Klinikärzte im Dauerstreik: "Eine Katastrophe für die Patienten" - DER SPIEGEL
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Klinikärzte im Dauerstreik "Eine Katastrophe für die Patienten"

Spitzengespräch geplatzt, Fronten verhärtet - ab Montag treten Klinikärzte in ganz Deutschland in den Dauerstreik. Die Krankenhäuser schlagen Alarm: Die Einnahmeausfälle gehen in die Millionen, Patienten leiden, weil Operationen verschoben werden. Die Notfallversorgung soll aber gewährleistet sein.
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Hamburg - Immer wieder ist der Satz in den vergangenen Wochen bemüht worden und auch heute wieder wird er jeder Streikankündigung beschwichtigend hinterhergeschickt: "Die Notfallversorgung ist gewährleistet." Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund beteuert mit jedem neuen Tag, an dem die Ärzte an den deutschen Universitätskliniken für mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, dass keine Gefahr für Leib und Leben der Patienten besteht.

Doch die Definition, was ein Notfall ist und was nicht, dürfte mit Beginn der kommenden Woche deutlich enger gefasst werden. Die deutschen Universitätskliniken stehen vor flächendeckenden Dauerstreiks, an 35 Häusern sollen die Ärzte von Montag an in den Ausstand treten. Die Versorgungssituation in den Krankenhäusern wird sich damit nach den bislang meist tageweisen Arbeitsniederlegungen noch einmal dramatisch verschärfen.

Am frühen Morgen waren die Tarifverhandlungen für die 22.000 Ärzte erneut gescheitert, die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) hatten das Spitzengespräch ergebnislos abgebrochen. Nach Angaben des TdL-Vorsitzenden Hartmut Möllring (CDU) waren die Länder bereit, bis zu 16 Prozent mehr Tariflohn zu zahlen. Bei einem Assistenzarzt wären das 510 Euro im ersten Jahr und 750 Euro im dritten Jahr pro Monat mehr, sagte er. Doch Frank Ulrich Montgomery lehnte wütend ab: Berücksichtige man eine Arbeitszeit von 42 Stunden und den Wegfall des Weihnachtsgeldes betrüge die Nettolohnsteigerung lediglich 1,1 Prozent, rechnete der MB-Chef vor.

Hohe psychische Belastung bei Tumorpatienten

Die verfahrene Lage zehrt an den Nerven. "Es ist deprimierend", sagt der Leitende Ärztliche Direktor der Uni-Klinik Heidelberg, Eike Martin. "Man muss sich wirklich ernsthaft fragen, wie da verhandelt wird." Das Heidelberger Klinikum hat bereits 16 Streiktage hinter sich, hier war schon in dieser Woche ein großer Teil der etwa tausend Ärzte durchgehend im Ausstand. Jetzt ist laut Martin innerhalb der Ärzteschaft sogar noch eine Verschärfung des Arbeitskampfes in der Diskussion.

Derzeit fallen 30 Prozent der Operationen in Heidelberg aus. "Gerade bei Tumorpatienten sind die psychischen Belastungen enorm, wenn ein Eingriff verschoben wird", weiß Martin. Selbst wenn aus medizinischer Sicht ein weiterer Aufschub möglich sei, wolle man daher nun möglichst gewährleisten, dass bereits einmal abgesagte Tumor-OPs nicht noch einmal verlegt würden, sagt der Klinik-Leiter.

Auch an der Düsseldorfer Uni-Klinik bereiten vor allem die Tumorpatienten Sorge. Hier wird im Einzelfall entschieden, ob der Eingriff aufgeschoben werden kann. "Das ist für die Patienten sehr belastend und eigentlich nicht zu verantworten", sagt Klinik-Sprecherin Susanne Doppheide.  "Auch psychische Belastung kann ein Notfall sein", stellt der Leitende Ärztliche Direktor der Uni-Klinik Freiburg, Matthias Brandis, klar.

In diesem Fall wollen die Ärzte auch unter Streikbedingungen handeln. Oberarzt Christian Benninger von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Heidelberg weist zwar darauf hin, dass ein Tumor meist erst dann als Notfall gelte, wenn von ihm akute Gefahr ausgeht. Liege aber etwa ein Anfangsverdacht auf Brustkrebs vor, und die Patientin leide unter übergroßen Ängsten, nehme der Arzt womöglich trotzdem ein Brustkrebsscreening vor, um einen "psychischen Notfall" zu behandeln - obwohl es aus rein medizinischer Sicht später erfolgen könnte. Die Zumutbarkeiten für den Patienten würden mit der Verschärfung des Streiks steigen, keinesfalls aber die Gefährdung, betont Benninger. An der Heidelberger Uniklinik werde derzeit darüber diskutiert, eine Art Ethikkomission einzurichten, die in Zweifelsfällen entscheiden soll, ob behandelt wird. Damit sollen Risiken minimiert und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden.

In Freiburg und Düsseldorf fallen derzeit rund die Hälfte aller Operationen aus. Während die Klinikleitung in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt mit den streikenden Ärzten eine Notvereinbarung getroffen hat, nach der die Intensivstation, die Kinderklinik, der Kreißsaal, die Notaufnahme und die Dialysestation vom Ausstand ausgeschlossen sind, sind in Freiburg inzwischen fast alle Bereiche betroffen. "Wir fürchten eine Beeinträchtigung der Qualität insgesamt", klagt Klinik-Direktor Brandis. Wenn die Notbesetzung der Ärzte täglich wechsle, leide auch die Zuverlässigkeit. War das Verständnis der Patienten anfangs noch groß, erreichten ihn inzwischen täglich Beschwerde-Briefe und -E-Mails.

Verluste sind nicht aufzuholen

In Mainz spricht der Ärztliche Direktor des Uni-Klinikums, Peter Galle, von einer neuen Qualität im negativen Sinne: "Bisher konnten ausgefallene Eingriffe und Untersuchungen teilweise noch in der Woche aufgearbeitet werden. Das wird nun nicht mehr in dem Maße möglich sein." Er mahnt: "Wir sind sehr besorgt, aber auch massiv enttäuscht und appellieren dringend an die Politik, zu einer Einigung im Tarifkonflikt zu kommen - für die Patienten ist das bisherige Scheitern der Verhandlungen eine Katastrophe."

Auch finanziell belastet der Streik die Kliniken. Auf 150.000 bis 200.000 Euro pro Streiktag beziffert die Düsseldorfer Klinikleitung den Ausfall. In Heidelberg verliert die Uni-Klinik nach Schätzungen des Vorstands sogar bis zu einer halben Million Euro täglich. Nach 16 Streiktagen summiert sich der Verlust damit bis heute auf acht Millionen Euro. Der Mainzer Uni-Klinik hat der vor fast zwei Monaten begonnene Arbeitskampf nach eigener Darstellung bereits Erlösausfälle von rund 3,6 Millionen Euro beschert. Und auch Freiburgs Klinik-Vorstand spricht von Millionenverlusten. "Die sind nicht mehr aufzuholen", sagt Direktor Brandis.

Die Folgen des Streiks werden die Kliniken auch aus einem anderen Grund noch lange nach dessen Ende spüren. Patienten mit leichteren Erkrankungen haben zwischenzeitlich andere Krankenhäuser aufgesucht. Ob sie wiederkommen, ist ungewiss. "Wir verlieren das Vertrauen der Menschen", befürchtet Freiburgs Klinik-Leiter Brandis. Nach Ablauf der ersten vollen Streikwoche wollen die Ärzte am kommenden Freitag darüber beraten, ob sie aus Rücksicht auf die Patienten eine Streikpause einlegen oder den uneingeschränkten Ausstand fortführen.

mit AFP/dpa