STAHL-INDUSTRIE Keiner sieht durch
An diesem Mittwoch wird der Stahlindustrielle Willy Korf seinen Aktionären »bessere Geschäfte als im Vorjahr« (Korf-Generalbevollmächtigter Wolfgang Bernhardt) versprechen.
Wenige Stunden später geht es dann um beste Geschäfte. Der Außenseiter unter Europas Stahl-Magnaten will unmittelbar nach seiner Hauptversammlung im firmeneigenen Mystère-Jet nach Oslo fliegen, um einen bislang sorgsam geheimgehaltenen Handel voranzutreiben.
Auch diesmal reist Korf unauffällig. Er ist Teilnehmer der »deutsch-norwegischen Wirtschaftsgespräche«, die Bonns Wirtschaftsminister Hans Friderichs gemeinsam mit der Regierung von Oslo veranstaltet. Und während die anderen Bosse auf der offiziellen Teilnehmerliste mit Rang und Firma annonciert werden, bekommen die nordischen Gastgeber den Stahlindustriellen aus Baden-Baden schlicht als »Willy Korf« angesagt.
Zumindest den Managern des norwegischen Eisenerz-Riesen Sydvaranger ist der kleine Badenser bestens bekannt. Seit zehn Monaten nämlich verhandeln Sydvaranger-Manager und Korf-Männer ebenso zäh wie diskret über eine 400 Millionen Mark teure Fabrik, die Korf auf das Gelände des Königspolders bei Emden bauen will. die aber zu drei Vierteln den Sydvarangern gehören soll.
Die Gespräche seien »auf dem besten Wege«, gibt Korf-Vorstand Carl-Theodor Meinecke zu. Letzte Hilfe erhoffen sich die deutschen Projektplaner von Gesprächsleiter Friderichs, der das Gemeinschaftswerk als »Paradebeispiel« (Friderichs) deutsch-norwegischer Wirtschaftsbeziehungen feiern will.
Dabei hatten Ausländer mit der Emdener Anlage zunächst wenig zu tun. Gemeinsam mit dem etablierten Stahl-Konzern Hoesch plante Korf für die unterbeschäftigte Region an der Ems (Arbeitslosenquote derzeit 7,1 Prozent) eine Fabrik, die 1,2 Millionen Tonnen Eisen produzieren sollte.
Dabei wird der Rohstoff Eisenerz in der sogenannten Midrex-Direktreduktion nicht wie herkömmlich mit Kohle, sondern mit Gas zu Eisen veredelt -- cm Verfahren, das Korf einst Amerikanern abkaufte und das ihm inzwischen zu einem Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Mark verhilft.
Schon bald drohte Korfs ehrgeiziges Aufbauprogramm am Gas zu scheitern: Seine Unterhändler berichteten dem Chef, daß der Quasimonopolist Ruhrgas AG (siehe Graphik) überaus harte Preisforderungen stelle.
Gerade vom Essener Gasgiganten aber hatte sich Korf Vorzugsbedingungen erhofft: Sein Werk sollte in unmittelbarer Nähe des Emdener Gas-Terminals arbeiten. der Anfang 1977 über eine 440 Kilometer lange Rohrleitung aus den Ekofisk-Feldern mit norwegischem Erdgas beliefert wird.
Doch hartnäckig beharrten die einzigen l)eutscbland-Verteiler des Ekofisk-Gases auf dem für Korfs Kostenkalkulation »zu hohen Preis« (Korf-General Bernhardt) von 21 Mark pro eine Million Kilokalorien*.
Als Korf mit westdeutschen Konkurrenten der Ruhrgas« etwa der Energieversorgung Weser-Ems AG (EWE) oder der 01- und Gasfirma Gewerkschaft Brigitta, verhandelte, nutzten die Männer von der Ruhr ihre Marktmacht. Sie bildeten mit den beiden anderen von Korf angesprochenen Energielieferanten rasch ein Konsortium und präsentierten den verblüfften Stahlbossen einen gemeinsamen Preis: 21 Mark.
Die Preisabsprache fiel nicht schwer. Die Brigitta, an der Esso und Shell je zur Hälfte beteiligt sind, hält eine 30-
* Der Preis richtet sich nicht nach der Gasmenge, sondern nach dem Wärmegehalt.
Prozent-Schachtel an der Ruhrgas. Und die EWE gehört zu 26 Prozent der Preußenelektra, deren Muttergesellschaft Veba mit 25 Prozent an der Ruhrgas beteiligt ist. Korf-Manager Meinecke: »Da sieht keiner durch.«
Auch ein Hoesch-Manager, der monatelang gemeinsam mit den Korf-Männern das Projekt voranzutreiben versuchte, fand den Preispoker reichlich undurchsichtig. Er empfahl den Kollegen, das Berliner Kartellamt anzurufen. Wenig später stieg Hoesch aus dem Korf-Kreis aus.
Auch dieser Abgang irritierte Korf kaum. Er drückte in zähen Gesprächen mit Ruhrgar-Chef Herbert Schelberger »eine nur geringfügige Verbesserung des Preises« durch. Doch das Projekt rechnete sich noch immer nicht. Auf einer Reise nach Bagdad bat Korf deshalb Wirtschaftsminister Friderichs um Hilfe.
Aber auch diese später schriftlich vorgetragene Bitte ("inzwischen drängt die Zeit sehr"), der Minister möge »im Interesse eines vernünftigen Kompromisses tätig werden«, brachte nichts ein. Freidemokrat Friderichs scheute sich, »in die Geschäfte eines Privatunternehmens hineinzuregieren« (Friderichs). Ruhrgas-Vize Klaus Liesen, der Anfang November den pensionsreifen Herbert Schelberger ablöste, fand das nur in Ordnung: »Jeder sucht und findet eben sein Glück auf seine Weise.«
Korf fand es schließlich in den Akten seines Düsseldorfer Ablegers Korf Engineering. Dort nämlich lag eine Anfrage des norwegischen Eisenerzproduzenten Sydvaranger, eines einst von Krupp gegründeten, nach Kriegsende vom norwegischen Staat übernommenen Unternehmens. Die Norweger planten ein Reduktionswerk für ihr Eisenerz auf der Halbinsel Stavanger und baten Korf um Konzession und Know-how.
Der Stahlmann aus Baden-Baden schlug einen anderen Standort vor. Er bot den Norwegern seine Emdener Pläne und obendrein eine Dreiviertel-Beteiligung (genau: 74,9 Prozent) an dem Millionenprojekt an. Einzige Bedingung: Die Manager des norwegischen Staatstrusts müßten billiges Gas anschaffen.
Das fiel den Skandinaviern nicht schwer. Ihr Mehrheitsaktionär nämlich hat jede Menge Gas: Denn die norwegische Regierung läßt sich ihre Lizenzabgaben aus der Ausbeutung der Ekofisk-Felder von den internationalen Konzernen statt in bar in Gas bezahlen.
Das wohlfeile Staatsgas kaufen die Sydvaranger »zu einem Preis ein, der uns zwar nichts angeht«, meint Korfs Meinecke zufrieden. »doch wird er für unser Emdener Werk unter dem der Ruhrgas liegen.«
In drei Jahren, wenn die Fabrik anläuft, werden Korf und Kompagnon ihr Ekofisk-Gas wie ursprünglich geplant. vom nahen Emdener Terminal zapfen können -- in unfreiwilliger Kooperation mit der Ruhrgas, die ihr Nordsee-Öl ebenfalls über die Emdener Kopfstelle beziehen wird.
Ruhrgas-Vize Liesen hilft sich derweil mit Scherzen weiter. Als unlängst hei der Einweihung der Düsseldorfer Meeresforschungs-Messe »Interocean« eine Schiffssirene in seinen Festvortrag lärmte, entfuhr es dem Gasmann: »Da war schon wieder die Konkurrenz am Werk.«