Kampf um Öl: Der Niedergang des Niger-Deltas - DER SPIEGEL
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Kampf um Öl Der Niedergang des Niger-Deltas

Anschläge, Entführungen, Sabotage: Das rohstoffreiche Nigeria versinkt in Gewalt. Banden verschrecken Weltkonzerne, Shell drosselt aus Ärger die Ölförderung. Gestern wurden wieder sechs Arbeiter verschleppt. Dass sie frei kommen, ist sehr wahrscheinlich - gegen Lösegeld, denn so läuft das Geschäft.
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Der Angriff Anfang Mai war sorgfältig geplant. Schon in der Nacht hatte der erste Trupp die Stromversorgungsanlage rund 30 Kilometer nördlich von Nigerias Ölhauptstadt Port Harcourt umzingelt. Die Schwerbewaffneten lieferten sich eine vierzigminütige Schießerei mit den Sicherheitskräften, drangen schließlich in den Komplex ein. Zwölf Geiseln fielen ihnen in die Hände: acht Philippinos, drei Südkoreaner vom Baukonzern "Daewoo Engineering and Construction" und ein einheimischer Fahrer.

Wenig später kaperten Komplizen ein Wohnschiff des italienischen Ölkonzerns Eni (Agip), auf dem sich zum Zeitpunkt der Attacke 85 Personen befanden, und in der Stadt Warri verschleppten sie einen Holländer aus einer Bar.

Zu der bislang beispiellosen Aktion, wie es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung "beschreibt, bekannte sich kurz darauf eine Bande, die sich "Movement for the Emancipation of the Niger Delta" (Mend) nennt. Sie wollten kein Blut vergießen, verkündeten die Rebellen aus den Sümpfen, sondern lediglich auf das Unrecht aufmerksam machen, das den Einwohnern der ölreichen Region widerfahre. Ihr Ziel sei die Zerstörung der Ölanlagen.

Doch Zweifel an den hehren Motiven der selbst ernannten Befreier sind erlaubt. Die Jahresberichte von Shell Nigeria, dem Hauptölförderer in der Region, lesen sich schon seit langem wie Kriegsberichte. "Wichtige Pipelines, Feldbasen, Bohrlöcher und die Forcado-Terminal-Plattform wurden zerstört, was uns zwang, die Ölproduktion im Westen des Niger-Deltas einzustellen", schreibt der Ölmulti in seinem Bericht 2006 und zählt Bombenexplosionen, Entführungen und Schießereien auf. Allein im Jahr 2006 wurden 54 Shell-Leute entführt und einer ermordet. Die Gewalt in einer der ölreichsten Gegenden der Erde, schreibt Shell, nehme immer weiter zu. In diesem Jahr sollen bereits über 70 Ausländer gekidnappt worden sein. Heute wieder wird gemeldet, dass sechs Ölarbeiter entführt wurden.

Lösegelder über 10.000 Euro keine Seltenheit

Wie hoch der Betrag ist, der Jahr für Jahr an Lösegeldern bezahlt wird, um Brüder, Ehemänner und Familienväter aus der Gefangenschaft zu befreien, darüber schweigen sich die Unternehmen eisern aus. Sie befürchten, damit die Begehrlichkeiten marodierender Banden noch anzuheizen. Als sicher gilt - und das offenbart den ganzen Zynismus, mit dem Banden, aber auch Unterhändler der Unternehmen vorgehen -, dass die Lösegelder für einen Weißen am höchsten sind. Für ihn werden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen zwischen 9000 und 12.000 Euro bezahlt. Für hochrangige Manager oder Ingenieure dürften die Beträge allerdings noch wesentlich höher ausfallen.

Gutes Geld, mit dem eine illustre Schar von Banditengruppen ihre Kriegskasse füllt und dabei immer wieder mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam macht: "Die Amazonen" nennen sie sich oder "Klu Klu Klan", "Icelanders (Germany 2000)" oder "Die schwarze Axt". Über 130 solcher Banden zählt die Nichtregierungsorganisation "Niger Delta Project for Environment, Human Rights and Development". Skrupel kennen sie kaum; schon seit langem leben sie vom systematischen Benzindiebstahl. In die Schlagzeilen geraten sie damit immer mal wieder, wenn eine angezapfte Pipeline birst und eine tödliche Feuerwalze in Gang setzt.

Besonders die im Januar 2006 zum ersten Mal in Erscheinung getretene Mend tue sich durch Sabotage, Entführungen und tödliche Bomben hervor, schreibt der Brüsseler Thinktank International Crisis Group. "Die Gemengelage aus Armut, Kriminalität und Korruption führt zu einer militanten Bedrohung Nigerias als einer der großen Ölproduzenten."

Raubbau als willkommene Rechtfertigung

Allein die kriminellen Banden für das Chaos im Nigerdelta verantwortlich zu machen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Auch die Ölkonzerne haben ihren Teil dazu beigetragen. Ihre Tochtergesellschaften vor Ort sind zwar inzwischen bemüht, die Umweltbelastungen der Ölförderung in Grenzen zu halten, doch der Raubbau an der Natur in der Vergangenheit stellt für das Delta noch immer eine schwere Hypothek dar. Allein zwischen 1976 und 2001 haben die offiziellen Stellen 6817 Ölaustritte registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte nach Schätzung von Umweltorganisationen um ein Zehnfaches höher liegen. Weite Landstriche sind noch immer verwüstet und auf Dauer unbewohnbar.

Der Raubbau liefert den Banden noch heute eine willkommene Rechtfertigung für ihr Vorgehen. Die Ölkonzerne, so klagen Umweltaktivisten, kümmerten sich nicht um die Natur und zerstörten mit ihrem Dreck die Lebensgrundlage der Menschen. Die Ölmultis machen dagegen die Rebellen für das Chaos verantwortlich, für Mord und Totschlag und auslaufendes Öl, weil sie die Leitungen anbohrten. So geben die Banden zwar gerne vor, für die verelendete Bevölkerung zu streiten, doch längst hat sich das Entführen von Ausländern zum lukrativen Geschäft entwickelt.

Auch korrupte Gouverneure und ihre uniformierten Handlanger tragen zum Chaos bei. Sie betrachten das Land als Selbstbedienungsladen, stopfen sich die Taschen voll und führen regelmäßig mörderische Strafexpeditionen ins unzugängliche Hinterland durch. Wer es dabei am schlimmsten treibt, ist kaum zuverlässig zu ermitteln. Als im April in Nigeria ein neuer Präsident gewählt wurde, kamen Hunderte von Menschen bei Unruhen ums Leben, Wahlbeobachter nennen das ganze Spektakel eine Farce - manipuliert vom ehemaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo und seiner Partei. Der Patriarch, Gründungsmitglied der Antikorruptionsorganisation Transparency International und Afrikaberater von Bundespräsident Horst Köhler, indes lässt es sich auf seine Art gut gehen. Seine Einkünfte musste er kürzlich einmal offen legen: Sie betragen 125.000 Dollar im Monat.