Kirchs Krise: Der Triumph der Springer-Witwe - DER SPIEGEL
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Kirchs Krise Der Triumph der Springer-Witwe

Mit dem Verkauf seiner Springer-Aktien an die HypoVereinsbank gewönne Leo Kirch kostbare Monate. Die wahre Gewinnerin im Medien-Machtspiel aber heißt Friede Springer: Die Verlegerwitwe verdrängt den verhassten Großaktionär und schmettert die Avancen der WAZ-Gruppe ab. Kirch dagegen sitzt auf einem Arsenal von Zeitbomben.
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Hamburg/München - Als Springer-Chef Mathias Döpfner Ende Januar eine Verkaufsoption zog und der KirchGruppe 770 Millionen Euro abverlangte - da war für Beobachter klar: Springer will die Chance nutzen, Leo Kirch vor die Tür zu setzen. Kaum einer aber ahnte, dass es so schnell gehen könnte und Kirchs Niederlage so blamabel ausfiele. Immerhin hatte Kirchs Vize Dieter Hahn noch kurz vor Weihnachten auf Reporter-Tonbänder diktiert: "Springer steht nicht zum Verkauf. Die Anteile gehören zur Gruppe, Kirch ist ein integriertes Medienunternehmen."

Blamage für Breuer

Hahn und Kirch sind umgekippt - zu forsch stürmten die Gläubiger, die Medien-Manager und die Politiker, die Kirchs Imperium im Geiste schon aufgeteilt haben. Schon innerhalb der nächsten zehn Tage, drang es aus Unternehmenskreisen, entscheide Kirch darüber, ob er das Angebot der HypoVereinsbank schluckt - und seinen 40-Prozent-Anteil am Axel Springer Verlag für wohl 1,1 Milliarden Euro an seinen bayerischen Gläubiger weiterverschiebt.

Das ist ein kleiner Triumph der Münchner über die Frankfurter Banker - schließlich war Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer übers Wochenende zu Kirch gen München gereist, um Kirch zur Aufteilung seines Reiches zu überreden. Die Springer-Aktien, die in eineinhalb Jahren zwei Drittel ihres Werts eingebüßt haben, dürften der Hypo in Monaten oder Jahren ordentliche Gewinne einbringen. Es ist auch immenses Glück für Kirch, der einige hundert Millionen mehr für die Aktien erhielte, als sie an der Börse derzeit wert sind - und der immerhin die 770 Millionen Euro bereit hätte, um Springer auszubezahlen.

"Bild" bleibt, wie "Bild" ist

Vor allem aber wäre der Deal ein taktischer Erfolg für Verlegerwitwe Friede Springer und ihren General Mathias Döpfner. Der Film- und Fernsehmann Kirch wäre aus dem Reich der Zeitungs- und Magazinmacher vertrieben - gut eineinhalb Jahrzehnte, nachdem Verlagsgründer Axel Cäsar Springer vor dem vermeintlich mafiös arbeitenden Kirch warnte und sich erbittert gegen den zunächst versteckten Einstieg Kirchs wehrte. Döpfner könnte seine Strategien, die er beim Amtsantritt im Januar verkündete, ohne Störfeuer aus München verfolgen. Er könnte Axel Springers Traum vom Einstieg ins Fernsehgeschäft begraben, sich darauf konzentrieren, die Marktführerschaft im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness zu verteidigen. "Im TV-Geschäft haben wir leider, leider den Zug vor vielen Jahren verpasst", bilanzierte Döpfner. Zeit also, die Querverflechtungen mit der KirchGruppe zu kappen.

Noch wichtiger für Springer: Wenn die 40 Prozent bei einem Finanzinvestor wie der HypoVereinsbank landen, geraten sie nicht in unfreundliche Hände. Ein Geldinstitut, das fremd ist in der Verlagsbranche, wird sich weniger Einfluss auf die Geschäftspolitik anmaßen. Wer war nicht alles als potenzieller Interessent an Kirchs Springer-Paket durch die Presse gegeistert: Burda, Holtzbrinck oder Rupert Murdoch. Manch ein Politiker ängstigte sich schon vor einer "Bild"-Zeitung, die im Stile der "Sun" Schmutziges aus dem Sexleben der Politikelite zu bebildern weiß. Diese Gefahr scheint gebannt, und wirklich akut war sie nie: Springer hat mitzureden, wenn die vinkulierten Namensaktien des Konzerns von einem Depot ins nächste wandern. Sehr gut möglich, dass Friede Springer der Hypo später einen Teil der Aktien abkauft und der Rest an der Börse platziert wird.

Springers irreführende Freundlichkeit

Schon sorgenvoller muss Springer das WAZ-Szenario gestimmt haben. Der Verlag der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" ("WAZ"), in den Kanzler Schröders Intimus Bodo Hombach kürzlich einstieg, galt als aussichtreichster Anwärter auf das 40-Prozent-Paket. Miteigentümer Erich Schumann, öffentlich kaum bekannt, stieß zu den Pokerspielern um den Kanzler, die auf eine Zerschlagung der KirchGruppe spekulierten. Beim Besuch im Springer-Hochhaus soll Schumann Friede Springer vorgeschlagen haben, seine Gruppe könne die kaufmännische Regie im Springer-Reich übernehmen. Genau registriert wurde, dass Friede Springer den WAZler bei seiner Visite bis zur Autotür begleitete. Ein Indiz für ein Entgegenkommen auch im Geschäftlichen, hieß es. Für Friede Springer aber ist Höflichkeit nicht gleich Nachgiebigkeit.

Kirch hat der gebannten Medien-Öffentlichkeit erneut bewiesen: Es kann tollkühn sein, ihn für bankrott, verrückt oder tot zu erklären. Seit Ende der fünfziger Jahre, als er sich mit einem gigantischen Filmpaket finanziell verhob, es aber doch noch an die ARD absetzte, ist der Spielernatur manches Husarenstück gelungen. Daran, dass die KirchGruppe "perspektivisch ... Liquiditätsprobleme bekommen" könne, wie sich Dieter Hahn vor Tagen wand, ändert sich aber kein Iota - auch wenn Kirch nun einen Teil seiner spanischen TV-Beteiligungen an Silvio Berlusconi verkauft. Hier steht Kirch bei der Dresdner Bank mit 460 Millionen Euro in der Kreide, dort schuldet er der Deutschen Bank 700 Millionen - und wenn der Börsengang der KirchMedia scheitert, könnten Minderheitsaktionäre nach Entschädigung rufen.

Der Kollaps kommt

Geradezu zum Mantra der Kirch-Beobachter ist die Prognose geworden, dass Kirch nach dem frostigen Frühling ein furchtbarer Herbst bevorsteht. Wenn Rupert Murdoch seine Anteile an Kirchs Pay-TV zurückgibt und 1,6 Milliarden Euro einfordert, stehe Kirch vor einem Ende mit Schrecken, heißt es. Das ist immer noch zu kurz gedacht.

Selbst wenn Kirch die Riesensumme aufbringt, einen Investor herbeizaubert oder sich mit Murdoch einigt, wäre die Wurzel aller Schuldenprobleme nicht herausgerissen: Mit nur 2,5 Millionen Abonnenten statt der geplanten vier ist Premiere World ein schwarzes Loch, in dem Milliardensummen auf Nimmerwiedersehen verschwinden und das auch einen finanzkräftigeren Konzern ruinieren könnte. Nicht einmal komplett schließen kann Kirch den Bezahlkanal - die Filmlizenzen der Hollywood-Studios müsste er weiter bezahlen. Ein gewöhnliches Wunder reicht schon lange nicht mehr aus, um Kirch zu retten.