Klimakrise Vom Big Apple zum Green Apple
Neugierig blieben die Touristen stehen. Einige zückten die Kamera, andere zeigten murmelnd mit dem Finger. Ein paar applaudierten verhalten, ohne recht zu wissen, wofür und weshalb. Nur die Radfahrer, Jogger und Inline-Skater, die zogen ungerührt vorbei.
Die graumelierten Herren in ihren feinen, dunklen Anzügen wirkten in der Tat etwas deplatziert, hier im Central Park. Sie stellten sich vor den Kameras zum Gruppenbild auf. Sie grinsten verhalten und winkten ins Grüne. Sie sahen aus wie domestizierte Haustiere, die plötzlich in freier Wildbahn ausgesetzt wurden, unsicher, was nun zu tun sei. Eichhörnchen hüpften frech bis an ihre Hosenaufschläge.
Inmitten tagelanger Sitzungen in fensterlosen Konferenzsälen war dieser Fototermin am Südrand des Central Parks, der grünen Lunge Manhattans, ein willkommener und zugleich auch etwas konsternierender Ausflug in die Natur. Dabei war es doch gerade diese Natur, deretwegen die Bürgermeister der weltgrößten Städte nach New York gekommen waren.
Vier Tage lang trafen sich Delegationen aus 46 Metropolen und sechs Kontinenten zum Klimagipfel in Manhattan. Darunter Londons Bürgermeister Ken Livingstone, seine Kollegen aus Kopenhagen, Mexico City, Mumbai, Sao Paulo, Seoul, Sydney und Tokio sowie Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Es war eine seltene Zurschaustellung globaler Solidarität in einer Frage, der es oft an Solidarität mangelt. Ziel: Gemeinsam Wege finden, die Klimakatastrophe aufzuhalten.
Mehr Bäume für Manhattan
Sie diskutierten Mautzonen wie in London und dass man "trotzdem Wahlen überleben kann", wie Livingstone amüsiert referierte. Sie guckten sich Projekte zur Wassereinsparung an, etwa ein Rohrerneuerungs-Programm, das Tokios Gouverneur Shintaro Ishihara vorstellte. Sie ließen sich von Top-Managern wie James Murdoch - Sohn von Rupert Murdoch und CEO von dessen Satellitenfernsehen BskyB - erklären, was die Wirtschaft beitragen kann. "Die meisten Leute sehen ein, dass wir unsere Lebensweise ändern müssen", sagte Sydneys Bürgermeister Clover Moore. "Wir müssen unseren ökologischen Fußabdruck verkleinern."
Der Gipfel war eine Kampfansage, Motto: Wir nehmen selbst in Angriff, was die ganz hohe Politik verschläft. "Die Klimakrise ist real", sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. "Wir können uns nicht länger zurücklehnen und abwarten, dass die staatlichen Regierungen die Führung übernehmen. Städte können viel bewirken."
Erstaunliche Worte in einem Land, das kaum als Öko-Vorreiter gilt, in einer Stadt, der das Image einer verpesteten Betonwüste anhängt. Doch dieses Vorurteil versuchte Bloomberg sofort auszuräumen. Er ließ seine Gäste mit umweltschonenden Wassertaxis durch den Hafen schippern. Er zeigte ihnen das "Solaire", einen Öko-Wohnblock in Tribeca. Er bewirtete sie im nagelneuen Hearst Tower, New Yorks umweltfreundlichstem Wolkenkratzer aus Recycling-Stahl. Selbst das Empire State Building erstrahlte nachts in der Farbe grün.
Der republikanische Al Gore
Doch Bloomberg hatte noch mehr in petto: seine eigene, ehrgeizige Initiative zur Rettung der Erde. Bis 2030 will er New York in die grünste Stadt Amerikas verwandeln. Bis dahin sollen die Emissionen der City um 30 Prozent reduziert werden, zum Beispiel durch bessere Brennstoffe, neue Kraftwerke, mehr Bäume und eine Maut für Manhattan nach Londoner Vorbild. Insgesamt beinhaltet Bloombergs Plan 127 Einzelinitiativen. "Dies ist unsere Blaupause - oder Grünpause -", kalauerte er, "um den Big Apple wirklich zum Green Apple zu machen."
Er klinge "wie ein republikanischer Al Gore", fand eine Reporterin bei der Pressekonferenz im Central Park. "Al Gore verdient viel Anerkennung", grinste Bloomberg, Fragen nach seinen Präsidentschafts-Ambitionen wie immer ausweichend. Selbst die Frage, warum zur Begrüßung der Umwelt-Bürgermeister im Park tagsüber die Laternen brannten, ließ ihn kalt: "Ich habe nicht die geringste Ahnung." Die Laternen brannten, so stellte sich heraus, weil der Stromkreis für die Mikrofone gebraucht wurde. Auch Öko-Propaganda frisst Energie.
Zehn Koffer aus Berlin
Nur einer stahl Bloomberg die Schau: Bill Clinton. Der Ex-Präsident und Weltenretter sorgte wie immer für das meiste Aufsehen - und sicherte sich die einzige Schlagzeile des Gipfels. Er verkündete ein Darlehen über fünf Milliarden Dollar an 16 Weltstädte (auch Berlin), um deren Baumasse energiesparender zu machen. Der Langzeitkredit kommt von fünf Banken: Citigroup, UBS, Deutsche Bank, ABN Amro und JPMorgan Chase. "Klimawandel ist ein globales Problem, das kommunales Handeln verlangt", sagte Clinton, überparteilich flankiert von Bloomberg und Livingstone.
Wowereit ließ es sich derweil nicht nehmen, bei der Gelegenheit auch kräftig für seine Heimat die Trommel zu rühren. Er rief in New York den "Berlin-Tag" aus. Will heißen: Er nahm an einer Präsentation des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands für Reiseveranstalter teil, machte einen Rundgang durchs Museum of Modern Art (MoMA), das in seinem berühmten Laden Berliner Design-Produkte einführt, und eröffnete in einer Galerie in Soho eine Show namens "Koffer aus Berlin".
Dazu versammelte sich im 22. Stock des AT&T-Hochhauses gestern nachmittag eine kleine Hundertschaft deutscher Künstler, Designer und Reporter, bei Berliner Bier, Sekt und Kokosnusswasser. In den Räumen waren zehn Alukoffer ausgestellt, deren Inhalte von Berlinern gestaltet waren, um zu zeigen, "dass Design aus Berlin unglaubliche Kraft hat", wie Organisator Sebastian Peichl schwärmte.
Wowereit im Rush-Hour-Stau
Das Architektenteam Graf steckte ein Modell ihrer "Wolke", der Kunsthalle für den Schlossplatz, in ihren Koffer. Werner Aisslinger - der als einziger Deutsche ein Exponat im MoMA hat, einen Stuhl aus Polyurethanschaum - zierte seinen Koffer mit einer Art Blasebalg aus Goldlamee, gefüllt mit "Berliner Luft". Das Design-Duo Alexander Barré und Torsten Heine füllte den Koffer mit Berlin-Souvenirs (Zeha-Turnschuhe, Berliner Pilsener, Currywurst aus Pappmaché, ein Bademantel aus dem Adlon).
Mit Umweltschutz hatte das alles natürlich nichts mehr zu tun. Und doch verfolgte das Thema Wowereit bis zum Schluss. Erst war er nämlich mit einem pedalgetriebenen City Cruiser durch Manhattan gerauscht, dann aber aufs Auto umgestiegen - und prompt im Rush-Hour-Stau steckengeblieben. Seine ursprüngliche Meinung zu Londons Kfz-Maut - "dafür würden sie mich in Berlin umbringen" - änderte er daraufhin. Sein New-York-Abenteuer habe ihn belehrt: "Jetzt weiß ich, warum man das braucht."