Kirch-Pleite: "Es wird nichts mehr so sein wie vorher" - DER SPIEGEL
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Kirch-Pleite "Es wird nichts mehr so sein wie vorher"

Wer kommt nach Kirch? Diese Frage beschäftigt im Angesicht der drohenden Pleite des Medienunternehmers Zuschauer, Politiker und Medienfachleute. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Chef der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen, Norbert Schneider, über die Folgen eines möglichen Einstiegs eines Investors wie Rupert Murdoch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Welche Auswirkungen hätte die zu erwartende Pleite von Kirch auf die Medienlandschaft in Deutschland?

Norbert Schneider: Ich glaube, es wäre der größte Einschnitt in der Geschichte des gesamten Fernsehens in Deutschland. Die Einschnitt wird noch erheblicher sein als bei der Einführung des privaten Fernsehens. Es ist ja nicht so, dass mit Kirch einer von vier Konkurrenten notleidend wird. Das wird auch die anderen drei - Bertelsmann, ARD und ZDF - massiv betreffen. Deren Programme werden am Ende nicht wiederzuerkennen sein.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Investor käme denn als Eigentümer in Frage?

Schneider: Auf dem deutschen Markt käme wohl niemand in Frage. Die Zeitungsverleger jedenfalls nicht. Die haben erkannt, dass sie vielmehr Geld damit verdienen, wenn sie sich auf die Zulieferung von Inhalten konzentrieren. Als Broadcaster waren ihre Erfolge regelmäßig bescheiden. Nehmen Sie nur das Beispiel Vox, da sind die beteiligten Verleger sofort wieder ausgestiegen, als es die ersten Schwierigkeiten gab. Man hört, dass Springer über eine Aufstockung seines Prosieben-Anteils nachdenkt. Das dürfte allerdings nur den Grund haben, dass man den restlichen Anteil nicht abschreiben will. Es käme also allenfalls ein Engagement von Bertelsmann in Frage, aber das dürfte wegen der ohnehin schon vorhanden Marktanteile nur sehr gering ausfallen. Schon mit dem Einkauf von Kabel 1, das zwischen vier und sechs Prozent Marktanteil hat, wäre Bertelsmann über die erlaubten 30 Prozent hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Fernsehlandschaft wird sich also mit einem ausländischen Investor anfreunden müssen.

Schneider: Ich halte es ohnehin für ein Wunder, dass der Einstieg eines ausländischen Unternehmers in großem Stil so lange hat auf sich warten lassen. Es wäre auch merkwürdig, wenn die Globalisierung, die gerade im Medienmarkt sehr massiv ist, vor dem zweitgrößten Medienmarkt der Welt halt mache würde.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es in Deutschland nicht gerade viele Fan-Clubs von den beiden aussichtsreichsten Kandidaten, Berlusconi und Murdoch.

Schneider: Ich kenne auch keine. Aber im Falle Murdoch glaube ich, dass die Befürchtungen übertrieben sind. Er wird das, was man ihm nachsagt, nämlich scharfe politische Optionen zu verwirklichen, wohl kaum durchsetzen, das würde wirtschaftlich keinen Sinn machen. Aber Sie können davon ausgehen, dass Murdoch eine Programmsorte einführen würde, die wir bisher so noch nicht gekannt haben.

SPIEGEL ONLINE: Also werden die Inhalte flacher.

Schneider: Ja. Das wird absolut folgenloses Fernsehen. Alles verdauungsfähig, da wird nichts hängen bleiben. Und RTL wird darauf reagieren müssen, denn es könnte sich nicht erlauben zuzusehen, wie Murdoch ihm das Publikum weglockt. Aber was noch wichtiger ist - Murdochs News Corp. ist groß genug, um zur Einführung solcher Programme alles einzukaufen, was gut und teuer ist.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Bundesliga-Lizenzen?

Schneider: Genau. Gesetzt den Fall, Murdoch würde die Senderfamilie übernehmen, würde er die Preise für die Lizenzen - die ich übrigens auch für zu hoch halte - noch einmal hochtreiben, sollte das notwendig sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber Kirch ist doch nicht zuletzt an den hohen Kosten für die Lizenzen gescheitert?

Schneider: Aber im Gegensatz zu Kirch besitzt Murdochs News Corp. den notwendigen finanziellen Hintergrund. Man darf nicht vergessen, dass Kirch in diesem Vergleich allenfalls ein Mittelständler ist. Nein, Murdoch würde unseren Medienmarkt richtig aufmischen. Da wird nichts mehr so sein wie vorher.

Das Gespräch führte Michael Kröger