BUNDESWEHR Kaum Chancen
Die Manager in der Daimler-Benz-Zentrale waren sich ihrer Sache sicher. Der Großauftrag aus Bonn, so glaubten sie, könnte eigentlich nur nach Stuttgart vergeben werden.
Das Verteidigungsministerium will die Bundeswehr mit 17 500 neuen Geländewagen nachrüsten. Gesamtpreis: 800 Millionen Mark. Die Ausschreibung klingt gerade so, als hätten die Einkäufer bei der Formulierung einen Prospekt des Mercedes-Modells »G« vor sich gehabt.
Gebraucht werden drei Fahrzeug-Typen, die 0,5 Tonnen, 0,75 und 0,9 Tonnen laden können - genau das bietet Daimler mit seiner Geländewagen-Reihe. Schon deshalb gaben die Stuttgarter dem Mitbewerber VW kaum Chancen. Denn das Volkswagenwerk muß zwei völlig verschiedene Fahrzeuge anbieten, den Iltis und den Transporter synchro. Für die 0,9-Tonnen-Klasse hat VW überhaupt kein Modell im Programm.
Doch die Daimler-Manager haben nicht mit Helmut Kohl gerechnet. Bonns Kanzler kämpft für VW. Es gehe, ließ Kohl die Landesverteidiger wissen, bei der Auftragsvergabe um Übergeordnetes: Wenn das Bundeswehr-Geschäft nach Stuttgart gehe, dann werde das wirtschaftliche Übergewicht des Südens noch verstärkt.
Vom Einsatz Kohls würde im Erfolgsfall allerdings nicht nur VW profitieren. Wenn Wolfsburg den Zuschlag bekäme, wären auch im fernen Kanada etliche Arbeitsplätze gesichert. Der kanadische Konzern Bombardier hat nämlich Anfang der achtziger Jahre von den Wolfsburgern die Fertigungseinrichtungen und die Lizenzen für den Bau des Iltis gekauft. Damals war die Bundeswehr mit Geländewagen versorgt, neue Aufträge waren nicht in Sicht. Also trennte sich VW von dem Ballast.
Jetzt baut Bombardier den Iltis für die kanadische Armee. Seit ein stattlicher Auftrag aus Belgien dazukam, bringt das Unternehmen zudem Karosserie-Teile von Kanada nach Brüssel und läßt sie dort bei VW im Lohnauftrag montieren.
Nur diesem Umstand verdanken es die VW-Manager, daß sie sich überhaupt um den Bundeswehr-Auftrag bewerben konnten. Der Iltis wird, argumentierten sie, schließlich noch auf VW-Anlagen gebaut.
Zwar könnte im Falle des Auftrag-Gewinns das Brüsseler VW-Werk besser ausgelastet werden. Ein großer Teil des 800-Millionen-Projektes aber würde an Bombardier nach Kanada gehen.
Solche Feinheiten können Kohl in seinem Kampf für das wirtschaftliche Gleichgewicht in der Republik kaum bremsen. Schließlich ist der Bund auch noch an VW beteiligt. Auch das verpflichtet.
Verteidigungsminister Manfred Wörner ist ratlos. Vor Wochen schon sollte die Entscheidung gefallen sein, ob Daimler oder VW den Zuschlag bekommt. Nun würde Wörner am liebsten so lange warten, bis er mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun hat - im Juli wechselt er als Nato-Generalsekretär nach Brüssel.