FERNSEHEN Kampf der Systeme
Ein paar tausend Westdeutsche hatten es vergangenen Samstag wieder mal besser als ihre Mitbürger.
Ein Elektronikgerät erleichterte seinen Besitzern die schwere Wahl zwischen erstem und zweitem Fernsehprogramm: Sie konnten beides sehen, den Hitchcock-Thriller »Mamie« wie das Sport-Studio im Mainzer Kanal. Einmal live und einmal aufgezeichnet durch den Videorecorder.
So schön möchten es nun immer mehr Zuschauer haben. 80 000 Videogeräte verkauften die Hersteller allein im letzten Jahr.
Und das ist erst ein müder Anfang. Durch die Absatzflaute bei den Farbfernsehgeräten zu neuen Taten gezwungen, hoffen die Videoverkäufer, dieses Jahr 150 000 Kassettengeräte in den Markt zu drücken.
Dabei ist die Freude der Branche freilich nicht ungeteilt. Mit Billigangeboten aus dem Fernen Osten verdarben die Versandhäuser den Fachhändlern den Spaß am neuen Geschäft.
Innerhalb eines Jahres rutschten die Preise für Videorecorder um gut 35 Prozent nach unten. Verlangten die Händler vor Jahresfrist in harmonischem Gleichklang noch rund 2800 Mark für die Aufzeichnungsgeräte, so sind die Geräte heute schon für 1798 Mark zu haben. Bei solchen Preisen, lamentiert Grundig-Vertriebsdirektor Horst Johner, »wird das Huhn geschlachtet, bevor es goldene Eier legt«.
Um dem Fachhandel nicht vollends die Lust am Videogeschäft zu nehmen, zeigt sich auch die Industrie häufiger zu Zugeständnissen bereit: Sie offeriert ihren Fachhändlern einige Modelle bereits zu Abgabepreisen von 1500 Mark.
Die Billig-Konkurrenz schreckt das nicht. Ein Manager des Neckermann-Versands kündigt bereits den nächsten Preisrutsch an: »Da ist noch Luft drin.«
Zweifellos. Denn den Herstellern geht es bei der noch jungen Audiovision derzeit weniger um schnelle Gewinne als vielmehr darum, den Marktanteil so weit wie möglich auszubauen.
Anders nämlich als etwa bei Fernseh- oder Tonhandgeräten gibt es für die Videorecorder bei wichtigen Teilen keine genormte Technik. Vier in Bandgeschwindigkeit, Spurlage und Kassettengröße unterschiedliche Systeme werben um die Kundschaft -- und wer sich einmal für ein System entschieden hat, so spekulieren die Hersteller, der bleibt auch dabei.
So zwingt die Industrie derzeit jeden Videokäufer dazu, Stammkunde zu werden: Denn die Kassetten des einen Systems lassen sich auf keinem anderen abspielen. Wechselt der Besitzer einer Videoanlage das System, sind alle vorher bespielten Bänder wertlos.
Entsprechend großzügig streuen die
Hersteller ihre Systeme unter alle Interessierten. Lizenzen zum Nachbau können Firmen oft sogar umsonst bekommen.
Am weitesten hat es dabei der japanische Elektronikriese Matsushita gebracht: Für das von seiner Tochterfirma JVC entwickelte Video-Home-System (VHS) hat der Multi weltweit schon 18 Lizenznehmer an der Leine. Hauptkonkurrent Sony gewann für sein Beta-Format bisher erst acht Partner.
In den USA haben Matsushita und Sony den Markt mit ihren Geräten fest im Griff. Denn die amerikanische Elektronikindustrie, die 1951 die Möglichkeit der magnetischen Bildaufzeichnung entdeckte, verzichtete unter dem Ansturm der Japaner auf die Entwicklung eigener Technologien für das Heim-Video.
In Europa stoßen die Japaner dagegen auf heftige Konkurrenz. Besonders die Deutschen setzten frühzeitig auf die neuartigen Bildgeräte.
1953 entwickelte bereits der Telefunken-Ingenieur Eduard Schüller ein Verfahren, nach dem heute alle Heim-Videorecorder arbeiten, die sogenannte Schrägspur-Aufzeichnung; dabei werden die Bildsignale bei Heimgeräten schräg aufgezeichnet, um die Bänder optimal zu nutzen.
Als die Videotechnik Ende der 60er Jahre durch die Einführung von Kassetten wesentlich vereinfacht wurde, übernahm Grundig zunächst die Philips-Schöpfung VCR (Video Cassette Recording). Im Gegenzug entwickelte der Fürther Konzern, der bislang runde 140 Millionen Mark in die neue Technik pumpte, mit dem Super Video Recorder (SVR) eine Variante, die längere Spielzeiten ermöglichte. Philips zog mit dem VCR-Abkömmling Longplay nach.
Beide Systeme haben heute mit vier Stunden die gleiche Spieldauer, sind aber untereinander nicht austauschbar. Selbst Geräte der gleichen Bauart sind nicht immer kompatibel, wenn sie aus unterschiedlichen Baureihen stammen.
Trotz der verwirrenden Vielfalt sind die technischen Leistungen der derzeit angebotenen Videorecorder nahezu identisch. Die nur geringen »Unterschiede in Bild- und Tonqualität«, stellt die Zeitschrift »Video« in einem Praxistest fest, fallen »in der Praxis überhaupt nicht ins Gewicht«.
Ein Ende der technischen Vielfalt ist nicht abzusehen: Der Chemiekonzern BASF kündigte ein weiteres System für das nächste Jahr an, das besonders kleine und handliche Geräte ermöglichen soll.
Die Hersteller ficht der Geräte-Wirrwarr freilich nicht an. »Vielfalt«, lehrt der Grundig-Sprecher Robert Frank, »wird den Durchbruch der Videogeräte zum Massenartikel nicht verhindern.«
Es scheint so. Bereits 1986, schätzen Marktforscher, wird in der Bundesrepublik rund eine Million Geräte abgesetzt. Selbst dann sei der Markt längst nicht gesättigt. Mitte des nächsten Jahrzehnts, so die Planung der Branche, soll der Ersatzbedarf für zusätzlichen Schub sorgen.
Die erste Runde in dem zukunftsträchtigen Geschäft ging an Japans Matsushita. Weltweit sind 60 Prozent aller Videorecorder mit den VHS-Innereien der Japaner ausgerüstet.
Ernsthaften Widerstand bekamen die Asiaten lediglich in Westdeutschland zu spüren: Zusammen mit ihren Lizenznehmern Loewe-Opta, Metz und Schaub-Lorenz haben Grundig und Philips gut die Hälfte des Markts in der Hand.
Das könnte sich freilich ändern: Seit Anfang Mai offeriert auch Telefunken Videorecorder -- mit VHS-Technik, made in Japan.