Klammer Konzern Krisengipfel soll Arcandor retten
Berlin - Es kommt Bewegung in die Rettungsbemühungen: Unternehmensführung, Gläubiger und die Interessenten an einer Übernahme der Kaufhauskette Karstadt wollen sich noch am Freitagnachmittag in Berlin im Wirtschaftsministerium treffen, um Hilfsmöglichkeiten zu erörtern. Zuvor hatte der ums Überleben kämpfende Konzern bei der Bundesregierung eine Rettungsbeihilfe in Höhe von 437 Millionen Euro beantragt.
Karstadt-Kundin: Arcandor drängt auf schnelle Hilfe
Foto: APDie Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums betonte, das Treffen sei wegen der Eilbedürftigkeit der Kredite kurzfristig angesetzt worden. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen droht Arcandor noch vor dem kommenden Freitag die Insolvenz, falls Staatsbürgschaften abgelehnt würden und sich keine alternativen Perspektiven ergäben.
Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick drängte am Freitag auf eine schnelle Genehmigung des neuen Antrags. "Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier haben uns in persönlichen Gesprächen die Hand gereicht und uns diese Lösung empfohlen", betonte der Manager. Der Konzern vertraue nun darauf, dass die Bundesregierung die von ihr vorgeschlagenen Lösung schnell entscheide und umsetze.
Brüssel wartet auf Anmeldung einer Staatshilfe
Der Kredit von der bundeseigenen KfW hätte eine Laufzeit von sechs Monaten und würde Arcandor zufolge für diesen Zeitraum die erforderliche Liquidität für den Geschäftsbetrieb sichern. Dies gäbe dem Konzern nach eigener Einschätzung auch Zeit, zusammen mit dem Konkurrenten Metro ein betriebswirtschaftlich sinnvolles Konzept für eine Fusion der Warenhaustöchter Karstadt und Kaufhof auszuhandeln. Nach den Regularien der Rettungsbeihilfe könnte dieser Kredit sehr kurzfristig genehmigt und auch ausgezahlt werden. Allerdings müssen solche Subventionen von der EU genehmigt werden und sind in der Regel mit sehr strengen Auflagen verbunden.
In Brüssel hieß es, die EU-Wettbewerbshüter würden noch auf die Anmeldung einer möglichen staatlichen Rettungsbeihilfe über 437 Millionen Euro warten, um diese wettbewerbsrechtlich zu überprüfen. "Bisher haben wir keine Anmeldung erhalten", sagte ein Kommissionssprecher am Freitag in Brüssel. Die Kommission sei in Kontakt mit den deutschen Behörden.
Auch Wirtschaftsminister Guttenberg hatte den Weg über einen kurzfristigen Kredit angeregt. Gleichwohl erwartet er laut seiner Sprecherin stärkere Beiträge der Arcandor-Eigentümer. Die Familie Schickedanz und die Privatbank Sal. Oppenheim halten zusammen etwa 60 Prozent an Arcandor.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuvor schon deutlich gemacht, dass vor allem eine privatwirtschaftliche Lösung wünschenswert sei. Die Eigentümer hätten aus Sicht der Kanzlerin Mittel und auch Möglichkeiten, um dem Unternehmen zu helfen, sagte Vizeregierungssprecher Thomas Steg. Es sei die feste Erwartung der Bundesregierung, dass die Eigentümer "mit einem substantiellen Beitrag" deutlich machen könnten, wenn sie an die Zukunft von Arcandor glaubten und von der Substanz und Werthaltigkeit überzeugt seien.
Politik fordert mehr Engagement der Eigentümer
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) erklärte, er sehe noch offene Fragen bei der beantragten Rettungsbeihilfe, über die so schnell wie möglich entschieden werden soll. Zu den Chancen einer Genehmigung wollte er sich nicht äußern. Auch Steinbrück betonte die Verantwortung der Eigentümer: Besonders wichtig sei, welche Beiträge die beiden großen Aktionärsgruppen des Konzerns zu dessen Rettung leisten werden. Gefragt werden müsse auch, welche unternehmerischen Konzepte dafür entwickelt werden könnten.
Nach einem Bericht des "Handelsblattes" ist die Lage des Essener Konzerns noch deutlich kritischer als bisher bekannt. Ein von den Wirtschaftsprüfern von PricewaterhouseCoopers (PwC) im Auftrag der Bundesregierung angefertigtes Gutachten bescheinige dem Unternehmen nur noch eine geringe Überlebensfähigkeit, berichtete die Zeitung.
Den Gutachtern sei von den Arcandor-Banken eine "Ein-Jahres-Ausfallwahrscheinlichkeit von 20 Prozent mitgeteilt" worden, berichtete das Blatt. Entsprechend hoch wäre im Falle einer Staatsbürgschaft die Gefahr, dass der Steuerzahler bereits in den ersten zwölf Monaten zur Kasse gebeten würde. Das Eigenkapital von Arcandor sei seit September vergangenen Jahres von rund 1,2 Milliarden Euro auf nur noch 177 Millionen Euro zusammengeschrumpft, berichtete die Zeitung unter Berufung auf das Gutachten.
Außerdem habe Arcandor unter dem Strich von Oktober bis März einen Verlust von 603 Millionen Euro gemacht, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Das Unternehmen wollte zu den Zahlen keine Angaben machen.
Allerdings gibt es auch andere Einschätzungen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG kommt laut Tageszeitung "Die Welt" zu dem Ergebnis, dass Arcandor zu retten ist. "Nach unserer Auffassung ist das uns vorgelegte Konzept schlüssig und nachvollziehbar. Das Unternehmen ist unter den im Konzept genannten Bedingungen sanierungsfähig", zitiert das Blatt aus dem Gutachten. Voraussetzung für eine dauerhafte Sanierung sei, dass das Unternehmen wie angekündigt die anstehende Finanzierung von 1,86 Milliarden Euro sicherstelle.