Kalter Samen - DER SPIEGEL
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RINDERZUCHT Kalter Samen

Kartell im Kuhstall? Deutsche Züchter betreiben einen lukrativen Handel mit Bullensperma. Die Wettbewerbsbehörde ermittelt.
• aus DER SPIEGEL 2/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Dennis von hinten auf die Attrappe springt, flitzt seitwärts ein Helfer unter die Kuhhaut und erleichtert den Bullen um fünf Milliliter Samenflüssigkeit - sensibel, denn auf grobes Zupacken reagiert ein Bulle zornig. Nur wenige Sekunden dauert die Prozedur, dann hat der Helfer für 10 000 Mark Sperma im Röhrchen.

Mit einem Wert von etwa einer Million Mark ist Dennis der Star im Stall der K. I. Samen b. v. im niederländischen Grashoek, zwischen Eindhoven und Venlo. Bereitwillig liefert Dennis dreimal in der Woche. Sein Erzeugnis wird im Verhältnis 20 : 1 verdünnt, in 400 Portionsgläschen verpackt und eingefroren.

Gelegentlich holt sich Frank Bückmann aus Neubrandenburg eine große Thermoskanne Tiefgekühltes aus Grashoek ab. Damit zieht er dann über deutsche Dörfer, verkauft die kostbare Flüssigkeit an die Bauern. Und genau das dürfe er nicht, meint das Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern und untersagte ihm »jegliches Anbieten bzw. Abgeben von Samen«.

Ob Bückmann die Thermoskanne abliefern und seinen Job aufgeben muß, beschäftigt nun die EU-Kommission in Brüssel, das Bundeskartellamt in Berlin, Rechtsanwaltskanzleien und Landwirtschaftsministerien in Bund und Ländern.

Der Streit dreht sich um die deutschen Tierzuchtparagraphen und um die europäische Richtlinie 88/407 EWG ("In-nergemeinschaftlicher Handelsverkehr mit Samen"), vor allem aber um ein lukratives Geschäft, das die deutschen Rinderzüchter durch kartellähnliche Strukturen abgesichert haben. Die Preisbrecher aus den Niederlanden gelten ihnen als Störenfriede.

Mit einer Art Gebietsschutz teilen die meist genossenschaftlich organisierten Züchterverbände den Markt. So lassen sich die Preise recht luftig kalkulieren: Wie das Fachblatt »Top Agrar« ermittelte, wurde eine Portion von dem Spitzen-Bullen Bellwood in Sachsen für 60 Mark verkauft, in Niedersachsen für 130 Mark.

In deutschen Ställen stehen fünf Millionen Kühe. Sie liefern nur Milch, wenn sie jedes Jahr kalben. Fast 90 Prozent von ihnen kennen nur »KB«, wie die »Kaltbesamung« im Gegensatz zum »Natursprung« genannt wird.

KB kann für die Bauern teuer werden. Zwar kostet eine Portion Sperma zumeist nur 20 bis 40 Mark. Aber im Schnitt braucht eine Kuh 1,7 Portionen, um trächtig zu werden. Mit allen Nebenkosten, etwa für Besamungstechniker oder den »Eigenbestandsbesamer«, kommen schnell über 100 Mark zusammen. Für ein Kalb erlösen die Landwirte derzeit aber nur 150 bis 200 Mark. Gern würden die Bauern ein wenig sparen. Doch elf Sperma-Lieferanten, die einen Großteil des deutschen Marktes beherrschen, haben - »im Interesse der Landwirte«, wie sie in einem Werbeprospekt verkünden - einen Austauschring mit Zuchttieren organisiert und Mindestpreise festgesetzt.

Ihr niederländischer Konkurrent K. I. hat die Kartellbrüder beim Bundeskartellamt angeschwärzt; die Berliner Wettbewerbshüter wollen die Mindestpreise nun untersagen. Die EU-Kommission prüft, ob die Deutschen den Wettbewerb behindern. Der Konkurrenzkampf um das Beste vom Bullen wird ein wenig härter.

Die Niederländer, die erst im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen, stießen auf einen weitgehend abgeschotteten Markt. Obwohl sie mit 15 bis 25 Mark pro Portion deutlich billiger anbieten, sind ihre Verkaufserfolge sehr bescheiden. Eigentlich dürften sie ihre Ware nur über in Deutschland zugelassene Besamungsstationen abgeben.

K. I. beruft sich auf seine EU-Zulassung als Besamungsstation. Weil die deutschen Stationen aber die K.-I.-Ware mit einem Aufschlag bis zu 100 Prozent weiterreichen und damit auf deutsches Niveau hieven, verkaufen die Niederländer lieber direkt bei den Bauern. Das sei »gesetzeswidrig«, befand der Bonner Landwirtschafts-Ministerialrat Karl von Ledebur, als er vor deutschen Rinderzüchtern die selbstgestellte Frage beantwortete: »Dürfen ausländische Züchtervereinigungen und Besamungsstationen bei uns wildern?«

Die Angst vor der Konkurrenz ist verständlich. Die Zahl der Kühe nimmt ab, denn in der EU sinken wegen der chronischen Überproduktion die Milchpreise. Zudem besinnen sich immer mehr Bauern auf einen altmodischen Brauch und lassen einen Bullen auf die Kuh. »Der Deckbulle ist wieder auf dem Vormarsch«, notierte »Top Agrar«.

Der Natursprung ist meist billiger als die Kaltbesamung und erspart das zeitraubende Hantieren mit Geräten wie Spekulum und Besamungspistole. Dafür muß der Bauer aber im Umgang mit den rauflustigen Bullen höllisch aufpassen, um Rippenbrüche und bösere Verletzungen zu vermeiden.

In ihrer jüngsten Statistik registrierte die Berufsgenossenschaft für die Jahre 1995 und 1996 exakt 4103 schmerzhafte Zusammenstöße zwischen Mensch und Bulle - davon endeten 21 tödlich.

* Mit Tiefkühlbehälter für Bullensamen.

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