Kirch-Krise Stolperstein für Stoiber?
München - Für Bayerns Staatsregierung ist das Drama um den Firmenpatriarchen Leo Kirch und sein Lebenswerk unerfreulich - unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen zwischen den Banken und den Investoren um die beiden Medienzaren Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi. Dass die Kirch-Pleite ein Desaster für die bayerische Medienpolitik wäre, darüber sind sich die Opposition im Freistaat und viele Kommentatoren einig.
Doch die zweite Möglichkeit einer Übernahme durch Murdoch und Berlusconi wäre für Stoiber kaum angenehmer, so die Experten. Stoiber bleibe die Wahl zwischen Pest und Cholera, kommentierte die "Süddeutsche Zeitung". Der "Münchner Merkur" sah eine Bankrotterklärung der CSU-Medienpolitik. Denn jahrzehntelang unterstützte die Staatsregierung den Expansionskurs Kirchs. Zu Kirchs politischen Freunden zählte bereits Stoibers legendärer Vorvorgänger Franz Josef Strauß. Die halbstaatliche Bayerische Landesbank ist mit einem Kreditvolumen von etwa zwei Milliarden Euro der größte Geldgeber Kirchs. Die Landeshauptstadt München sollte mit Hilfe des Zugpferds Kirch zu einem der bedeutendsten Medienstandorte Deutschlands werden.
"Kirch hat sich selbst in die Misere geritten, aber die Staatsregierung hat ihm das Pferd dazu geliefert", sagt der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Sepp Dürr. Stoibers Schweigen sei ein bereits bekanntes Verhaltensmuster bei Affären im Freistaat. "Hinterher will er nicht mehr für die Folgen geradestehen."
Falls sich Murdoch und Berlusconi durchsetzen, käme das einem Erdbeben in der deutschen Medienlandschaft gleich. Sie hätten unter anderem die Kontrolle über Sat.1, Kabel 1 und ProSieben. Eine Übernahme würde angesichts des Milliardenlochs bei Kirch voraussichtlich auch den Stellenabbau in München und die Schließung unprofitabler Unternehmensteile bedeuten. Die Zeit spielt gegen Kirch, der auf einem Schuldenberg von mehr als sechs Milliarden Euro sitzt und dringend Geld braucht.
Der angesichts der übermächtigen CSU leidgeprüften Opposition in Bayern haben Staatsregierung und Landesbank über die Jahre Angriffsflächen geboten. Besonders die Landesbank ist in die Schusslinie geraten, weil sie Kirch im vergangenen Jahr noch einen Milliardenkredit für den Kauf der Formel-1-Rechte gewährte - nachdem andere Banken bereits abgewinkt hatten. "Statt Kirch vor unüberschaubaren Risiken zu bewahren, hat die Staatskanzlei ihm noch sein Formel-1-Abenteuer finanziert", wirft SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget Stoiber vor. Die SPD würde eine nationale Lösung mit deutschen Unternehmen als Kirch-Retter bevorzugen. Das scheint jedoch eine vergebliche Hoffnung.
Die Opposition wittert bereits strategische Rückzugsoperationen der Staatsregierung. So schied Staatskanzleichef Erwin Huber bereits aus dem Verwaltungsrat der Landesbank aus. Huber gilt als einer der potenziellen Nachfolger Stoibers, falls dieser im September tatsächlich das Kanzleramt erobern sollte. Damit wolle die Staatsregierung Huber im Falle späterer Kirch-Komplikationen aus der Schusslinie nehmen, mutmaßt man in der Opposition.