Kirch-Krise: Premiere wird filetiert - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kirch-Krise Premiere wird filetiert

Der neue Premiere-Chef Georg Kofler kürzt die Beschäftigtenzahl des Bezahlsenders drastisch zusammen. In Hamburg und München werden 260 Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Doch das wird kaum reichen, um den horrenden Schuldenberg abzubauen.
Von Alexandra Knape und Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München/Hamburg - Das Call-Center in München mit seinen 120 Beschäftigten werde bis Mitte dieses Jahres ganz geschlossen, sagte Premiere-Sprecherin Katrin Gogel. In Hamburg soll die 450 Personen starke Belegschaft des Call-Centers um 30 Prozent schrumpfen. Betroffen seien 140 bis 150 Mitarbeiter mit befristeten Verträgen. Die Call-Center in Lübeck, Schwerin und Augsburg würden dagegen nicht angetastet, so die Sprecherin. "Mit den Entlassungen werden Überkapazitäten abgebaut", sagte Gogel. Zudem laufe Premiere-Dekoder mittlerweile stabiler, was weniger Anrufe provoziere.

Angesichts eines täglich auflaufenden Verlustes von rund zwei Millionen Euro wird es wahrscheinlich nicht dabei bleiben. Am kommenden Dienstag muss Kofler mit dem Aufsichtsrat sein Sanierungskonzept besprechen, hieß es in informierten Kreisen. Er werde bei diesem Treffen einen Businessplan für die nächsten fünf Jahre vorlegen, der weitere Personalkürzungen, Einsparungen bei den Marketing-Ausgaben und geringere Zuwächse bei den Abonnentenzahlen enthalte, so die Kreise. Den Marketingetat, den die beiden Agenturen Heye & Partner und Pilot Media hielten, hat Kofler bereits gestrichen. Alleine der Etat für den Bereich Media soll 50 Millionen Euro schwer gewesen sein. Insgesamt soll die Restrukturierung des Bezahlsender nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag kosten.

Seine Ankündigung, rund um die Uhr einfache Pornofilme zu senden, um neue Abonnenten anzulocken, stieß unterdessen auf heftige Kritik. Der bayerische CSU-Fraktionschef Alois Glück sagte gegenüber der ARD-Sendung "Report Mainz", wenn Pay-TV keine tragfähigere Basis gebe, sei das keine lebensfähige Struktur.

In bisherigen Plänen war das Premiere-Management für den derzeit 2,4 Millionen Abonnenten zählenden Sender bis 2004 von 3,5 bis vier Millionen Kunden und bis 2006 von sechs bis sieben Millionen Abonnenten ausgegangen. Davon sei man im neuen Plan ein "gerüttelt Maß" entfernt, hieß es.

Hauptproblem sind nach Meinung von Analysten vor allem die ungünstigen Verträge, die Premiere für die Filmrechte abgeschlossen hat. Die Folge: Es werden immer neue Zahlungen an Filmstudios und Sportverbände fällig.

Unter den Mitarbeitern von Premiere wird mittlerweile mit dem Schlimmsten gerechnet, nämlich mit der kompletten Schließung von Premiere. Davon wären nach Angaben des Hamburger Premiere-Betriebsrates 2900 Mitarbeiter betroffen. In Briefen an Bundeskanzler Gerhard Schröder und Hamburgs Regierenden Bürgermeister Ole von Beust bitten die Betriebsräte um Unterstützung: "Wir sind auf jede Hilfe angewiesen und möchte diese Angelegenheit als 'Chefsache' sehen."

Die KirchGruppe steht mit mindestens 6,5 Milliarden Euro bei verschiedenen Bankhäusern in der Kreide. Doch diese Summer enthält einige Unbekannte. Wie heute bekannt wurde, sollen die Schulden bei der Bayerischen Landesbank sogar noch rund 100 Millionen Euro höher sein als bisher angenommen. Der SPD-Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer teilte am Freitag mit, der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser habe ihm auf eine Schriftliche Anfrage die Summe von 2,02 Milliarden Euro genannt. Die von Landesbank-Chef Werner Schmidt im Februar genannte Summe von 1,9 Milliarden Euro habe sich durch Wechselkursveränderungen erhöht.

Um das Imperium von Leo Kirch zu sanieren, verhandelt der Konzern seit Wochen mit den Gläubigerbanken. Die haben sich inzwischen zusammengetan, um eine Gesamtlösung zu finden. Nach bisherigen Erkenntnissen muss sich Kirch von seinen Beteiligungen am Springer-Konzern, an der Formel 1 und am spanischen Sender Telecinco trennen.

Nach Angaben von "kress-report" stehen auch Kirchs Lokalsender in München (TV.München), Hamburg (Hamburg 1) und Berlin (TV.Berlin) auf der Verkaufsliste. Sollte sich kein Kaufinteressent finden, sollen die Sender laut "kress-report" geschlossen werden.

Die Suche nach einem neuen Investor für den Pay-TV-Kanal ist bislang erfolglos verlaufen. Zwar hat Kirch verschiedene Versuche gestartet und selbst bei Filmstudios in Hollywood geklingelt, doch bislang ohne Ergebnis. Auch Medienmogul Rupert Murdoch, der bereits an Premiere World beteiligt ist, hat kein Interesse mehr an dem Kirch-Sender. Nach bisherigen Presseberichten will Murdoch seine Verkaufsoption im Herbst wahrnehmen. Dann muss Kirch ihm rund 1,5 Milliarden Euro für seine Anteile zahlen.