern behängt wird.

Auch die wohlhabenden Russen schmücken sich gern mit glänzendem Metall. Die Nachfrage dort ist im dritten Quartal des Jahres 2007 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 25 Prozent gestiegen.

Und auch die Petromilliardäre aus der Golfregion gehen dazu über, einen Teil ihres Vermögens in krisensicheren Werten anzulegen. Das alles hilft, den Preis in die Höhe zu katapultieren.

Nun bekommen die sogenannten Goldkäfer wieder Oberwasser, jene verschworene Gemeinschaft von Investoren, die den Kollaps des globalen Finanzsystems unmittelbar bevorstehen sieht und bereits das neue Zeitalter einer goldenen Weltwährung ausruft - seit Jahren stets aufs Neue.

Regelmäßig treffen sich die Crash-Propheten auf Seminaren, in Online-Foren oder auf Edelmetallmessen und verbreiten gepflegte Endzeitstimmung. Die Apokalyptiker bestärken sich gegenseitig in ihrer Überzeugung, dass allein Gold von Bestand sei, Papiergeld hingegen vergänglich, und wie fatal es doch gewesen sei, die Weltwährungen 1971 vom Gold abzukoppeln.

Wenn heute die Zentralbanken die Märkte mit Milliarden überschwemmen, um klammen Banken aus der Klemme zu helfen - na bitte: Dann fühlen sich die Goldpropheten in ihrer Skepsis ganz und gar bestätigt.

Schon prognostizieren Investoren wie Uwe Bergold kühn, dass die Inflationsrate in diesem Jahr auf acht bis zehn Prozent hochschießen werde, sein langfristiges »Mindestkursziel« für Gold: 6000 Dollar.

Der Fondsberater Martin Siegel hält ein Ende des aktuellen Aufwärtstrends sogar für ausgeschlossen: »Eine sich zuspitzende Finanzkrise an den Papiergeldmärkten könnte jederzeit zu einem explosionsartigen Goldpreisanstieg führen«, mutmaßt er.

Wer noch nicht bekehrt ist, dem erzählt die Goldkäfer-Fraktion gern die Geschichte von dem Mann, der zu Zeiten der Hyperinflation in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit einer Schubkarre voller Geldscheine zur Bank kam, sie abstellte und kurz hineinging. Als er wieder heraustrat, war das Geld noch da - nur die Schubkarre fort.

Total realitätsfern sind solche Anekdoten nicht. Immerhin können manche ältere Zeitgenossen noch davon berichten, wie die Geldentwertung 1923 Millionen Sparer praktisch enteignete. Und selbst der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan hat darauf hingewiesen, dass Ersparnisse nicht davor gefeit sind, von der Inflation aufgefressen zu werden: »Gold widersteht diesem heimtückischen Prozess«, schrieb er einmal. Ist Gold also das bessere Geld?

Hier gilt, wie so oft, die alte Geologenweisheit: Jeder Berg hat zwei Seiten. Und die dunkle, entfernte Seite wird im Urteil oft unterschlagen.

Als Kapitalanlage ist Gold jedenfalls ein ziemlicher Reinfall gewesen, selbst auf längere Sicht. In 25 Jahren hat das Edelmetall nur unwesentlich an Wert gewonnen. Wer hingegen den Finanzmärkten vertraute und beispielsweise die Aktien des Dow-Jones-Index kaufte, konnte seinen Einsatz in dieser Zeit etwa verzwölffachen - zuzüglich der jährlichen Dividende aus den Papieren.

Kein Wunder, dass materielles Gold als Anlageinstrument nur eine marginale Rolle spielt. Haupttreiber des Geschäfts ist die Schmuckindustrie, die denn auch zwei Drittel der gesamten Nachfrage beherrscht. Ihre Kunden aber reagieren auf Preiserhöhungen äußerst empfindlich, deshalb halten sie sich seit einigen Wochen zurück.

Die Stimmung in der Schmuckindustrie sei deshalb sehr angespannt, sagt Bernd Bauer, Edelmetallspezialist bei der Sparkasse Pforzheim Calw: »Es wird derzeit viel eingeschmolzen.«

Und dennoch steigen die Preise, was beweist, wie wenig die Rekorde an den Rohstoffbörsen mit dem physischen Markt zu tun haben - und wie viel Spekulation in dem aktuellen Höhenflug steckt.

Zudem nimmt, trotz aller Schwierigkeiten bei der Förderung, der weltweite Goldbestand Jahr für Jahr kontinuierlich zu. Das Volumen steigt automatisch, weil das Edelmetall nur in minimalen Mengen tatsächlich verbraucht wird und die Recyclingquote hoch ist.

Am Ende mag es fast schon eine Glaubensfrage sein, ob es sich lohnt, Gold ins Depot zu legen. Die Antwort sagt eher etwas über die Geisteshaltung der Anleger: Der Optimist setzt auf Aktien oder wenigstens Sparpläne. Wer aber mit dem Schlimmsten rechnet, der bevorzugt Gold.

Mit Vernunft jedenfalls hat es wenig zu tun, weshalb Gold von manchen Investoren gerade so umworben wird, eher schon mit der unerklärlichen Aura, die das Metall umgibt: dem Mythos und Mysterium.

Genauso gut hätte sich die Menschheit einst darauf festlegen können, ein Metall wie Indium zum universellen Wertobjekt und Tauschmittel zu machen. Der weiße Stoff ist ausgesprochen selten, wird für elektronische Bauteile und Schutzschichten genutzt, sein Wert ist rasant gestiegen, von unter hundert Dollar pro Kilogramm vor fünf Jahren auf zeitweise über tausend Dollar.

Nur eines fehlt dem Indium: der unvergleichliche Glanz. ALEXANDER JUNG

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