Computerindustrie Knallharte Methoden
In einem Punkt waren sich die Rechtsanwälte der verfeindeten Firmen von Anfang an einig: In spätestens acht Wochen, so ihre Prognose, sei der Prozeß beendet.
Die hochbezahlten Juristen hatten sich gründlich geirrt. Gut drei Jahre brauchte das Schiedsgericht im kalifornischen Palo Alto, um die Klage des amerikanischen Chip-Herstellers Advanced Micro Devices (AMD) gegen seinen Konkurrenten Intel zu entscheiden. Erst nach insgesamt 313 Verhandlungstagen verkündete der vom Gericht eingesetzte Schlichter Barton Phelps, gestützt auf 42 000 Seiten Papier und die Aussagen von 61 Zeugen, sein Urteil.
Der Elektronikriese Intel (knapp vier Milliarden Dollar Umsatz) hat nach Ansicht des Schlichters den 1982 mit AMD geschlossenen Kooperationsvertrag vorsätzlich verletzt und mit schäbigen Tricks versucht, seine Marktposition zu verbessern. AMD stehe ein Schadensersatz zu. Über dessen Einzelheiten wird eine zweite Prozeßrunde entscheiden, die zur Zeit in Palo Alto läuft. AMD-Chef Jerry Sanders will 600 Millionen Dollar einklagen.
Der jahrelange Streit zwischen den einst befreundeten Elektronik-Unternehmen aus dem Silicon Valley ist nach Ansicht von Richter Phelps ein »klassisches Beispiel für einen Bruch der Gesetze von Treu und Glauben«.
Er ist mehr als das. Der Mammutprozeß wirft vor allem ein grelles Schlaglicht auf die knallharten Methoden, mit denen in der Computerbranche um die weltweite Führung auf einem Milliarden-Markt gekämpft wird.
Der Konkurrenzkampf ist um so härter geworden, seit die High-Tech-Giganten aus Japan in das Geschäft mit der Mikroelektronik eingestiegen sind. Sieben der zehn größten Halbleiter-Produzenten der Welt sitzen heute in Japan.
Die Vorherrschaft der Japaner, angeführt von der Nippon Electric Company (NEC), gründet vor allem auf ihre Stärke bei den massenhaft benötigten Speicher-Chips, im Techniker-Jargon D-Rams genannt. Bei den komplexer aufgebauten Chips für spezielle Anwendungsbereiche, den sogenannten Mikroprozessoren, konnten die US-Konzerne Motorola und Intel dagegen ihre führende Position bislang noch verteidigen.
Der Grund: Von Intel und Motorola beziehen die meisten Computerhersteller die Zentralprozessoren (CPU) für ihre Rechner. Von Intel entwickelte Prozessoren bilden das Herzstück jedes Personalcomputers (PC); Motorola-Chips steuern Rechner von Apple, Atari und Commodore sowie viele Computer für den wissenschaftlichen Einsatz.
Den steilen Aufstieg zu einem der führenden Halbleiterhersteller der Welt verdankt Intel einer Entscheidung des Giganten IBM.
»Big Blue«, wie IBM unter Insidern gern genannt wird, war Anfang der Achtziger vom plötzlichen Siegeszug der Personalcomputer überrascht worden. Um das rasch wachsende Geschäft nicht dem auftrumpfenden Branchenneuling Apple zu überlassen, machten sich die IBM-Ingenieure in aller Eile daran, einen eigenen PC zu entwickeln.
Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, verzichteten die IBM-Techniker, anders als sonst in ihrem Konzern üblich, auf die Entwicklung einer eigenen CPU. Es sollten Mikroprozessoren eingesetzt werden, die sofort in großer Stückzahl verfügbar waren. Im Gespräch waren die Intel-Chips 8086 und 8088 sowie der Motorola-Typ 68000.
Die Wahl fiel auf die Firma Intel, die 1968 unter anderem von Robert Noyce, dem Erfinder des Mikrochips, gegründet worden war und der heute Andrew Grove vorsteht. Um nicht allein von einem Hersteller abhängig zu sein, drängte IBM die Intel-Manager, einen Zweitlieferungs-Vertrag mit einem weiteren Chip-Fabrikanten abzuschließen - ein in der Branche durchaus übliches Verfahren.
Die Intel-Manager entschieden sich für die im nahegelegenen Sunnyvale residierende Firma Advanced Micro Devices, die einen guten Namen als kleiner, aber feiner Hersteller von Spezialchips hatte. Die Verstrickung der beiden Firmen, die schließlich in eine Prozeß-Orgie übergehen sollte, nahm ihren Lauf.
AMD-Chef Sanders zögerte zunächst. Er hatte früher schon einmal für Intel produziert und dabei schlechte Erfahrungen gemacht. Zudem hatte Sanders gerade mit dem Konkurrenten Zilog eine Zusammenarbeit vereinbart, deren Ziel ein dem Intel-Chip 8086 weitaus überlegener Mikroprozessor war.
Angesichts des zu erwartenden Großauftrags von IBM schob Sanders seine Bedenken beseite. Nach langen Verhandlungen schlossen AMD und Intel im Februar 1982 den heute so umstrittenen Kooperationsvertrag. Beide Firmen vereinbarten darin, in den folgenden zehn Jahren ihre Forschungsarbeiten zu koordinieren, das Produktionswissen auszutauschen und gemeinsam neue Chiptypen zu entwickeln.
Um den Technologie-Transfer bewerten zu können, entwickelten die Partner ein kompliziertes Punktesystem, mit dem die gegenseitigen Lieferungen verrechnet werden sollten. Je stärker in einem Mikrochip beispielsweise die elektrischen Schaltungen auf kleinstem Raum verdichtet waren, desto mehr Complexity Factor Points (CF-Punkte) bekam er. Um rasch die von IBM verlangten Stückzahlen des 8086 zu erreichen, sollte AMD aber den Intel-Chip zunächst gegen Zahlung von Lizenzgebühren nachbauen.
Doch die Kooperation war von Anfang an belastet durch Argwohn auf seiten der Intel-Ingenieure. »Sie dachten immer nur das Schlechteste von AMD«, ermittelte Richter Phelps.
AMD bot an die hundert Produkte an, darunter auch einen Spezialchip für Telefax-Geräte. Doch die Intel-Techniker zeigten an den AMD-Entwicklungen kein Interesse. So war es Sanders zunächst unmöglich, die begehrten CF-Punkte und damit einen kostenfreien Technologie-Transfer zu erreichen.
Um den Juniorpartner nicht ganz zu verprellen, wurde der Kooperationsvertrag Anfang 1984 ergänzt. Intel sagte nun die Übernahme verschiedener noch in der Entwicklung befindlicher AMD-Chips fest zu.
Doch es blieb bei der Ankündigung. Schon wenige Monate später traf der Intel-Vorstand in aller Stille die »grundlegende Entscheidung, die Verträge zu unterlaufen« (Phelps) und die Abnahmeverpflichtungen zu boykottieren.
Für Intel machte der heimliche Vertragsbruch doppelt Sinn: Solange AMD keine CF-Punkte bekam, mußte Sanders weiterhin Lizenzgebühren für den Chip-Nachbau zahlen; gleichzeitig wurde AMD daran gehindert, die Kooperation mit einem Japan-Riesen wie NEC oder Fujitsu zu suchen. Mit diesen Verbündeten wäre AMD zu einem harten Konkurrenten für Intel geworden.
Zunächst bemerkten die AMD-Manager nichts von der Doppelzüngigkeit ihrer Partner. Doch dann kam es immer häufiger zu Merkwürdigkeiten, die den bösen Verdacht bestärkten, von Intel hintergangen zu werden.
So hatte sich Intel im Zusatzvertrag von 1984 verpflichtet, die Konstruktionspläne für den gerade fertiggestellten Chip-Typ 80286, den Nachfolger des 8086, »unmittelbar, vollständig und klar« an AMD weiterzureichen. Diese Zusage galt auch für die Verbesserungen und Korrekturen, die stets notwendig werden. Für jeden verkauften 80286-Chip sollte AMD eine Lizenzgebühr von 25 Dollar zahlen.
Anfang 1986 schickte Intel die Blaupausen und das Datenband für den 80286 Version E. Lange brüteten die AMD-Ingenieure über den Plänen, ehe sie erkannten, daß Intel sie reinlegen wollte. Die Pläne waren »unvollständig, unleserlich und unbrauchbar« (Phelps).
Offensichtlich, bemerkt der Richter in seinem Urteil, »versuchte der Intel-Vorstand« mit allen möglichen Tricks, »den Fortschritt bei AMD zu bremsen«. Erst mit der gewaltigen Verspätung von neun Monaten trafen die vollständigen Unterlagen in Sunnyvale ein.
Ähnliche Verzögerungen hatte es bei den Plänen für Chips der Baureihe 8087 gegeben. Schon damals, urteilt Phelps, »versuchte Intel, seine ökonomische Macht einzusetzen, um den kleineren Partner an die Wand zu drücken«.
Ein absurd anmutender Streit um die beste Herstellungsprozedur hatte ebenfalls das Ziel, den Partner auszubooten.
Zwar war die Prozeß-Technologie, das Kochbuch der Chip-Ingenieure, offiziell nicht Bestandteil des Abkommens. Dennoch gab es Gespräche über dieses bestgehütete Geheimnis der Chiphersteller, da in beiden Fabriken unterschiedliche Prozeduren angewendet wurden. So bevorzugte AMD zu Anfang der Partnerschaft ein Verfahren, das die Techniker P-Well nennen; Intel schwor auf eine N-Well genannte Methode.
Um den Technologie-Austausch zu erleichtern, drängte Intel den Partner, ebenfalls in N-Well zu produzieren. Als AMD dem Wunsch nachgegeben hatte, schwenkte Intel plötzlich auf P-Well um. AMD mußte abermals umschwenken.
Die Intel-Manager gaben vor Gericht unumwunden zu, sie hätten versucht, »AMD im Kreis laufen zu lassen«.
Trotz zahlreicher weiterer »schäbiger Einzelheiten« (Phelps), die das Gericht nur hinter verschlossenen Türen behandelte, hielt AMD zunächst unverdrossen an dem Vertrag fest. Erst als sich abzeichnete, daß Intel eine Lizenz zum Nachbau des 80286-Nachfolgers, des damals als Wunder-Chip gehandelten Prozessors 80386, verweigern würde, reichte AMD im April 1987 die Klage ein.
Der neue Chip gab dem Geschäft einen gewaltigen Schub. Von 1985 bis 1990 hat sich der Intel-Umsatz etwa verdreifacht, während AMD im gleichen Zeitraum nur ein mageres Plus von 40 Prozent registrierte. Da Intel sein Herstellungs-Monopol für den 80386 bis heute nicht aufgegeben hat und kaum die enorme Nachfrage befriedigen kann, schossen die Preise in die Höhe.
Gleichzeitig kletterten die Intel-Gewinne: Während AMD 1990 in die roten Zahlen rutschte, springt bei Intel der Gewinn um rund 60 Prozent auf mehr als 600 Millionen Dollar.
Sanders wollte nicht völlig den Anschluß verlieren und wies seine Ingenieure an, einen Chip zu entwickeln, der mit dem Intel-Bestseller voll kompatibel ist. Das ist inzwischen auch gelungen.
Der unter dem Codenamen »Longhorn« entwickelte Chip wurde bereits von 20 Computerherstellern heimlich getestet und für gut befunden. Ende vorigen Jahres wollte Sanders den Chip zum Verkauf freigeben und mit einem Überraschungsangriff das Intel-Monopol knacken.
Doch dann passierte ein dummes Mißgeschick: Der Plan wurde vorzeitig bekannt, als ein Intel-Angestellter in einem Hotel versehentlich ein Päckchen erhielt. Es war für einen AMD-Manager gleichen Namens bestimmt, der zufällig im selben Hotel logierte. Das Päckchen enthielt die AMD-Pläne für den »Longhorn«.
Intel reagierte sofort mit dem Antrag auf eine Einstweilige Verfügung; das Monopol sollte so lange wie möglich erhalten bleiben. Doch das Gericht lehnte den Antrag ab - AMD darf »Longhorn« unter der Typenbezeichnung 386 ausliefern.
Prompt legte Intel nach und strengte eine neue Klage an. Die interne Software des »Longhorn«, behauptete der Monopolist nun, verletze Intels Urheberrechte.