COMPUTER Kleiner Kunstgriff
Auf dem Bildschirm seines Computers in München-Waldtrudering hatte Harald Richter eine übernatürliche Erscheinung. Über den Monitor seines Kleinrechners der Marke Compucorp flimmerten Daten, die es - wäre alles mit rechten Dingen zugegangen - längst nicht mehr geben durfte.
Der Verleger eines kleinen Anzeigenblatts, des »Münchner Schaukasterl«, erblickte Sachen, die ihn wahrlich nichts angingen: die Buchhaltungsdaten seines Computer-Lieferanten, des Münchner Büro-Einrichtungshauses Schulz. Die Zahlen kamen aus dem externen Daten-Speicher des Computers, einer sogenannten Festplatte. Dort aber waren sie, so zeigte es jedenfalls das Computer-Programm an, gar nicht vorhanden.
Die Erklärung für das Phänomen war einfach. Computer-Kunde Richter hatte seine Anlage wegen eines Defekts der Lieferfirma zur Reparatur zurückgegeben. Die Techniker von Schulz hatten zu Testzwecken die Buchhaltungsdatei ihrer Firma auf die Festplatten überspielt - und vor der Rückgabe, so meinten sie jedenfalls, auch wieder gelöscht.
Doch dem war nicht so. Wie bei fast allen gängigen Programmen für Mikro-Computer bedeutet auch bei dem Gerät des Verlegers Richter das Kommando »Löschen« keineswegs, daß die Aufzeichnungen der Datenträger auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Nur der Eintrag im Inhaltsverzeichnis des Speichermediums wird gestrichen. Damit ist normalerweise der Zugriff auf die Daten gesperrt. Die Daten selber bleiben so lange erhalten, bis sie von neuen Eingaben überspielt werden.
Die Reparatur am Rechner des »Schaukasterl«-Verlegers war aber nicht recht gelungen. Und so hatte er freie Einsicht in die eigentlich gelöschte Datei.
Die Zufallsentdeckung ließ Richter keine
Ruhe. Der Computer-Autodidakt probierte so lange an einem Programm herum, bis er die wundersame Auferstehung der toten Daten an beliebigen Dateien vollführen konnte. Mit einem kleinen Kunstgriff und einem etwas ausgefallenen Computer-Befehl überlistet das Programm die Zugriffssperre bei gelöschten Inhaltsverzeichnissen.
Für Computer-Profis sind solche Tricks längst kein Geheimnis mehr. In den USA gibt es schon Programme im Handel, die - wie »Norton Utilities« - solchen Hacker-Service routinemäßig bieten. Selbst auf Großrechnern lassen sich nach demselben Prinzip gelöschte Daten wieder hervorzaubern.
Mitunter tun die Trickser durchaus ein gutes Werk. Immer wieder mal löscht ein Anwender versehentlich Daten, die er noch braucht. Dann sind die Hacker-Künste gern gelitten. Doch genauso können Datenklauer den Trick nutzen.
Solange die elektronische Datenverarbeitung auf einen exklusiven Zirkel beschränkt war, der mit den zentralen Großrechnern arbeitete, waren die nur scheinbar gelöschten Datenbestände kaum ein Sicherheitsproblem. Inzwischen allerdings gibt es in der Bundesrepublik rund zwei Millionen Kleinrechner, modisch Personal-Computer genannt, bei Freiberuflern, in den Sekretariaten, in Handwerksbetrieben. Die Benutzer sind meist Computer-Laien, die vom tückischen Innenleben ihrer Geräte keine Ahnung haben. Für interessierte Kenner wird es so immer leichter, an Daten heranzukommen, die nicht für sie bestimmt sind.
Horst Abel, Mitarbeiter des bayrischen Datenschutzbeauftragten, weiß nur den Rat: »Man muß die Benutzer aufklären.« Der von dem rechtschaffenen Hacker Richter alarmierte Experte befand, das Trick-Programm sei durchaus ernst zu nehmen. Wer mit seinem Personal-Computer brisante Informationen verarbeite, sollte zum Beispiel Spezialprogramme verwenden, die das Datenmaterial verschlüsseln. Freilich gilt auch da die alte Hacker-Weisheit: Jeder Kode ist knackbar.
Manche Software-Firmen bieten besondere Lösch-Programme ("Dummy-Dateien") an, mit denen nicht nur das Inhaltsverzeichnis gestrichen wird, sondern auch die dazugehörigen Daten gelöscht werden.
Ganz aus der Welt sind die Daten selbst dann noch nicht. Es bleibt nämlich immer noch eine Restmagnetisierung auf dem Datenträger. Besonders bei den stationär eingebauten Festplatten, aber auch bei den auswechselbaren Magnet-Scheiben ("Floppy Disc") werden die Daten wie beim Tonband auf Spuren aufgezeichnet. Da kann beim Überspielen die neue Spur leicht etwas danebenliegen. Mit ein wenig Geschick lassen sich die Reste der alten durchaus wieder hervorholen.
Geheimdienste oder Wirtschaftsspione könnten sich dieser Mühe schon unterziehen. Ein Ausschuß des Deutschen Instituts für Normung (DIN) brütet deswegen darüber, ob mit verschäften Vorschriften für die Lösch-Technik die Daten wirklich unwiederbringlich ins Jenseits befördert werden könnten.
Noch scheint die Kunst, selbst physikalisch gelöschte Daten wieder zum Leben zu erwecken, nicht sehr verbreitet zu sein, hofft Schmidt. Doch er fürchtet, daß der Trick »gar nicht mehr so lange exotisch bleibt«.