Kirch-Endspiel Bange Ostern in Ismaning
München-Ismaning - "Tag der Entscheidung für Kirch" hatte eine deutsche Wirtschaftszeitung am Freitag auf der Titelseite verkündet. Gerüchte über eine Zerschlagung des Kirch'schen Knotens aber waren bisher stets grob übertrieben, und so war es wohl auch diesmal. Die Verhandlungen zwischen vier wichtigen Gläubigerbanken und den Minderheitsaktionären der KirchMedia seien ergebnislos vertagt, hieß es am späten Donnerstag. 9500 Beschäftigte der KirchGruppe müssen also weiter hoffen und bangen.
Die Banken hätten die Investoren um Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi aufgefordert, zunächst ein plausibles Konzept für die geplante Übernahme der KirchMedia zu erarbeiten und dieses am Dienstag vorzulegen, hieß es. Die Banken machen das konkrete Konzept auch zur Bedingung für einen Überbrückungskredit in Höhe von 200 Millionen Euro, den die KirchGruppe dringend benötige.
Derweil hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Diskussion eingeschaltet und Bedenken gegen einen größeren Einstieg des italienischen Regierungschefs und Medienunternehmers Silvio Berlusconi beim Kirch geäußert. "Bei Berlusconi glaube ich, dass es nicht unproblematisch ist, wenn ein Ministerpräsident eines mit uns befreundeten Landes über seine privaten Unternehmen ausgerechnet im deutschen Medienbereich Einfluss hätte", sagte Schröder. "Mindestens eine glaubhafte Trennung von Geschäft und Politik ist nötig."
Berlusconi bekräftigte dagegen, er nehme keinen direkten Einfluss auf die Verhandlungen zwischen Banken und Kirch-Investoren. "Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe seit 1994 nicht mehr mit meiner Gruppe (Mediaset) telefoniert", sagte Berlusconi italienischen Medien zufolge als Reaktion auf die Äußerungen Schröders. Die Mediaset-Gruppe, einer der Minderheitsaktionäre der KirchMedia, wird von Familienmitgliedern Berlusconis geführt.
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Einen Einstieg Murdochs bei der KirchGruppe lehnt Schröder nach eigenen Worten nicht grundsätzlich ab. "Ich will zu Herrn Murdoch nichts sagen. Ich glaube, wenn er ähnlich erfolgreich wie in England Pay-TV macht, sollten wir keinen Einwand haben." Noch Februar hatte Schröder Medienberichten zufolge an einem geheimen Treffen teilgenommen, bei dem er zusammen mit Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer und WAZ-Chef Erich Schumann über eine Abwehr Murdochs gesprochen haben soll.
Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) will eine Übernahme der KirchMedia durch Berlusconi verhindern. "Die von ihm personifizierte Politik- und Meinungsmacht ist mit dem deutschen Verfassungsverständnis unvereinbar", sagte Clement der "Süddeutschen Zeitung". Er habe seine Staatskanzlei bereits mit einem Rechtsgutachten beauftragt. Bayerns Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU) warf Clement vor, er disqualifiziere sich mit diesen Äußerungen als ernst zu nehmender Medienpolitiker. Clement müsse eigentlich wissen, dass das sehr stringent regulierte deutsche Medienrecht für alle Investoren gilt - gleichgültig ob sie aus dem Inland oder aus dem Ausland kommen.
Der Axel Springer Verlag betonte derweil, er wolle nicht gegen eine Beteiligung am Kerngeschäft der KirchGruppe auf einen Teil seiner Forderung in Höhe von 767 Millionen Euro verzichten. "Ein Verzicht ist für uns keine Option", sagte eine Springer-Sprecherin. "In den Gesprächen mit den Beteiligten konzentrieren wir uns auf die Erfüllung unserer offenen Forderungen". Dass der Verlag eine Option zum Verkauf seiner Beteiligung am Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 gezogen hat, war der Auslöser der akuten Finanzkrise der KirchGruppe. Die KirchGruppe hatte die Option umgehend für rechtlich unwirksam erklärt, Springer bestreitet dies.
Die "Financial Times Deutschland" hatte zuvor berichtet, die Investoren der KirchMedia rund um Murdoch und Berlusconi hätten Springer eine Beteiligung am Kirch-Kerngeschäft angeboten. Im Gegenzug sollte Springer auf einen Teil seiner Forderungen verzichten. Aus Kreisen von Verhandlungsteilnehmern wurde bekannt, dass Springer sich trotz des offiziellen Dementis tatsächlich eine Aufstockung seiner Anteile an der Fernsehgruppe von derzeit 11,5 Prozent vorstellen könne.
Der Börsenkurs des Aktienpakets liege gegenwärtig deutlich unter den 767 Millionen Euro. Der Verlag habe nun angedeutet, dass die Differenz auch in Form von mehr Aktien ausgeglichen werden könnte. Springer habe eigentlich den Rückzug aus dem TV-Geschäft beschlossen, sehe jetzt aber die Chance, relativ günstig eine strategisch interessante Position auf dem deutschen TV-Markt zu erreichen. Würde Springer aber auf der Auszahlung in bar beharren, wäre KirchMedia kaum zu sanieren.
Woran genau die Verhandlungen in München am Donnerstag gescheitet sind, ist öffentlich nicht genau bekannt. In Finanzkreisen wurde aber die Vermutung geäußert, Murdoch und Berlusconi wollten Kirch Bankrott gehen lassen, um sich dann günstig die besten Teile heraus zu picken. Verhandlungsnahe Kreise sagte, die Chance für einen Konkurs stünde bei 50 Prozent.
Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Siegfried Weischenberg, warf ARD und ZDF unterdessen Verantwortungslosigkeit vor. Obwohl Kirch allen als "Zocker" bekannt gewesen sei, hätten sie ihm viel Geld für die Übertragung der Fußball-WM gezahlt, kritisierte Weischenberg in der "Saarbrücker Zeitung". Ein Einstieg Murdochs und Berlusconis in Deutschland sei in Zeiten der Globalisierung nicht zu verhindern. Auch deutsche Medienkonzerne seien schließlich im Ausland aktiv.