WÄHRUNG Köter tot
Karl Schiller war ungehalten. In der »Sala Rosa« des römischen Palazzo Corsini, wo sich die Finanzminister und Notenbankchefs der zehn wichtigsten Industrieländer versammelt hatten, forderte der deutsche Minister bestimmt: »Jetzt muß hart zur Sache geredet werden, wir müssen über Zahlen sprechen.«
Die Herren kamen zur Sache. Erstmals seit dem 15. August, als US-Präsident Nixon die Goldeinlösungspflicht für den Dollar aufgehoben, eine zehnprozentige Importsteuer eingeführt und damit die größte Währungskrise seit dem 2. Weltkrieg entfesselt hatte, kam eine Lösung des globalen Gelddebakels in Sicht: Die Amerikaner erklärten sich bereit, unter bestimmten Bedingungen den Dollar abzuwerten. Sie gaben damit nach einer Reihe fruchtloser Währungskonferenzen das Startsignal zu einem Realignment, einer weltweiten Neufestsetzung der Wechselkurse.
Die währungspolitische Wende kommt vor allem dem bedrängten Bonner Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller zupaß. Denn die Labilität der westlichen Währungen und eine De-facto-Aufwertung der floatenden Mark von über elf Prozent gegenüber dem Dollar könnten, so fürchten Schillers Konjunkturanalytiker, die Ausfuh-
* Am 20. Jahrestag der DDR 1969 in Ost-Berlin.
ren der westdeutschen Industrie immer mehr belasten und somit Auslöser einer neuen Rezession werden.
Um die längst überfälligen Paritätsänderungen endlich durchzudrücken, hatte Kanzler Brandt am vergangenen Wochenende Frankreichs Staatschef Pompidou aufgesucht. In Rom war Karl Schiller noch am Montagabend, kurz nach seiner Ankunft, mit dem amerikanischen Schatzminister John Connally zusammengetroffen. Beim Abendessen beschwor der Bonner Währungsminister den Texaner, durch eine Dollarabwertung die Tauschkurse der westlichen Währungen auf ein ökonomisch sinnvolles Niveau zu bringen.
In der Eröffnungssitzung am Dienstagnachmittag forderten die Europäer dann unisono eine Abwertung des Dollars, und erstmals ließ Connally Verhandlungsbereitschaft erkennen: Der Amerikaner, turnusgemäß als Konferenzpräsident amtierend, schickte den Troß der Staatssekretäre und Experten vor die Tür, um mit seinen europäischen Widersachern im kleinen Kreise über Zahlen zu debattieren.
Beraten nur von ihren Notenbankpräsidenten, konnten die Währungsminister dann über einen Vorschlag diskutieren, den die Niederländer vorgelegt hatten. Sie schlugen vor, die Währungen der US-Handelspartner im Durchschnitt um acht Prozent aufzuwerten. Hintereinander lobten Amerikas Volcker, der in Vertretung des Sitzungspräsidenten Connally die US-Delegation anführte, und Westdeutschlands Schiller die holländische Formel: »Das ist ein gutes Papier.
Doch Frankreichs Giscard d"Estaing, der erst tags zuvor erneut eine Abwertung des Dollar gefordert hatte, war nicht zufrieden: »Wo bleibt denn der amerikanische Beitrag?« fragte der Franzose.
Amerikas Connally vergaß für einen Augenblick seine Rolle als Konferenzpräsident und antwortete für Volcker: »Das überlassen wir ganz Ihnen. Was wollen Sie denn -- acht, neun oder zehn Prozent Abwertung?«
Die Ministerrunde, die auf eine US-Abwertung von höchstens fünf Prozent gehofft hatte, erstarrte. 40 Minuten diskutierten die Politiker hilflos »über die metaphysische Frage des Goldpreises« (so ein Konferenzteilnehmer). Denn Abwertung des US-Dollars bedeutet Erhöhung des amtlichen Goldpreises.
Einer so hohen Dollar-Abwertung von zehn Prozent würden sich zwangsläufig wichtige Welthandelspartner anschließen. Vor allem die Briten, Italiener und Franzosen müßten ihre Währungen ebenfalls niedriger bewerten, da sonst ihre Exportprodukte im Vergleich zu US-Waren zu teuer würden.
Schrittweise tastete sich das Währungskonklave schließlich an die Abwertungsrate des Dollars heran, bei der kein anderes Land gezwungen wäre, seine Währung ebenfalls abzuwerten. Selbst die Franzosen ließen schließlich erkennen, daß sie bei einer Dollar-Abwertung von sieben bis acht Prozent noch stillhalten würden.
Freilich: Da nach einer Dollar-Abwertung selbst von acht Prozent die Wechselkurse immer noch verzerrt wären, sollen Staaten mit besonders starken Währungen wie Deutschland und Japan nach den Vorstellungen Connallys noch um etwa fünf bis acht Prozent aufwerten. Die Mark wäre dann gegenüber dem Dollar um insgesamt 13 bis 14 Prozent aufgewertet.
Die konkrete Debatte über das Realignment der Währungskurse war möglich geworden, nachdem Nixon-Berater den Präsidenten bedrängt hatten, endlich mit einem amerikanischen Zugeständnis die Währungskrise zu beenden. Sie brachten innen- und außenpolitische Argumente vor:
* Durch die Währungskrise sei der Dow-Jones-Index innerhalb von nur elf Wochen um 120 Punkte gefallen. Der konjunkturelle Aufschwung, den Nixon für das Wahljahr 1972 brauchte, würde offenkundig durch die außenwirtschaftliche Unsicherheit gefährdet;
* US-Weltkonzerne, Geldgeber von Nixons republikanischer Partei, bangten um ihre ausländischen Investitionen und führten zunehmend Klage über den Nixon-Protektionismus;
* Nixons harter Währungs-Kurs drohe die USA auch sicherheitspolitisch von ihren Verbündeten in Westeuropa und Japan zu isolieren;
* die durch den Sonder-Einfuhrzoll verprellten US-Handelspartner könnten einen währungs- und handelspolitischen Block gegen die Amerikaner bilden.
Als Gegenleistung für ihre Bereitschaft, den Dollar abzuwerten und im Gegenzug dafür den US-Sonderzoll zu streichen, verlangten die Amerikaner, daß die EWG bestehende Handelshemmnisse -- vor allem im Agrarbereich -- abbaut und bei der Erweiterung der EWG zur Zehnergemeinschaft nicht neue Schranken errichtet.
In einer ad hoc einberufenen EWG-Ministerkonferenz drängte vor allem Karl Schiller seine EWG-Kollegen zu einem Kompromißvorschlag: Die Europäer boten den Amerikanern schließlich Verhandlungen über den Abbau handelspolitischer Hemmnisse der EWG gegenüber den USA an.
Weiter kamen die Minister nicht. Denn Beratungen über neue Wechselkurse erwiesen sich schon bald als undurchführbar, weil einige Delegationen, in der Überzeugung, eine Einigung sei doch nicht möglich, nur unzureichend vorbereitet nach Rom gekommen waren. Während etwa Schiller über eine Generalvollmacht seines Kanzlers verfügte und stapelweise Tabellen über Auswirkungen denkbarer Wechselkursveränderungen vor sich liegen hatte, waren andere Delegationsleiter hilflos.
Konferenz-Präsident Connally schickte schließlich die orientierungslose Runde zur Beratung in ihre Hauptstädte zurück. Zur allgemeinen Überraschung brach er am Mittwochabend abrupt das Währungs- und Handelspalaver ab: »Nun, Gentlemen, wir sind wohl weit genug gekommen. Ich danke Ihnen.
Schon in der nächsten Woche sollen nach dem Willen Connallys die Währungshüter des Zehnerklubs in Washington erneut zusammentreffen, um -- so Schiller -- »am Ball zu bleiben«. Bundesbank-Präsident Karl Klasen prophezeit. »Wir machen jetzt eine Konferenz nach der anderen, bis wir den Köter tot haben.«