Keltischer Tiger - DER SPIEGEL
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HIGHTECH Keltischer Tiger

Kein Land exportiert so viel Software wie Irland. Der Erfolg basiert auf einer Mischung aus natürlichen Standortfaktoren, staatlicher Förderung - und cleverer Steuerpolitik.
Von Kevin Hoffmann
• aus DER SPIEGEL 13/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seamus Gallen greift sich eine der Schokopralinen, die zum Abschlussseines 70-Euro-Menüs im Dubliner »L'Ecrivain« gereicht werden, undzuckt mit den Schultern: »Irland hat die industrielle Revolutionpraktisch verschlafen.«

Gallen lacht dabei. Noch einmal wird seinem Land so etwas nichtpassieren. Denn im digitalen Zeitalter steht Irland an vordersterFront. Selbst chinesische Funktionäre wollen inzwischen von Gallen dasErfolgsgeheimnis erfahren.

Der schlanke Informatiker mit dem weißem Vollbart ist selbst einFunktionär, er arbeitet bei der irischen Handelskammer als Spezialistfür die Software-Branche. Vor etwa zwei Jahren hätten die ersten Gästeaus dem Reich der Mitte sein Land noch mit einer Lupe auf der Weltkartegesucht, erzählt er stolz. Nun kämen sie massenhaft, »um zu erfahren,warum wir der größte Software-Exporteur der Welt sind«.

Tatsächlich schlägt Irland die USA, den neuen Riesen Indien und auchnoch den aufstrebenden IT-Superstar China, wenn es darum geht,Computerprogramme - auf CD gebrannt oder gegen Geld zum Downloadangeboten - zu verkaufen. Schon 2003 exportierte die Insel Bits undBytes im Wert von gut 14 Milliarden Euro. Und jährlich werden esmehr.

Dabei ist das Land nur etwa so groß wie Bayern und hat kaum mehrEinwohner als Berlin - ein nennenswerter Binnenmarkt existiert alsonicht. Warum also kommen die Investoren zuhauf, warum entsteht geradehier das Silicon Valley Europas?

Vor gut 20 Jahren, ganz am Anfang der Entwicklung, lockten vor allemdie natürlichen Standortvorteile der grünen Insel US-Investoren an:Irland liegt den USA geografisch, sprachlich und kulturell mit amnächsten in Europa.

Das alles erwähnt Gallen, viel lieber aber erzählt er denangereisten Chinesen, Ungarn und Letten von der Jugend seines Landes,die massenhaft technische Studiengänge an den Universitäten belegt.Wichtig erscheinen ihm auch die Niedrigsteuern und die aktiveWirtschaftspolitik der Regierung.

Der Aufstieg Irlands zum Hightech-Land begann 1985, als MicrosoftZugang zu den Märkten in Großbritannien, Deutschland und Frankreichsuchte. »Doch diese Länder betrachteten Software nur als Anhängsel derHardware-Industrie«, sagt Terry Landers, Sprecher der DublinerMicrosoft-Niederlassung.

Irland dagegen habe nicht mit dem »schweren Erbe« einer Stahl- oderAutoindustrie zu kämpfen gehabt und habe sich daher auf neueTechnologien konzentrieren können, so seine Erklärung. Zudem seienArbeitgeber in einer exzellenten Position gewesen: Gut ausgebildete,englischsprachige Arbeitslose gab es genug.

»Der keltische Tiger war noch nicht geboren«, sagt Landers. Heuteist Irland längst kein Niedriglohnland mehr, der Konzern lässteinfachere Programmierarbeiten zunehmend andernorts erledigen.

Die 1200 Microsoft-Mitarbeiter aus 44 Ländern, die in einemlichtdurchfluteten Klotz aus hellem Stein arbeiten, müssen sich dennochkeine Sorgen um ihren Job machen. Viele »lokalisierte«, also aus demEnglischen übersetzte und angepasste Produkte für die Märkte in Europa,Afrika und im Nahen Osten kommen aus Dublin.

Knapp 1000 reine Software-Unternehmen zählt Irland inzwischen. 200stammen aus dem Ausland, sie sind für 90 Prozent der Umsätzeverantwortlich. Doch Gallens chinesische Gäste wollen vor allem wissen,wie im Umfeld der Multis auch heimische Hightech-Firmen entstehen.

Die Exkursion führt tief hinein in die Stadt, ins »Digital Depot«,den früheren Sitz der ehemaligen Guinness-Betriebsdruckerei - zehnMinuten Fußweg vom Dubliner Zentrum entfernt, im Schmuddelstadtteil TheLiberties. Dort sitzt zum Beispiel die kleine Firma Havok, die unteranderem Software für Spielmodule der Xbox von Microsoftprogrammiert.

In Liberties können Besucher sehen, wie aktive Wirtschaftspolitikaussieht: Sterbende Industriestandorte werden mit staatlichem Geldaufgepäppelt, halbstaatliche Wirtschaftsinstitute locken kleine Firmenmit Risikokapital an. Planwirtschaftlich anmutende Fünf- undZehnjahrespläne sollen zudem verhindern, dass sich die Politik beiersten Rückschlägen zurückzieht.

Vor fünf Jahren begann die liberal-konservative Regierung unterBertie Ahern mit einem ihrer größten Projekte zur Stadtsanierung undgründete »The Digital Hub«. Mit 130 Millionen Euro Steuergeldern undmit Hilfe privater Sponsoren kaufte der Staat komplette Straßenzügeauf, zog 2004 einen 3,5 Kilometer langen Glasfaserring zwecks schnellerInternet-Anbindung darum und bietet 40 kleinen Unternehmen nun eineHeimat.

»Alle hier zahlen Miete. Das Projekt trägt sich selbst. Wir sindkomplett ausgebucht«, sagt Hub-Manager Stephen Brennan. Neulich habeman sogar Google absagen müssen, als sich das Erfolgsunternehmen mit200 Leuten im Viertel niederlassen wollte. Das Projekt könne derzeitnur jeden vierten Bewerber annehmen.

Bis 2010 sollen 200 Kleinunternehmen im Hub angesiedelt werden, 5000Arbeitsplätze sollen entstehen. Schon beginnt eine Baufirma mit Abrissund Umbau weiterer Guinness-Gebäude.

Die irische Erfolgsgeschichte beschränkt sich nicht auf dieSoftware-Branche - sie ist nur ihr glitzerndes Aushängeschild. Im Jahr2004 wuchs die Wirtschaft um rund fünf Prozent, es herrscht praktischVollbeschäftigung.

1973 trat Irland als ärmstes Land der Europäischen Gemeinschaft bei- ein Agrarstaat, wirtschaftlich abhängig vom ungeliebten BritischenKönigreich. Brüssel öffnete die Märkte Europas für die Iren.

Zum Unmut anderer EU-Staaten senkte Irland vor allem dieUnternehmensteuern auf inzwischen 12,5 Prozent. Gleichzeitiginvestierte das Land in die Bildung. Die Folge: Sechs von zehn irischenSchulabgängern absolvieren ein Studium.

Niedrige Steuern und gut ausgebildeter Nachwuchs - das sindattraktive Bedingungen für IT- und Chipkonzerne wie Dell,Hewlett-Packard und IBM. Allein Intel investiert gerade zwei MilliardenDollar und stellt im irischen Leixlip seine größte Chipfabrik außerhalbder USA auf. Dieses Umfeld schätzen auch Microsoft, Oracle und derWalldorfer SAP-Konzern, der seit 1997 von Dublin und derUniversitätsstadt Galway an der Atlantikküste aus ein »Global SupportCenter« betreibt.

Viele Konzerne nutzen nicht nur die Kompetenz englischsprachigerIT-Spezialisten, sondern auch die zahlreichen legalen Steuertricks.Manch eine der Software-Firmen lässt das Vorprodukt im indischenBangalore programmieren und reicht es dann billig an die irischeTochter weiter, die es zur Marktreife veredelt, auf CDs brennt und inalle Welt verkauft.

Die Investitionen der Software-Riesen aus den USA oder ausDeutschland sind aber nur ein Teil der irischen Erfolgsstory. Denanderen bilden einheimische Startups, die zunehmend Auftrieb bekommen.Fineos etwa, ein Hersteller von Banken- und Versicherungssoftware, dermit seinem Chef und Gründer Michael Kelly 2004 zum »Exporteur desJahres« gekürt wurde.

Kelly gehört zur Generation der Anfang-40-Jährigen, die spätestensnach dem Studium das Land verlassen haben - weil sie mussten. Damalsgab es in Irland keine Arbeit für sie. Das hat sich mittlerweilegeändert. Doch »zum Glück«, sagt Kelly, gingen noch immer viele jungeIren für ein paar Jahre ins Ausland, um reicher an Erfahrungzurückzukommen.

Kelly selbst arbeitete 1980 in Australien, später in Holland undDänemark. Von den Kontakten profitiert er noch heute: Die Kunden vonFineos heißen Zurich Financial oder Allianz Group. 2004 setzte dieFirma 17 Millionen Euro um und machte 500 000 Euro Gewinn.

Es sind kleine Firmen mit bis zu 200 Angestellten, geleitet vonheimgekehrten Legionären, die nun auf Spezialgebieten weltweitreüssieren. Ihre Manager wähnten sich erleuchtet vom »irischenUnternehmergeist«, sagt Kelly. Dazu gehörten das Streben nach einerguten Ausbildung, Auslandserfahrung und der Wille, nach einem kläglichgescheiterten Projekt wieder aufzustehen.

So wie Paul Kerley: Er war fast am Ende, den Börsengang seinerNorkom Technologies blies er zwei Wochen vor dem Start ab. Jahrelangestaatliche Förderung schien mit der Dotcom-Blase verpufft. Er entließLeute und baute langsam wieder auf. Heute entwickelt Norkom Softwarezur Betrugsbekämpfung für große Finanzdienstleister wie Visa oder fürdas US-Ministerium für Heimatschutz.

Der stämmige Manager blinzelt aus seinem Büro in die DublinerFrühlingssonne und philosophiert: Derzeit stritten die irischenWirtschaftslenker, ob ihr Erfolgsweg über »Boston oder Berlin« führe -über eine starke Wirtschaft ohne Staat oder über bedächtiges Wachstumnach Art des Exportweltmeisters Deutschland.

Kerley plädiert dagegen für einen dritten Weg. Und der, sagt derUnternehmer selbstbewusst, »führt über Dublin«.

KEVIN HOFFMANN

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