»Kalkulierte Risiken«
SPIEGEL: Die nun veröffentlichten Bilanzzahlen der Kirch-Gruppe sind dramatisch. Hat sich Leo Kirch verhoben?
Hahn: Wenn wir in Deutschland begännen, das Eingehen kalkulierter Risiken mit Spielermentalität gleichzusetzen, dann würden wir das Unternehmertum ausschalten.
SPIEGEL: Unbestritten ist doch, daß sich Kirch für den Kernbereich seines Unternehmens drei Milliarden Mark bei Banken ausgeliehen hat - und er immer mehr Zinsen zahlen muß.
Hahn: Auf diese Zahlen werde ich nicht im einzelnen eingehen. Wir werden nie bestreiten, daß die Kirch-Gruppe Kredite aufnimmt. Doch die Substanz des Unternehmens kann das vertragen.
SPIEGEL: Laut der Finanzplanung, die jetzt offengelegt ist, rechnet Kirch intern für 1997 mit einem Rückgang der Bankschulden um 1,3 Milliarden Mark. Kommt dieses Geld zum großen Teil aus dem Börsenerlös der Pro-Sieben-Gruppe, die mehrheitlich dem Kirch-Sohn Thomas gehört?
Hahn: Ich kommentiere auch diese Zahl nicht. Die Verbindlichkeiten der Kirch-Gruppe haben nichts mit Thomas Kirchs Börsengang zu tun. Das ist sein Unternehmen.
SPIEGEL: Was wäre daran verwerflich, wenn er das Geld in das Unternehmen des Vaters steckt?
Hahn: Nichts. Es ist auch nicht verwerflich, daß er Leo Kirchs Sohn ist. Was ich sagen will, ist nur: Unsere Finanzplanung bezieht sein Vermögen nicht ein.
SPIEGEL: Kirch dreht doch unbestreitbar ein großes Rad. Was macht Sie so sicher, daß er nicht untergeht?
Hahn: Die Erträge und die Substanz des Unternehmens. Im Handelsgeschäft machen wir über eine Milliarde Mark Umsatz, seit Jahren haben wir dort eine sehr gesunde zweistellige Rendite. Unsere Film-Library hat einen Buchwert von drei Milliarden Mark. Da gehen wir konservativ vor, und wir sind bei unseren Banken weiß Gott nicht als Hochstapler bekannt.
SPIEGEL: Trotzdem übersteigen die Ausgaben die Einnahmen. Wird sich Kirch von Beteiligungen trennen, um Geld in die Kasse zu holen?
Hahn: Unser Beteiligungsbesitz ist aus unserer Sicht eher 5 Milliarden Mark wert, steht aber mit nur 1,5 Milliarden in den Büchern. Wir sind auch hier bei den Bewertungen extrem konservativ. Damit sind unsere Banken sehr zufrieden. Kirch hat 40 Jahre an einem integrierten audiovisuellen Unternehmen gearbeitet. Wir sind auf diesem Weg sehr weit gekommen und wollen uns von nichts trennen. Im Gegenteil: Wir gehen beim Zukunftsmarkt digitales Fernsehen mit DF1 in die nächste Wertschöpfungsstufe.
SPIEGEL: Dies erfordert Milliardeninvestitionen. Ist der Konzern nicht gerade wegen DF1 in die Schieflage geraten?
Hahn: Nein, die Kirch-Gruppe ist in keiner Schieflage, sondern heute von einer derartigen Kraft, daß sie die nötigen Investitionen leichter tragen kann als beim Start ins Privatfernsehen. Wenn wir es in Deutschland nicht gemacht hätten, gäbe es heute noch kein digitales Fernsehen. Der Schritt in die digitale Zukunft ist in allen Fernsehmärkten ähnlich. Wenn wir uns irren sollten, sind wir jedenfalls in bester Gesellschaft.
SPIEGEL: Steigt möglicherweise General Electric oder Sony als Gesellschafter bei DF1 ein?
Hahn: Wir wollen nicht spekulieren. Es gibt zwei konkrete Alternativen. Wir investieren jedenfalls weiterhin massiv in Programme und Produktionen, die langfristig ausgewertet werden können. Das muß bezahlt werden, und das tun wir zu einem überdurchschnittlichen Anteil aus Eigenmitteln. Wir greifen nicht wegen DF1 nach dem letzten Strohhalm. Das ist grob unsachlich.
SPIEGEL: Haben Sie schon ermittelt, woher die Indiskretionen über Ihre Geschäftszahlen stammen?
Hahn: Seit einigen Monaten wird offenbar sehr zielgerichtet über die Finanzen und die Solidität eines einzigen deutschen Medienunternehmens spekuliert. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Was uns langsam sehr stört, ist der Eindruck, der hier erweckt wird: Da sitzt eine Bande von Spielern in München, und die zieht ihre letzte Karte. Das ist grundfalsch.
SPIEGEL: Wie hat Herr Kirch auf den Ärger reagiert?
Hahn: Herr Kirch ärgert sich nicht, er fragt, ob etwas Wichtiges anliegt.