Kita-Streik: Kleine Kunden, großer Frust - DER SPIEGEL
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Kita-Streik Kleine Kunden, großer Frust

Die Wut wächst: Bundesweit streiken rund 12.000 Erzieherinnen, legen ihre Kitas lahm und drohen mit einer Ausweitung des Ausstands. Sie fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen - doch vor allem geht es ihnen um mehr Anerkennung, wie ein Besuch im Düsseldorfer Streiklokal zeigt.
Von Maike Jansen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Düsseldorf - Geht es nach der Lautstärke, dann kann die Versammlung im Düsseldorfer Kolpinghaus wohl leicht mit einer Kindertagesstätte mithalten: Rund 400 Erzieherinnen haben sich hier am Morgen versammelt, dem Streiklokal in der Innenstadt. Nicht nur die plaudernden Streikenden halten hier den Lärmpegel hoch - zusätzlich hat die Gewerkschaft Ver.di auch noch rot-weiße Rasseln auf den Tischen verteilt, die den geplanten Demonstrationszug am Mittag lautstark unterstützen sollen.

Kita-Streik in Düsseldorf: "Mehr als Aufpassen, dass nix passiert, ist da nicht drin"

Kita-Streik in Düsseldorf: "Mehr als Aufpassen, dass nix passiert, ist da nicht drin"

Foto: DPA

Wäre heute ein normaler Morgen, dann säßen Ersin Süngü, Anke Pilger und Magdalena Marchlewski jetzt bereits seit zwei Stunden in einer Kindertagesstätte im Düsseldorfer Stadtteil Reisholz. 60 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren betreuen sie dort mit sieben Erziehern und einer halben Kraft, aber seit Februar fehlen zwei davon. "Mehr als Aufpassen, dass nix passiert, ist da nicht drin", sagt Pilger.

Verträge werden nicht entfristet

Seit 23 Jahren arbeitet die 43-Jährige nun schon als Erzieherin. Das bedeutet auch: 23 Jahre lang auf dem Boden sitzen und Türmchen bauen, Kleinkinder durch die Gegend tragen, wickeln, umziehen. "Und das bei dem geringen Gehalt - wer macht das schon?", fragt sie sich.

Ersin Süngü (33) macht das zum Beispiel - weil er muss. Drei Personen hängen von seinem Einkommen ab, der Alleinverdiener ist auf seinen Job angewiesen. Umso mehr ärgert es ihn, dass er noch immer keine unbefristete Anstellung hat: "Mein Vertrag wird immer nur um ein halbes Jahr verlängert, das ist zermürbend", sagt Süngü. Noch schlechter ginge es einer Kollegin, die seit Februar auf eine Stelle wartet - obwohl die in der Reisholzer Kita ebenso lang vakant ist. "Trotzdem überlegt sich die Stadt monatelang, ob sie Geld für eine zusätzliche Erzieherin hat."

Es hat sich eine Menge Wut angestaut bei den Erzieherinnen. Bundesweit streiken etwa 12.000 Beschäftigte von mehreren hundert Kindertagesstätten und Jugendeinrichtungen, und die Aktionen sollen noch ausgeweitet werden. Die Wut ist auch im Kolpinghaus deutlich zu spüren: An allen Tischen trifft man auf verärgerte Mitarbeiter, die nicht nur von ihrem Arbeitgeber enttäuscht sind: "Wir werden auch in der Gesellschaft nicht richtig anerkannt", klagt Gudrun Hermanns, "wir sind immer nur die, die mit den Kindern spielen."

Dabei haben die Erzieherinnen längst andere Aufgaben und immer wieder kommen neue hinzu. "Kibiz" ist ein Stichwort, was aus dem Mund der Erzieher immer ein bisschen nach Fluchen klingt. Der Begriff steht für "Kinderbildungsgesetz", eine Erfindung der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die den Erziehern vor allem eine Menge Verwaltungsarbeit eingebracht hat. "Wir sollen jedes Kind evaluieren und Buch darüber führen, welche Fortschritte es macht", so Erzieherin Hermanns, "im Grunde müsste ich also immer mit Block und Kuli im Stuhlkreis sitzen."

Es geht um die Gesundheit - und um das Geld

Neben Gudrun Hermanns sitzt Ilona Hippes, eine blonde Frau mit randloser Brille und großen, freundlichen Augen. Auch sie ist an diesem Morgen ins Kolpinghaus gekommen, weil sie für bessere Arbeitsbedingungen protestieren will. Aber anders als ihre Nachbarinnen wirkt die 55-Jährige nicht verbittert, nicht müde oder ausgebrannt. "Das mag daran liegen, dass ich den Job erst seit 1995 mache", sagt sie und lächelt. Vorher hat Hippes im Büro gearbeitet. "Erzieherin, das war schon immer mein Traumjob", sagt sie. Ihre Eltern hätten ihr damals nicht erlaubt die Ausbildung zu machen, "so konnte ich mir den Wunsch eben erst spät erfüllen".

Hippes ist zuversichtlich, den Job noch bis zum Rentenalter zu behalten. Ihre Nachbarinnen sind da skeptischer: "Wenn ich es mir finanziell leisten könnte, würde ich jetzt in Rente gehen", sagt die 52-jährige Hermanns. Auch an ihrer jüngeren Kollegin Mariola Kuchcik (44) ist die Arbeit nicht spurlos vorbei gegangen. Sie beschreibt den Alltag in der Kita mit dem in einer Puppenstube: "Setzen Sie sich mal 24 Jahre lang auf Ministühle und helfen den Kleinen beim Zähneputzen - das verzeiht Ihnen Ihr Rücken nie."

Dabei ist allen Beteiligten klar: Die Diskussion um die gesundheitliche Belastung ist nur ein Aspekt der Auseinandersetzung. In Wahrheit geht es um Geld, um die finanzielle Anerkennung für die geleistete Arbeit.

Für Lohnerhöhungen können Erzieher aber bis zum Jahresende nicht streiken, weil der Tarifvertrag bis dahin noch gilt. Hintergrund ist die Umstellung im Jahr 2005 vom Bundesangestelltentarif auf den Tarif des Öffentlichen Dienstes. Wer danach eingestellt wurde, verdient mit gut 2000 Euro weniger Geld als die Kolleginnen. Die kommunalen Arbeitgeber sagten den Erzieherinnen zu, deren Gehaltsstufen zu überprüfen - doch seitdem hat sich nichts geändert.

Von einer Höhergruppierung keine Spur.