Kapitalismus-Debatte: Unternehmer gestehen Fehler ein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kapitalismus-Debatte Unternehmer gestehen Fehler ein

Mit teils heftigen Angriffen haben sich Unternehmer und Manager gegen die Kapitalismus-Kritik aus der SPD-Spitze zur Wehr gesetzt. Doch es gibt auch selbstkritische Stimmen. BDI-Chef Jürgen Thumann etwa räumte erstmals eine Mitverantwortung an der aktuellen Debatte ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Thumann, sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag": "Wir Unternehmer haben ein Glaubwürdigkeitsproblem, das akzeptiere ich." Die Kritik von Müntefering sei dennoch überflüssig. "Diese Debatte wird auf einem üblen Niveau geführt. Die verschreckt nicht nur die Unternehmer in Deutschland, sondern auch ausländische Investoren", sagte Thumann.

Allerdings müssten die Unternehmer stärker als bisher durch vorbildliches Verhalten wirken und sich der sozialen Verantwortung stellen, bevor sie Arbeitsplätze abbauen, fügte Thumann hinzu. "Wenn jemand auch langfristig ausreichende Gewinne erwirtschaftet und trotzdem damit beginnt, Produktion zu verlagern, kann ich das nicht nachvollziehen."

Die Glaubwürdigkeitskrise der Unternehmen hat laut Thumann auch mit Fehlern in Ostdeutschland zu tun: "Wir haben zu schnell abgebaut, wir haben nicht ernsthaft genug geprüft, ob wir sie nicht doch erhalten, sanieren und aufbauen können. Im Rückblick hätten wir mehr retten können als wir gerettet haben", gestand Thumann ein.

Auch der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Dietrich H. Hoppenstedt, äußerte Verständnis für die Kritik von SPD-Chef Franz Müntefering am Verhältnis von Kapital und Arbeit. "Diese Diskussion müssen wir führen", sagte Hoppenstedt der in Berlin erscheinenden Tageszeitung "Die Welt". "Die Diskussion, die Müntefering angestoßen hat, ist im Kern eine Debatte um die Verantwortung von Unternehmern und um die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in einer globalisierten Welt."

Es gehe darum, Managern deutlich zu machen, dass sie auch eine Verantwortung für ihr gesellschaftliches Umfeld haben, sagte Hoppenstedt. "Sie können sich nicht nur auf Renditemaximierung beschränken." In Deutschland stehe eine grundsätzliche Debatte auf der Tagesordnung. "Die Sorgen Münteferings werden auch in weiten Teilen der mittelständischen Wirtschaft geäußert", erklärte der Sparkassen-Präsident.

Die Verengung des Blickfeldes nur auf maximalen Profit löse bei den Menschen zu Recht Unverständnis aus, sagte Hoppenstedt. Viele mittelständische Unternehmer zeigten, dass man Wettbewerbsfähigkeit und soziale Verantwortung durchaus miteinander verbinden könne. Einige Konzernlenker in Deutschland erweckten dagegen den Eindruck, dass ihnen das notwendige soziale Gespür fehle.

Bayer-Vorstandschef Chef Werner Wenning erneuerte dagegen seine Kritik an den Angriffen aus der SPD. "Wenn Müntefering überkommene Klassenkampfparolen aufwärmt und einen Streit vom Zaun bricht, ist das nicht hilfreich", sagte der Manager in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Ich kann nicht erkennen, welchen positiven Beitrag diese Aussagen für den Veränderungsprozess in Deutschland leisten sollen." Wennig habe sich als erster Vorstandschef der Dax-Unternehmen gegen die Kritik zur Wehr gesetzt, hob das Blatt hervor.

In einem Beitrag für den SPIEGEL hatte der niedersächsische SPD-Fraktionsvorsitzende Sigmar Gabriel, die von Müntefering angestoßene Debatte um die Spielregeln des globalisierten Kapitalismus als überfällig bezeichnet. Ein Eintreten für die Regeln der sozialen Marktwirtschaft müsse "wieder mehrheitsfähig werden. Gabriel forderte angesichts des Jobabbaus in Unternehmen trotz hoher Gewinne eine Koppelung der Vorstandsgehälter in den 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands an die Sorge um den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Parteilinke und Gewerkschaften drängen gar auf konkrete Gesetzesvorhaben. SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter warf deutschen Managern, speziell Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor, sie ließen "Deutschland und die Menschen sträflich im Stich".