Kalter Weg - DER SPIEGEL
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ZIGARETTENPREISE Kalter Weg

Weil die Finanzbehörden zuwenig Steuerbanderolen herausrücken, werden Westdeutschlands Raucher die Tabaksteuererhöhung vorzeitig zu spüren bekommen.
• aus DER SPIEGEL 43/1976
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Erheblichen Ärger« sieht Wolfgang Wirichs, Lebensmitteldiscounter aus Tönisvorst bei Krefeld, für »unsere zehn Filialen« voraus. Mitten in der Vorweihnachtszeit, wenn Anfang Dezember die alljährliche Konsumwelle anrollt, »werden unsere Kunden unsere Mitarbeiter beschimpfen«.

Spätestens in der zweiten Dezemberwoche nämlich werden viele Händler ihren Zigarettenkäufern 40 bis 50 Pfennig mehr pro Packung abverlangen -- obgleich die von Bonn beschlossene Tabaksteuer-Erhöhung erst drei Wochen später, am Neujahrstag 1977, in Kraft tritt.

Kaum ein Kioskbesitzer glaubt noch daran, daß Bonns Finanz-Staatssekretär Karl Haehser mit seiner Vermutung recht behält, »noch in den ersten Januartagen« werde Ware zum alten Preis verkauft. Denn allzu offenkundig wurde inzwischen, daß Haehsers Beamte auf keine Tabaksteuer-Mark verzichten wollen.

Um zu verhindern, daß Tabakhersteller, Händler und Verbraucher vor dem großen Preissprung noch Vorräte an billigen Zigaretten horten, beschränkten die Steuerbeamten für die letzten drei Monate dieses Jahres die Ausgabe von Steuerbanderolen, die von der Industrie auf jede Packung geklebt werden müssen. Folge: Die Industrie muß sich schon im Dezember mit den neuen, teureren Banderolen eindecken, die dann von den Rauchern bezahlt werden müssen.

Noch bei den letzten Steuererhöhungen 1967 und 1972 hatten die Finanzbehörden nach einer einfachen Regel zugeteilt: Die Tabakfirmen bekamen für die Zeit vor der Preiserhöhung genau dieselbe Zahl von Banderolen verkauft, wie die Firmen in derselben Zeit des Vorjahres bezogen hatten.

Diese Prozedur schien den Finanzern diesmal reichlich unkompliziert. Sie kürzten das Kontingent auf 80 Prozent der Vorjahresmenge. Die Lücke von 20 Prozent, meinten die Steuereintreiber, werde der Handel schon aus den eigenen Lagerbeständen füllen. Diese Bestände nämlich reichen nach Ansicht der Beamten im Schnitt für rund drei Wochen oder 25 Prozent des Verbrauchs im letzten Quartal 1976.

Nach Ansicht von Konzernen und Händlern haben sich die Finanzbeamten absichtlich oder unfreiwillig -- dabei gründlich vertan. Händler Wirichs etwa muß die Regale an seinen Ladenkassen zweimal die Woche neu auffüllen. Großhändler wie die Hamburger Firma Kussmann lagern jeweils nur den Absatz von zwei bis drei Tagen, um ihre Finanzierungskosten niedrig zu halten.

Im übrigen, meinen die Zigarettenverkäufer, würde selbst die Banderolenmenge des letzten Jahres nicht ausreichen: Die Konzerne rechnen für dieses Jahr fest damit, daß sie zwei Prozent mehr Zigaretten losschlagen können als im Vorjahr. Die noch immer geheimgehaltenen Absatzzahlen des September sind, so Brinkmann-Sprecher Ulrich Herter, »größer als normal«.

Vorsichtig kündigen denn auch die Zigarettenfirmen, etwa Hermann Feldgen von der BAT ("HB«, »Krone"), an, daß »zumindest einzelne Marken« vor dem 1. Januar »auslaufen«.

Selbst Karl Wilhelm Faulenbach vom Tabaksteuerreferat mag nicht länger ausschließen, daß seine teureren Banderolen noch in diesem Jahr in den Handel kommen: Wenn die Raucher »groß auf Vorrat kaufen«, würden die höheren Preise wohl schon im Dezember fällig.

Die Zigarettenindustrie jedenfalls hat beizeiten vorgesorgt. Ende November wird mit der Produktion der neuen Packungen (2,75 bis 2,85 Mark für 20 Stück) begonnen. Reisende der großen Zigaretten-Hersteller ließen ihre Windler schon vorletzte Woche beiläufig wissen, Anlang Dezember sei die neue Ware zu haben.

Die Tabak-Konzerne mögen wegen der »auf kaltem Weg vorgezogenen Steuererhöhung« (Wiricbs) nicht allzu laut klagen, weil sonst zu viele verschreckte Raucher Altbestände hamstern könnten »Wir haben kein Interesse' erklärt BAT-Feldgen, »im Januar dann die Produktion auf halber Pulle laufen zu lassen.« Zigaretten-Verbaiid und Tabaksteuerreferat wollen sich deshalb noch diese Woche treffen, um den Steuerstreit zu begraben.

Den Tabaksteuerzahlern allerdings wird das kaum weiterhelfen. Ohne vorzeitige Preiserhöhungen, meint Feldgen, »geht es gar nicht«, weil im Automatenverkauf aufwendige Vorarbeiten notwendig werden: Mehr als 750 000 Zigarettenautomaten, über die fast die Hälfte aller Zigaretten verkauft wird, müssen lernen, bis drei zu zählen: 20 bis 22 Zigaretten werden künftig drei Mark kosten.

Gut für den Fiskus: Jede Woche, in der vorzeitig die teureren Packungen verkauft werden, bringt 20 Millionen Mark zusätzliche Tabaksteuern.

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