OPEC Klare Rechnung
Pünktlich zum Weihnachtsfest traten die Ölkönige aus dem Morgenland zur Bescherung an: Mit einem Veto gegen die Wünsche der Libyer, Iraker und anderer Petro-Preistreiber auf der Opec-Konferenz in Caracas am 20/21. Dezember ersparten die Herrscher der Erdöl-Großmächte Saudi-Arabien und Iran den Industrieländern und der Dritten Welt Milliarden an Mehrausgaben für Benzin und Heizöl.
Noch verheißungsvoller aber tönte es kurz vor dem Weihnachtsfest aus dem Hause Wall Street Nummer eins, dem Sitz der New Yorker Irving Trust Company. In der Dezember-Ausgabe des Informationsdienstes »The Economic View from One Wall Street« prophezeite Irving-Trust-Ökonom Arnold E. Safer, wegen eines anhaltenden Angebots-Überschusses auf dem Weltölmarkt werde die Organisation ölexportierender Länder den Ölpreis bis weit in die achtziger Jahre hinein nicht erhöhen können.
Mit dieser Prognose widerspricht Ölmarkt-Kenner Safer der in Opec-Zirkein, Ölkonzernen und unabhängigen Instituten herrschenden Knappheits-Lehre. Nach Meinung der meisten Experten nämlich ist die Preis-Disziplin, die das Opec-Kartell bei seinem vorweihnachtlichen Treffen in einem Badehotel nahe der venezolanischen Hauptstadt wahrte, nur auf eine vorübergehende, allenfalls bis Anfang der achtziger Jahre dauernde Ölflut zurückzuführen.
Spätestens ab 1985 aber werde die Opec-Kundschaft durch eine zunehmende Ölknappheit wieder, wie 1973/74, dem Preisdiktat des Ölkartells ausgeliefert sein.
Bei diesen Voraussagen gehen die Ölmarkt-Beobachter davon aus, daß die Ölnachfrage aufgrund einer verbesserten Weltkonjunktur und unzureichender Alternativ-Energien bald wieder weit schneller wachsen wird als um das müde eine Prozent, mit dem der Welt-Ölverbrauch in den Flautejahren seit 1973 stieg. Denn in dieser Zeit fast völliger Stagnation des globalen Ölverbrauchs genügte bereits das neue Öl aus der Nordsee und Alaska, um die Opec-Herren in Absatzschwierigkeiten zu bringen.
So sank die Produktion Kuweits von 108 Millionen Tonnen im Jahre 1976 auf rund 75 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Nur durch einen Rabatt von 10 Cent je Barrel (159 Liter) konnte das Öl-Emirat im September ein zu starkes Absinken seines Marktanteils verhindern.
Durch einen Preisschnitt von 50 Cent für seine stark schwefelhaltigen Ölprovenienzen versuchte auch Venezuela, sich seine Stammkunden zu erhalten. Libyer, Algerier und Nigerianer gerieten ebenfalls unter starken Preisdruck, weil ihr einst besonders begehrtes schwefelarmes Öl in unmittelbare Konkurrenz zum gleichfalls schwefelarmen Nordsee-Öl geriet.
Vollends zusammengebrochen wäre das nach Lage und Qualität des Öls ausgerichtete Opec-Preisgefüge, hätte Saudi-Arabien, der größte Produzent des Ölexporteur-Verbandes, das in der ersten Hälfte 1977 zeitweise erreichte Förder-Tempo von über zehn Millionen Barrel pro Tag auch in der zweiten Jahreshälfte gehalten.
Doch die Saudis, die mit dieser Förder-Ausweitung schon in der ersten Hälfte 1977 einen Ölpreis-Stopp hatten erzwingen wollen, nahmen ihre Produktion nach einem Mitte des Jahres erzielten Preis-Kompromiß mit den übrigen Opec-Mitgliedern auf 8,5 Millionen Barrel zurück.
Einen erneuten Preiskampf mit den Saudis, denen entgegen früheren Auseinandersetzungen innerhalb der Opec nun auch noch der Schah von Persien zur Seite stand. konnte sich die Opec-Majorität angesichts dieser Markt- und Macht-Konstellation nicht mehr leisten.
»Wenn zwei große Produzenten, Iran und Saudi-Arabien, ein Einfrieren (des Ölpreises) befürworten«, erkannte der indonesische Bergbau-Minister Mohammed Madli schon Wochen vor der Preis-Konferenz in Caracas, »dann ist die Rechnung sehr klar.«
Schon in wenigen Jahren aber, davon sind nicht nur auf weitere Preiserhöhungen erpichte Kartell-Scharfmacher, sondern auch gemäßigte Opec-Strategen wie Saudi-Arabiens Ölminister Jamani und westliche Ölexperten überzeugt, werde sich die Nachfrage so beschleunigen, daß Öl weltweit wieder zur Mangelware werde.
Diese Ölknappheit könne sich in den folgenden Jahrzehnten wegen schwindender Reserven nur noch verschärfen. Die Opec-Kundschaft werde daher bald wieder -- und dann für immer -- dem Preisdiktat des Ölkartells ausgeliefert sein.
»Wir sind die Lieferanten des Differenz-Rohöls« (zwischen Gesamtbedarf und Angebot von Nicht-Opec-ÖI), weiß Opec-Generalsekretär Ah Dschaida, »immer wenn die Industrieländer sich ihr Öl nicht woanders beschaffen können, kommen sie zu uns.«
Laut Irving-Trust-Analyse aber werden die Opec-Länder auf das erhoffte Gedränge öldurstiger Industrieländer noch sehr lange warten müssen. Denn »es gibt keinen Grund dafür«, so die Safer-Studie, »daß bei den gegenwärtigen Angebots- und Nachfrage-Trends eine größere Ölknappheit 1985 zu erwarten ist«.
Nach Safers Meinung deutet vielmehr die durch die Ölpreis-Explosion von 1973/74 ausgelöste Entwicklung darauf hin, daß die Schwemme auf den Welt-Ölmärkten mindestens bis Ende 1985 anhalten und auch danach keine Öl-Trockenheit einsetzen wird.
Durch den hohen Ölpreis angespornt, habe die Suche nach Ölquellen außerhalb des Opec-Bereichs so stark zugenommen, daß die Nicht-Opec-Förderung zumindest mittelfristig schneller steigen werde als der Bedarf in den Industrieländern. Vor allem in den Jahren 1981 und 1982 werde die Opec wegen steigender Förderung in der Nordsee, in Mexiko und Alaska sowie einer erneuten Weltrezession nur noch 24,8 bis 26 Milliarden Barrel Öl pro Tag produzieren können -- etwa ein Sechste weniger als heute.
Der Weltmarkt-Anteil der Opec, der 1973/74 noch über 65 Prozent betragen hatte, werde dann auf etwa 47 Prozent absacken. Bei so drastischen Produktions-Einschränkungen würden sich die Spannungen, die schon jetzt den Ölexport-Verein belasten, noch erheblich verschärfen.
Denn Saudi-Arabien, der einzige Opec-Produzent, der es sich finanziell leisten kann, die Förderung noch erheblich zurückzufahren, dürfte kaum bereit sein, im Interesse der Einheit des Kartells einen Großteil seiner Kapazitäten versanden zu lassen.
Optimistisch beurteilt Safer auch die langfristigen Versorgungs-Aussichten nach 1985. Denn nach den gegenwärtigen geologischen Kenntnissen werde durch neue Ölfunde in den nächsten Jahrzehnten ein ausreichend hohes Niveau verfügbarer Ölvorräte zu halten sein.
So übertrafen schon die in den vergangenen drei Jahren nachgewiesenen neuen Welt-Ölreserven den Bedarf um fünf Milliarden Barrel pro Jahr -- und schoben damit den Zeit-Horizont künftigen Ölverbrauchs von 31 auf 33 Jahre hinaus. Und der Umfang der nachgewiesenen Reserven, so Safer, werde noch immer durch Investitions-Kalkül der Ölkonzerne und nicht durch natürliche Grenzen abgesteckt.
»Irgendwann in der Zukunft wird Öl natürlich eine relativ knappere Ware als heute sein«, räumt Safer ein, »aber dieser Tag wird nicht so schnell kommen, wie viele glauben.«