ROHSTOFFE Kaputter Markt
Der Dollar ist längst nicht mehr, was er einmal war. Seit Jahren verliert er an Kaufkraft, seit kurzem auch an Gewicht.
Die Ein-Dollar-Münze war 1974 noch gut 20 Gramm schwer. Die neueste Prägung, mit dem Bildnis der Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, wiegt nur noch knapp die Hälfte. Der amerikanische Staat geizt mit Metall.
Aus gutem Grund: Seit Monaten klettern an den Börsen in New York und London die Preise für Kupfer und Zink, für Blei und Silber unaufhaltsam. So wurde Kupfer an der Londoner Metallbörse (LME) seit dem Sommer vergangenen Jahres gut 50 Prozent teurer, für Blei wird das Doppelte und für Silber 40 Prozent mehr verlangt. Allein im ersten Quartal 1979 stiegen die meisten Buntmetallpreise um 30 bis 50 Prozent (siehe Graphik).
»Die Spekulation hat uns den Markt kaputt gemacht«, schimpft Wolfgang Steuernagel, für den Metallhandel zuständiges Vorstandsmitglied der Eisen und Metall AG. Auch Arnold Lindhorst, Erzeinkäufer der Norddeutschen Affinerie, klagt über die Welle der Spekulation: »Jede zweite Putzfrau und jeder Viehdoktor sind doch heute in Metall engagiert.«
Die Putzfrau und der Viehdoktor wollen, wie die Profis unter den Spekulanten auch, eine schnelle Mark in unsicheren Zeiten machen. Denn wenn das Regime im Öl-Land Persien gestürzt wird oder die Chinesen in Vietnam einmarschieren, setzen die Spekulanten auf Knappheit und kaufen, weil sie steigende Preise erwarten. Und dann steigen die Preise noch schneller.
Dabei ist der Denkansatz zumeist richtig --- derzeit sind viele Metalle in der Tat knapp. Die zunehmende Belebung der Konjunktur in Westeuropa und Japan führt zu verstärkter Nachfrage nach Rohstoffen. Auch die Vereinigten Staaten brauchen eher mehr als vor einem Jahr. Und die Produzenten liefern weniger.
So kann etwa Kupfer, bei einem erwarteten Verbrauch von sieben Millionen Tonnen, in diesem Jahr nicht ausreichend gewonnen werden. Nach Schätzungen des HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung in Hamburg werden 400 000 Tonnen fehlen.
Die Kupferbestände in den Lagern der Londoner Metallbörse sind bereits geschrumpft. Im Iran konnte ein neues Kupferwerk in Sar Chesmeh nach dem Umsturz noch nicht in Betrieb genommen werden. In Zaire und Sambia fehlen Bergfachleute und Ingenieure, um die reichen Vorkommen auszubeuten. Im Kupfer- Land Peru wurden Truppen gegen streikende Bergleute eingesetzt.
Hinzu kommt, daß die Sowjets -- die durch Massennachfrage oder riesige Angebote häufig die Metallmärkte beunruhigen -- sich im vergangenen Jahr reichlich mit Kupfer und anderen Metallen, etwa Blei, eindeckten. Der Preisschub wurde verstärkt.
Die Rohstoff-Lieferanten -- überwiegend arme Entwicklungsländer -- werden den Trend nach oben mit gemischten Gefühlen verfolgen. Sie sind zwar an höheren, mehr aber noch an stabilen Preisen für ihre Produkte interessiert.
Und eben die kann ihnen die Spekulation nicht garantieren -- sie schließt sie sogar aus. Denn die derzeitigen Preise haben einerseits reale Ursachen (starke Nachfrage, gedrosselte Produktion), sind aber andererseits durch die Spekulanten auf ein Niveau getrieben worden, das mit den wirtschaftlichen Fakten nicht mehr vereinbar ist.
Um so tiefer wird der Preisrutsch, wenn die Spekulanten wieder aussteigen, sei es, weil sie genug verdient haben, sei es, daß sie wieder fallende Preise erwarten. Schon in wenigen Monaten, so rechnen Rohstoff-Experten, könnte die Nachfrage nach Metallen sinken und gleichzeitig mehr Ware auf dem Markt sein.
So bleiben die Experten auch in der augenblicklichen Metall-Hausse gelassen. »Was raufgeht«, weiß Friedrich von Dallwitz, Generalbevollmächtigter der Metallgesellschaft, »muß auch wieder runter.«