Kalt kalkuliert - DER SPIEGEL
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BANKEN Kalt kalkuliert

Aus der wirtschaftlichen Rezession gehen die deutschen Banken gestärkt hervor: Sie machten Rekordgewinne.
• aus DER SPIEGEL 14/1983
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Der Bundesfinanzminister appellierte an das Verantwortungsbewußtsein der Bankmanager. »Im Interesse unserer ganzen Volkswirtschaft und aller Bürger«, so mahnte Gerhard Stoltenberg, sollten die Kreditinstitute die Zinssenkungen der Bundesbank an die Wirtschaft weitergeben.

Der Appell war überfällig. Während die Bundesbank längst auf einen Kurs billigeren Geldes eingeschwenkt war, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, vergrößerten Banken und Sparkassen in der Bundesrepublik noch rasch ihre Krisengewinne.

Um insgesamt sieben Prozent-Punkte senkte die Frankfurter Bundesbank in den letzten 18 Monaten ihre Leitzinsen. Die Preise für die Kreditschuldner der Banken gingen bis Mitte März aber nur um etwa fünf Prozent zurück.

Seit dem 18. März zahlen die Kreditinstitute nur noch vier Prozent für eingereichte Wechsel aus der Wirtschaft und fünf Prozent für Kredite, die durch Wertpapiere abgesichert sind. Großbanken und Sparkassen jedoch nehmen ihrer Kundschaft noch immer zehn Prozent und mehr ab.

»Wie Pfandleiher«, meint der Stuttgarter Verbraucher-Schützer Siegfried Bluth, hätten Banken und Sparkassen in den vergangenen Jahren bei den Kreditzinsen draufgeschlagen. Im Sommer 1981 setzten sie bis zu sechsmal ihre Zinsen herauf, manchmal sogar um 1,5 Prozentpunkte auf einen Schlag.

Um so langsamer dagegen reagierten die Geldverleiher, als der Zinstrend sich umkehrte. Bis Mitte Oktober letzten Jahres - der Diskont rutschte damals auf sechs Prozent - hielt die Branche die Sollzinsen bei über 13 Prozent fest.

Als der Marktführer Deutsche Bank schließlich am 12. Oktober die Zinsen für gewöhnliche Kredite um ein halbes Prozent auf 13 senkte, zogen auch die anderen nach. Natürlich nicht sofort: Drei Wochen ließen sich die meisten Sparkassen und Banken Zeit.

Ganz flink paßte das Gewerbe andererseits jene Zinsen nach unten an, die es selbst für Termin- und Spareinlagen zu zahlen hat. Die rund 500 Milliarden Mark Guthaben auf den Sparkonten sollen im April nur noch mit drei Prozent verzinst werden

Für die Banken und Sparkassen hat sich das Zinsspiel, wie sich an den jetzt vorgelegten Bilanzen deutlich zeigt, wieder einmal gelohnt. Das Jahr der Flaute, der Pleiten und der Arbeitslosen war für das deutsche Geldgewerbe das Jahr des größten Profitzuwachses seit Kriegsende.

Die Spanne zwischen dem Preis des geliehenen und des verliehenen Geldes kletterte in den vergangenen zehn Monaten auf neue Rekordhöhen. Noch in den siebziger Jahren pendelte diese Marge stets um zwei Prozent, jetzt liegt sie im Schnitt weit darüber.

»Vom Mai vergangenen Jahres an ging es stetig nach oben«, sagt Commerzbank-Chef Walter Seipp. Die Zinsspanne der Commerzbank überstieg nach dreijährigem Niedergang im Jahresdurchschnitt 1982 wieder die Zwei-Prozent-Marke.

Der Aufwärtstrend setzte sich in den ersten Monaten des neuen Jahres fort: Die Spanne stieg von 2,4 Prozent im Dezember auf über 2,6 Prozent im Februar. Das Betriebsergebnis des drittgrößten privaten Geldkonzerns hat sich dadurch glatt verdreifacht.

Noch besser sieht es bei der Dresdner Bank aus. Lag die Zinsspanne Mitte 1981 noch unter zwei Prozent, so konnte Vorstandsmitglied Wolfgang Leeb für die ersten beiden Monate des neuen Jahres eine »noch nie erlebte Zinsmarge von durchschnittlich über 2,8 Prozent« verkünden.

Die Deutsche Bank schließlich vergrößerte ihr Betriebsergebnis einschließlich der Gewinne aus dem Wertpapierhandel auf über zwei Milliarden Mark - das ist weitaus mehr, als das Grundkapital der Bank ausmacht. In den siebziger Jahren lag die durchschnittliche Gewinnmarge der führenden deutschen Großbank bei 2,5 bis 2,7 Prozent, heute sind es bei neuen Krediten mehr als 3,5 Prozent. Die guten Gewinne lassen sich durch Bilanzkosmetik nicht mehr verstecken: Die Deutsche Bank erhöhte ihre Dividende von 20 auf 22 Prozent.

Ohne die Millionen geduldiger deutscher Sparer wären die Spitzengewinne der Banken nie möglich gewesen. Allein die drei Großbanken können mit 44 Milliarden Mark arbeiten, die ihnen die Sparer überlassen haben.

Da wird ganz kalt kalkuliert: Ein Prozent weniger Zins auf diese Einlagen bringt eben 440 Millionen Mark.

»Die Sparzinspolitik« urteilt ein Frankfurter Privatbankier, »gleicht doch in Wirklichkeit einem eingespielten Interessenkartell zu Lasten des Sparers.« Privatbankiers fällt die harte Kritik leicht: Sie verwalten kaum Spareinlagen.

Wieviel der Sparer den Banken wirklich wert ist, erfuhr mancher erst, als er sein Geld abziehen wollte. Dann nämlich boten die Sparkassen und Banken in der Hochzinsphase plötzlich »Bonus-Zinsen« von drei bis vier Prozent, nur um gute Dauerkunden zu halten.

In den Genuß solcher Zinszuschläge gelangten allein jene Sparbuch-Besitzer, die ein Guthaben von mindestens acht- bis zehntausend Mark vorweisen konnten. Die Millionen-Schar der Kleinsparer dagegen - zwei Drittel aller Kunden haben weniger als 5000 Mark auf dem Sparbuch - bekam nur den üblichen schäbigen Zinssatz.

So wird verständlich, warum die Marktführer im Massengeschäft - Sparkassen und Volksbanken - noch besser dastehen als die drei Großbanken: Die Hälfte ihrer Einlagen stammt von der Sparkundschaft. Und die wurde zu ähnlich unfairen Konditionen wie bei den Großbanken bedient.

Sparkassen und Volksbanken sind derzeit den großen Privatbanken gegenüber auch deshalb im Vorteil, weil sie sich kaum im Ausland engagiert haben. Sie müssen somit auch keine Risikopolster für bankrotte Großschuldner von Polen bis Mexiko anlegen.

Das sieht bei den Großbanken anders aus. Da werden Kleinschuldner und die Sparer für Fehlentscheidungen und Mißmanagement büßen. Die Kunden haben zwar die bedrohlichen Bankenrisiken nicht verursacht, können sich aber gegen hohe Schuld- und niedrige Sparzinsen nicht wehren. So werden die Verluste aus den riskanten Großkrediten gleichsam sozialisiert.

Und was bei Schuldnern wie Polen oder der AEG nichts fruchtet, das üben die Banken jetzt bei ihren kleineren Schuldnern: Da zeigen sie Härte.

Mit Lockvogel-Krediten, klagte der Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, Georg Schulhoff, hätten viele Banken in guten Zeiten Mittelständler überhäuft. Jetzt würden sie »bei der geringsten Kleinigkeit nervös, kündigten die Kreditlinien« und trieben damit die Firmen in die Pleite.

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