Kleinanleger Vom ängstlichen Sparer zum Zocker
Frankfurt/Main - Der Höhenflug der Aktienkurse hat aus manch vorsichtigem Sparer inzwischen einen gierigen Börsenzocker gemacht. Daran wird auch die Schwächephase an den Aktienmärkten zu Beginn des Jahres nichts ändern.
Die Glücksritter kaufen Aktien von Unternehmen, die sie gar nicht kennen. Sie verfolgen gebannt die Börsensendungen im Fernsehen und rennen dann blind den Aktienempfehlungen der Börsen-Gurus nach. Aktien, Optionen, Futures - wie das Papier heißt und was dahinter steckt, spielt kaum eine Rolle. Hauptsache es fließt Bares, und das schnell. Selbst die Hypothek auf das eigene Haus wird schon mal gesetzt.
"Das ist wie mit Turnschuhen im Hochgebirge umher zu kraxeln", warnt daher Aktionärsschützer Dieter Kauffmann. Der Vorsitzende der Schutzvereinigung der Kleinaktionäre (SdK) beklagt, dass manche Nachwuchsaktionäre zu blauäugig ihr finanzielles Heil suchen. "Die Leute kaufen einen Staubsauger für 200 Mark und besorgen sich vorher Testhefte. Wenn aber einer für mehrere tausend Mark Aktien zeichnet, macht er das oft blind", rügt auch Uwe Wulf von der DG Bank.
Spekulieren ist schick wie nie zuvor. Während Börsenprofis noch vor Jahren mit Argwohn bedacht wurden, sind sie heute gefragte Gäste in Fernsehsendungen. Sie empfehlen Aktien von Firmen, deren Namen kaum einer je gehört hat. Und sie finden dankbare Zuhörer: Die Kurse der angepriesenen Papiere schießen am nächsten Handelstag mit schöner Regelmäßigkeit durch die Decke.
Börsentipps gibt es in Hülle und Fülle aber auch per Internet und Telefon. Der Fernsehsender n-tv räumt auf seinen Videotext-Seiten reichlich Werberaum für 0190-Hotlines ein. Mit Einblendungen wie "Achtung: Neuer 15.000-Prozent-Kracher", "Kurs-Rakete gezündet" oder "Panik am Neuen Markt, was tun?" sollen Anleger geködert werden. Für meist 3,63 Mark pro Minute gibt es dann nicht das sonst unter 0190-Nummern bekannte Sex-Gestöhne, sondern den angeblich ultimativen Tipp selbst ernannter Börsenexperten.
"Das ist der reinste Wahnsinn, was momentan passiert", sagt Wulf. Direktbanken preisen verstärkt den Aktienkauf per Internet an, am besten gleich vom Arbeitsplatz oder dem heimischen Wohnzimmer aus. Die Werbung einer Direktbank beschreibt das neue Credo deutlich: "Du musst gnadenlos sein. Friss oder stirb. Kaufen, verkaufen, Bingo. Handeln bis das Adrenalin auf der höchsten Stufe ..."
Diese Maxime scheinen auch zahlreiche Aktionäre des finanziell schwer angeschlagenen Frankfurter Bauriesen Philipp Holzmann schon verinnerlicht zu haben. Während die Holzmänner nämlich noch immer um ihren Job und den Fortbestand des Unternehmens zittern, ist die Holzmann-Aktie an der Börse zu einem begehrten Zocker-Papier verkommen. Nach einem fulminanten Kurssturz von mehr als 80 Prozent kurz nach der Beinahepleite ist die Nachfrage wieder beträchtlich. Tagesumsätze in Millionenhöhe sind keine Seltenheit - immer in der Hoffnung auf schnellen Profit.
Olaf Zapke