BRAUEREIEN Kalter Blick
Zu den Verhandlungen kam August A. Busch III., 50, Erbe der größten Bier-Dynastie der Welt, mehrmals selbst nach Bayern. Zum entscheidenden Treffen in München schickte er aus St. Louis ein Vorstandsmitglied seiner Brauerei Anheuser-Busch.
Es ging nicht etwa, wie der Aufwand hätte vermuten lassen, um die Einführung von Buschs Erfolgsmarke Budweiser auf dem deutschen Bier-Markt, auch nicht um den Erwerb einer bayrischen Brauerei. Der Welt erfolgreichster Brauer wollte sich nur, für lächerliche fünf Millionen Mark, das Gut Hüll im bayrischen Hopfenanbaugebiet Hallertau zulegen.
Die Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hopfenforschung, die das Gut verkauft, hat inzwischen zugestimmt, die Amerikaner sind längst abgereist. Die Frage aber bleibt: Was will Busch mit Hüll?
Bayerns Brauer ahnen natürlich Schlimmes: Die Amerikaner wollen Zugriff auf die deutsche Hopfenforschung. Die Qualitätsbezeichnung der Hüller Hopfensorten, sorgt sich ganz bierernst auch die sozialdemokratische Opposition im Bayerischen Landtag, gehe unkontrolliert in den Werbebereich des größten Bier-Giganten der Welt über, der selbst nicht nach dem Reinheitsgebot braue, also nur mit Wasser, Hopfen, Malz und Hefe.
Der Hopfen gibt dem Bier den Geschmack und den Duft, er macht es klar und sorgt für den Schaum. Hopfen ist, wie die Brauer sagen, die Seele des Bieres.
Knapp ein Drittel der Hopfen-Weltproduktion wird in Bayern angebaut, der überwiegende Teil davon in der Hallertau zwischen München und Ingolstadt. Rund 4000 Pflanzer ernten in diesem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt pro Jahr 600 000 Zentner. Zwei Drittel davon gehen in den Export, 120 000 Zentner allein in die USA. Einer der Großkunden: Anheuser-Busch.
Das Gut Hüll, das der US-Konzern jetzt erworben hat, ist nicht irgendein Hopfengut in der Hallertau. Es macht zwar Verluste, rund 70 000 Mark im Jahr, und die Aussichten auf künftigen Gewinn sind schlecht: Nicht einmal die Hälfte der Fläche läßt sich für den Hopfenanbau nutzen, der Rest ist Wald.
Was Hüll aber so interessant macht, ist die dort angesiedelte Forschung. Neue Hopfensorten werden gezüchtet und erprobt, Mittel gegen die Hopfenplagen Blattlaus und Mehltau entwickelt.
Die Verkäufer beeilten sich mit der Beteuerung, die Forschung bleibe selbstverständlich weiter in deutscher Hand. Die Amerikaner hätten nur den verlustträchtigen erwerbswirtschaftlichen Teil des Gutes erworben. Aber die Amerikaner planen auf lange Sicht.
Aufzuhalten waren die US-Brauer ohnehin nicht. »Wenn die wollten«, sagt Georg Beer, der Vorsitzende der Hopfen-Gesellschaft, »könnten die doch die halbe Hallertau kaufen.«
Und noch mehr dazu: Der Brau-Gigant schwimmt im Geld. In den vergangenen Jahren steigerte er seinen Marktanteil in den USA zielstrebig auf 40 Prozent und verkauft inzwischen mehr Bier als seine beiden Hauptkonkurrenten Miller und Stroh zusammen. Niemand sonst auf der Welt setzt soviel Bier ab, fast soviel wie alle deutschen Brauer zusammen. Im vergangenen Jahr kletterte der Gewinn um 18,7 Prozent auf 614,7 Millionen Dollar.
Das ist vor allem das Verdienst von »Little Augie«, wie Busch unter Mitarbeitern und Mitbewerbern heißt. Sein kalter Blick in Sitzungen, schreibt das US-Wirtschaftsblatt »Business Week«, sei legendär. Die Verkaufsmethoden des Konzerns werden selbst in den USA aggressiv genannt, der Vertrieb gilt als der beste der Branche.
Doch die Grenzen des Wachstums kündigen sich an, die Zuwachsraten sinken. Der Alkoholverkauf wird in den USA immer mehr eingeschränkt, im Kongreß ist sogar von einem möglichen Verbot der Fernsehwerbung für Bier und Wein die Rede.
Außerdem hängt Wohl und Wehe von Anheuser-Busch fast ausschließlich an Budweiser und der kalorienärmeren Schwestermarke Bud Light. Die Edelmarke Michelob verliert ebenso wie das alkoholarme Bier LA immer mehr Anhänger.
Da bleibt, als Ausweg, nur das Ausland. Budweiser soll, das hat sich Busch fest vorgenommen, zur internationalen Marke werden. In Japan und Israel verkauft sich Bud bereits gut.
Der erste, wenn auch zaghafte Versuch, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, mißlang dagegen kläglich. Michelob, Anfang der achtziger Jahre in Berlin getestet, kam bei den deutschen Bier-Freunden nicht an.
Die Erfolgsmarke Budweiser allerdings darf hierzulande gar nicht verkauft
werden, dagegen wehrt sich die tschechische Brauerei aus Budweis. Und gegen das Kürzel Bud hat die Bitburger Brauerei (Werbespruch: »Bitte ein Bit") etwas einzuwenden.
Mit dem kauf des Hopfengutes Hüll, so fürchten Bayerns Brauer, haben die Amerikaner nun einen Fuß in der Tür. Mit bayrischem Hopfen als Werbe-Argument könnten sie zudem schon jetzt den allerdings bescheidenen deutschen Bier-Export beeinträchtigen.
Vielleicht aber, so sinniert Verkäufer Beer, geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Spaten-Brauerei, ist ja auch alles ganz anders. Vielleicht wollte Busch einfach nur ein bayrisches Hopfengut kaufen - »ganz so, wie sich ein anderer am Tegernsee ein Häuschen hinstellen will«.