WELTWIRTSCHAFT Kampagne mit Handicap
Wenn Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser, 55, auf seine Kandidatur für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) angesprochen wird, dann wirkt er noch schmallippiger als sonst. Dazu könne und wolle er nichts sagen, antwortet er stets knapp.
Vor Vertrauten gibt sich der Spitzenbeamte aus dem Haus von Finanzminister Hans Eichel weniger zugeknöpft. Die ständigen Attacken auf seine Person, mal offen, mal verschlüsselt vorgetragen, zehren an den Nerven des gebürtigen Brasilianers. »Es ist fürchterlich«, stöhnt Koch-Weser.
Der Mann fürs Internationale im Berliner Finanzministerium steht im Mittelpunkt eines globalen Personalgeschachers, bei dem jeder schmutzige Trick, von der Intrige bis hin zur persönlichen Diffamierung, zum Einsatz kommt. Da streuen anonyme Quellen in internationalen Finanzzeitungen Zweifel an der Qualifikation des Deutschen. Da beschreibt einer der mächtigsten Geldgurus der Welt allwöchentlich das Anforderungsprofil des künftigen IWF-Chefs - und macht unverblümt klar: Koch-Weser kommt nicht in Frage. Da signalisieren europäische Staaten vorn herum Zustimmung für den Deutschen - und bringen hinten herum, oftmals nur als Gerücht, andere Leute in Position.
Es geht um einen der einflussreichsten Posten der Weltwirtschaft. Spätestens seit der Finanzkrise, die vor zweieinhalb Jahren in Asien begann und schließlich die Börsen in Europa und USA erzittern ließ, gilt der IWF als Feuerwehr des globalen Dorfs. Wann immer es brannte, ob in Thailand oder Brasilien - der Währungsfonds eilte mit seinem Löschwasser, mit milliardenschweren Krediten, zu Hilfe, um einen Flächenbrand zu verhindern.
Während der Krise gerieten der Fonds und sein Chef Michel Camdessus vehement in die Kritik: In den betroffenen Ländern wehrten sich Politiker und Demonstranten gegen die in ihren Augen zu harten Auflagen des IWF, in den Geberländern und unter Ökonomen wurden dagegen die angeblich zu großzügigen Hilfszusagen des Fonds kritisiert, die Spekulanten begünstigten, statt sie zu bestrafen.
Inzwischen ist die Krise vorbei, aber im November vergangenen Jahres verkündete der 66-jährige Franzose doch überraschend seinen Rücktritt: Mitte Februar sei Schluss, aus rein persönlichen Gründen.
Seither ist der Kampf um die Nachfolge entbrannt, seither geht es aber auch um die Zukunft des Fonds. Soll der IWF sich künftig auf das reine Krisenmanagement konzentrieren, wie es die USA wollen? Oder soll er sich, wie es die Deutschen fordern, stärker um eine langfristige Entwicklung kümmern und so Krisen vorbeugen?
Für die Regierung von Gerhard Schröder steht in der Sache Koch-Weser viel auf dem Spiel. Dem Kanzler geht es nämlich auch darum, ein Signal der außenpolitischen Emanzipation zu setzen. Bislang überließen die Deutschen, mit Rücksicht auf ihre Vergangenheit, solche Spitzenjobs gern anderen Ländern. So offensiv wie noch nie reklamieren sie nun einen internationalen Top-Job für sich.
Und anfangs sah es ja auch wie ein glatter Durchmarsch aus. Erst als das Störfeuer aus den USA und Frankreich die Deutschen überraschend traf, erklärte Schröder den Casus Caio zur absoluten Chefsache. So schickte er am vorletzten Wochenende eine eineinhalbseitige Depesche an die Staats- und Regierungschefs der Länder, die der Europäischen Union, den G-8-Staaten oder dem IWF-Exekutivdirektorium angehören.
Koch-Weser sei, warb der Kanzler, ein »hervorragend qualifizierter Kandidat« und ein »durchsetzungsfähiger Verhandlungspartner«; man möge den Bewerber »aktiv unterstützen«. Am Montag vergangener Woche, um 11 Uhr, bestellte Schröders außenpolitischer Berater Michael Steiner zudem die Botschafter der Länder, alles in allem 40 Gesandte, ins Kanzleramt ein, um die Position zu erläutern.
Eine Reihe positiver Reaktionen gab es, etwa aus den Niederlanden, Spanien, Österreich und Indien, doch auch Ernüchterndes. So kabelte der deutsche Botschafter in Moskau nach Hause, die Russen seien plötzlich für einen Japaner, und der deutsche Statthalter in Belgien erfuhr, Brüssel wünsche sich einen Franzosen. Ein Beamter im Kanzleramt flüchtete sich in Galgenhumor: »Die Kampagne läuft gut, das einzige Handicap ist der Kandidat.«
Am Dienstag höhnte dann auch noch der wichtigste Spieler in diesem erdumspannenden Personalpoker, der amerikanische Finanzminister Lawrence Summers, 45, aus dem fernen Indien, er habe von einer offiziellen Initiative der Deutschen bislang nichts vernommen. Ausgerechnet Larry macht mal wieder Ärger.
Schon seit Wochen hintertreibt Summers die Kandidatur von Koch-Weser. Offiziell nimmt er dessen Namen zwar nie in den Mund, stattdessen verpackt er seine Abneigung diplomatischer: »Der richtige Kandidat soll eine geeignete Kombination sein aus Format, Fachkenntnis und der Fähigkeit, weltumspannende Unterstützung und Verantwortung einzufordern.«
Dem US-Minister, stets um das Wohl der Wall Street bemüht, ist der Deutsche eine Nummer zu klein. Ein Schwergewicht soll her: einer, der bereit ist, einem Staatschef wie Boris Jelzin oder Herrscher wie Indonesiens Suharto Vorschriften zu machen. Einer auch, der Summers, dem Kind einer Ökonomen-Dynastie und Neffen von gleich zwei Nobelpreisträgern, von Paul Samuelson und Kenneth Arrow, gewachsen ist. Summers sei »ebenso bescheiden, wie Madonna keusch ist«, stänkerte mal das »Wall Street Journal«.
Kein Wunder, dass manche in Berlin den trickreichen Larry auch hinter einer »Kampagne« vermuten, die das Pflichtblatt der globalen Finanzgemeinde, die »Financial Times« ("FT"), angeblich gegen Koch-Weser fährt. Diskret wird darauf hingewiesen, dass die Schärfe der »FT«-Berichterstattung just in dem Augenblick zunahm, als auch Schröder mit seinem Brief nachlegte. Es sei schon bemerkenswert, heißt es, dass ehemalige »FT«-Mitarbeiter nun im amerikanischen Finanzministerium tätig sind.
So schrieb das Blatt am Montag vergangener Woche über Zweifel an Koch-Wesers »intellektuellen Fähigkeiten«. Am Dienstag listete die »FT« in einem Kommentar Gründe auf, die gegen Koch-Weser sprächen, etwa »fehlende Schlagkraft«. Er bringe weder Erfahrung als Finanzminister noch als Notenbankchef mit. Genau das erwarten die Amerikaner als Mindestqualifikation.
Diese massive Kritik, so heißt es in Berlin, tue dem eigenen Kandidaten mehr weh als Summers'' Spitzen. Intern erwog der Deutsche sogar bereits, seine Kandidatur zurückzuziehen, hielt die Bewerbung aber schließlich doch aufrecht.
Auch Koch-Weser gilt nicht gerade als uneitel. Sein vierseitiger Lebenslauf, den er als »Managing Director« der Weltbank verteilen ließ, gibt darüber beredt Auskunft: sechs Sprachen; Enkel eines liberalen Ministers und Vizekanzlers der Weimarer Republik; Aufstieg vom Praktikanten bei Siemens zum Mitarchitekten der Weltbankreform.
In der Tat erwarb Koch-Weser sich während seiner 25 Jahre bei der Weltbank einen Ruf als sanfter Reformer, als Mann des Konsenses - eine Fähigkeit, die dem IWF-Chef in spe gerade bei der diffizilen Integration von Russland, China und Afrika in die Weltwirtschaft hilfreich sein könnte. Umso mehr, berichten Vertraute, sei der deutsche Staatssekretär über die Widerborstigkeit von Summers irritiert. Man sei doch eigentlich aus den gemeinsamen Zeiten bei der Weltbank befreundet.
Noch rätselt die deutsche Regierung, was Summers wirklich umtreibt. Hat er generell etwas gegen einen Kandidaten aus »Germany«? Und wenn ja, warum?
In Washington wird jedenfalls kolportiert, der Nobelpreis-Neffe hätte den IWF-Posten gern selber, falls er nach der Präsidentschaftswahl im November das Kabinett verlassen muss. Dazu müsste Summers aber die über 50 Jahre alte Regel brechen, dass die IWF-Spitze immer durch einen Europäer besetzt wird, die Weltbank dagegen durch einen Amerikaner. Man könne dies ja auch tauschen, verlautete es dazu unlängst aus dem US-Ministerium.
Aus dem Weißen Haus will die deutsche Regierung dagegen positivere Signale vernommen haben: Schröders Depesche habe man dort wohlwollend zur Kenntnis genommen. US-Präsident Bill Clinton hatte schließlich schon im November, am Rande des Modernisierer-Gipfels in Florenz, Schröder versichert, er werde auf Summers einwirken. Vergebens: Sein Finanzminister lässt sich offenbar nur schwer steuern.
Die diplomatischen Spielchen fallen Summers und Co. auch deswegen so leicht, weil Koch-Weser nicht einmal in Europa volle Unterstützung genießt. So scheiterte im Dezember auf dem EU-Gipfel in Helsinki der Versuch, Schröders Mann zum alleinigen Kandidaten der Europäer zu proklamieren - auch wenn die deutsche Regierung flugs das Gegenteil behauptete.
Briten-Premier Tony Blair etwa lieferte brav ein Lippenbekenntnis ab, während Schatzkanzler Gordon Brown Zweifel an der Qualifikation des Deutschen streuen ließ. Die Kandidatur sei amateurhaft vorbereitet worden, bemängeln europäische Regierungschefs.
Das nutzen seither vor allem die Franzosen aus, die sich ganz grundsätzlich gegen einen Deutschen an der IWF-Spitze sträuben. Schon vor Wochen ließ Staats-
präsident Jacques Chirac bei Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker anfragen, ob der nicht das Amt übernehmen wolle. Juncker, der Koch-Weser für einen Top-Kandidaten hält ("sachbezogen, nicht klugscheißerig"), lehnte ab und warnte Schröders Berater Steiner vor.
Die Quertreiberei der Franzosen ist in Berlin seither ein offenes Geheimnis. Die Pariser Tageszeitung »Le Monde« verballhornte gar den Vornamen des deutschen Bewerbers: Aus Caio wird »Ciao«, italienisch für tschüs. Zudem begannen die Franzosen vorletzte Woche, den Namen eines eigenen Aspiranten zu streuen: Laurent Fabius, derzeit Parlamentspräsident und von 1984 bis 1986 Premierminister.
Dezent weisen deutsche Beamte darauf hin, dass Fabius wegen seiner Verstrickung in den Blutspendenskandal, bei dem hunderte von Blutern durch HIV-verseuchtes Plasma starben, nicht mehrheitsfähig sei. Oder wolle er mit dem Spruch werben: »Frisches Blut für den IWF«?
Fabius hat sich, ohne dies zunächst zu bemerken, in ein Ränkespiel der besonderen Art begeben. In einem Gespräch Ende Dezember hatte er Regierungschef Lionel Jospin gesagt, dass ihn der Job in Washington reize. Der überraschte Jospin sprach Anfang Januar mit Chirac darüber. Beide mögen Fabius nicht, und dennoch nahmen sie den Sozialisten dankbar als Figur in ihre Spielchen auf. Denn er taugt als perfektes Bauernopfer.
So können die Franzosen sich endlich an den Deutschen rächen. Denn Paris ist sauer, weil Berlin ein vermeintliches Versprechen von Helmut Kohl gebrochen habe - dass nämlich der Niederländer Wim Duisenberg als Chef der Europäischen Zentralbank im Jahr 2002 freiwillig abtritt und vom Franzosen Jean-Claude Trichet beerbt wird. »Die Deutschen müssen lernen, dass die Besetzung hoher internationaler Posten ein Prozess des Gebens und Nehmens ist«, doziert ein französischer Diplomat.
Dennoch wollen die Deutschen sich auf einen Deal mit den Franzosen - Motto: Gebt uns den IWF-Chef, dann geben wir euch die Europäische Zentralbank - nicht einlassen. Um zu retten, was noch zu retten ist, hat sich nun auch die portugiesische Regierung, die die Präsidentschaft der Europäischen Union innehat, in die Angelegenheit eingeschaltet. In einem Brief an alle EU-Mitgliedstaaten fragt der portugiesische Regierungschef António Guterres offiziell an, ob der Kandidat Koch-Weser genehm sei.
Doch die Chancen, dass es Schröders Mann noch schafft, stehen schlecht. »Eins zu zehn«, tippt der amerikanische Ökonom Rudi Dornbusch. Der Gelehrte von der Elite-Universität MIT in Boston sähe lieber einen knallharten Briten an der IWF-Spitze, am besten Andrew Crockett, den derzeitigen Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel: »Man darf diesen Job nicht an einen Amateur vergeben.«
Wenn Schröder trotzdem »einen internationalen Posten für Deutschland haben will«, stänkert Dornbusch, »dann sollte er Koch-Weser besser als Chef der Internationalen Postvereinigung nominieren«.
WINFRIED DIDZOLEIT, ROMAIN LEICK,
CHRISTIAN REIERMANN, ULRICH SCHÄFER, MICHAELA SCHIEßL
* Am 24.Dezember 1997 in Seoul.