MÄRKTE Kokain statt Koffein?
Bei den U. S. Open in New York posierte Juan Valdez mit Kaffeesäcken und einem Maultier am Rande des Tennisplatzes. Während der Tour de France servierte er den Radlern Espresso. Und bei den Skimeisterschaften von Österreich pries er auf der Sprungschanze »Café de Colombia, den besten Kaffee der Welt«.
Niemand warb so erfolgreich für die Bohnen wie Juan Valdez alias Carlos Sánchez, 66. Seit 32 Jahren reist der Schauspieler im Auftrag des kolumbianischen Kaffeeverbandes Fedecafé durch die Welt, um als Bauer Valdez den »Café de Colombia« zu preisen. Ihm ist es zu verdanken, dass Kolumbien nicht nur mit Kokain assoziiert wird.
Auch in Deutschland flimmerten seine Werbespots über die Fernsehschirme. »Kaum eine Werbefigur hat sich so lange gehalten«, sagt Peter le Comte von der Werbeagentur DDB in New York, die das Markenzeichen vor 41 Jahren erfand. Doch jetzt wird der bekannteste Kaffeebauer der Welt in den Ruhestand gedrängt. Auslandsreisen sind weitgehend gestrichen. »Nach 40 Jahren haben wir kein Geld mehr für Juan Valdez«, bekennt John Naranjo, Geschäftsführer von Fedecafé.
Nicht nur die Kassen des einst allmächtigen Verbands sind leer. Etwa eine halbe Million kolumbianischer Kleinbauern stehen vor der Pleite, weil sie ihren Kaffee nicht mehr loswerden.
Seit 1997 sind die Preise um beinahe 70 Prozent gefallen. »Die meisten Bauern verkaufen mit Verlust«, sagt Naranjo. 25 000 Pesos, rund elf Dollar, erhält ein kolumbianischer Bauer für einen Sack Kaffee. 33 000 Pesos, etwa 15 Dollar, kostet ihn die Produktion.
Verantwortlich für die Krise ist vor allem das Überangebot auf dem Weltmarkt. Allein im vergangenen Jahr wurden weltweit 115 Millionen Sack produziert, aber nur 108 Millionen konsumiert. Von Mexiko bis Brasilien, von Kenia bis Indonesien quellen die Lagerhäuser über. »Die Produzenten erleben die schlimmste Krise ihrer Geschichte«, sagt Naranjo.
Besserung ist nicht in Sicht: In den vergangenen Jahren drängten viele neue Anbieter auf den Markt. Brasilien, der größte Produzent, erwartet für dieses Jahr eine Rekordernte von über 40 Millionen Sack, 42 Prozent mehr als 2001. Etwa 80 Länder bauen heute Kaffee an, die meisten liegen im Armutsgürtel der Erde.
Lateinamerika liefert 60 Prozent der Weltproduktion. Die Latinos leiden besonders unter neuen Konkurrenten wie Indonesien und Indien. Am meisten macht ihnen jedoch Vietnam zu schaffen.
Westliche Hilfsorganisationen haben dem bettelarmen Land geholfen, eine eigene Kaffeewirtschaft aufzubauen. Innerhalb weniger Jahre wurden die Vietnamesen, die selbst keinen Kaffee trinken, zum Großanbieter, der nun sogar Kolumbien, früher zweitgrößter Produzent der Welt, auf den dritten Platz verdrängt - mit kaum überschaubaren Folgen.
Der Kaffee aus Fernost wird zu Billigpreisen verschleudert, denn die vietnamesischen Pflanzer zahlen ihren Pflückern noch geringere Löhne. Ihr Vorstoß hat einen ruinösen Preiskampf ausgelöst. »Die Vietnamesen verkaufen ihren Kaffee in New York für 22 Cent das Pfund, das kostet uns allein der Transport«, klagt Naranjo.
Neben höheren Löhnen zahlen die kolumbianischen Kaffeebauern auch mehr Steuern. Rund 550 000 Familien leben vom Anbau, fünf Millionen Menschen hängen indirekt vom Kaffee ab. In der Anbauregion westlich von Bogotá hat der Kaffee blühende Landschaften geschaffen. Die Straßen sind asphaltiert. Jeden Morgen werden sie von Arbeiterkolonnen gefegt. Konferenzpaläste, moderne Schulen und Krankenhäuser dekorieren den einstigen Reichtum der Kaffeebarone.
Finanziert wurde der Fortschritt aus dem Fondo Nacional del Café, dem halbstaatlichen Kaffeefonds. Die Bauern mussten einen Teil ihres Gewinns an den Fonds abführen. Mit dem Geld kaufte die Regierung Produktionsüberschüsse und federte Preisschwankungen ab. Der Fonds finanzierte praktisch die gesamte Infrastruktur in der Region und verfügte in den achtziger Jahren zeitweise über ein Volumen von 1,4 Milliarden Dollar.
Das System funktionierte bis 1989, als im Streit der großen Erzeugerländer das internationale Kaffeeabkommen platzte. Über ein Quotensystem hatten Produzenten- und Konsumentenländer vorher einen Mindestpreis von 1,15 Dollar garantiert. Überschüssiger Kaffee wurde eingelagert und später verkauft.
Als die Quoten freigegeben wurden, drückten alle Kaffeeländer gleichzeitig ihre Lagerbestände auf den Weltmarkt. Mit Stützungskäufen versuchte Kolumbiens Regierung zwar, den Preisverfall aufzuhalten, doch die Mittel des Fonds waren rasch aufgezehrt. Heute bekommen die Kolumbianer nicht mal mehr 60 Cent für ein Pfund.
Ein Ende des Verfalls ist nicht abzusehen, denn die USA torpedieren jeden Versuch, die Preise erneut zu regulieren. Wenige große Röster in Europa und Nordamerika diktieren die Preise. Nicht einmal fünf Prozent des Endpreises fließt an die Erzeuger. »Nur die Röster und Supermärkte verdienen prächtig«, klagt Lobbyist Naranjo. »Für die Anbauländer ist der freie Markt ein Alptraum.«
Vergebens versuchten die Kaffeestaaten, nach dem Ölvorbild der Opec ein Kartell zu bilden. »Beim Kaffee lässt sich nicht einfach der Hahn abdrehen wie beim Öl«, sagt der deutsche Kaffeehändler Peter Montua in Medellín. »Die Bohnen müssen geerntet und rasch verkauft werden. Wenn sie länger als zwei Jahre lagern, verlieren sie ihr Aroma.«
In dem Andenland wird ausschließlich die hochwertige Arabica-Sorte angebaut. Arabica ist zwar teurer als Robusta, die andere Sorte auf dem Weltmarkt. Doch wegen ihres Aromas wurde sie vor allem in Deutschland geschätzt, der Republik der Kaffeetrinker - einst Kolumbiens wichtigster Absatzmarkt.
»Nach dem Krieg haben die Deutschen die Qualitätsstandards gesetzt«, sagt Montua. »Sie zahlten neun oder zehn Mark für ein Pfund, der Kaffee schmeckte hervorragend, und die Erzeugerländer haben anständig verdient.« Als die Japaner begannen, Kaffee zu importieren, erinnert er sich nostalgisch, verlangten sie »dieselbe Qualität, die nach Hamburg geht«.
Heute kaufen die Deutschen verstärkt billigen Robusta aus Vietnam. Die Bohnen werden mit Dampfdruck entbittert und mit anderen Sorten gemischt. »Deutschlands Kaffeekultur ist perdu«, klagt Montua.
Seit über 30 Jahren lebt der gebürtige Königsberger in Medellín, wo er Kaffee für Jacobs und Tchibo kauft. Preiskrisen sind für ihn nicht neu. »Aber so eine Katastrophe habe ich noch nie erlebt«, sagt er. »Der Markt ist total durcheinander.«
Zehntausende Kaffeebauern haben bereits aufgegeben oder versuchen, auf andere Produkte umzusteigen. Viele Plantagenbesitzer wandeln ihre Gutshäuser in Hotels um. »Se vende« ("zu verkaufen"), verkünden Schilder an den prachtvollen Anwesen. Die Arbeitslosigkeit ist sprunghaft angestiegen.
Am schlimmsten trifft die Krise den Mittelstand. Familienbetriebe, die oft seit Generationen Kaffee anbauen, stehen vor dem Bankrott. »Während der Boomjahre haben sich die meisten Pflanzer verschuldet, heute können sie die Kredite nicht zurückzahlen«, sagt der Kaffeebauer Hernando Uribe. Seine eigene, acht Hektar große Farm bei Medellín warf früher genug ab, um sich ein Auto zu leisten und seine Kinder auf eine gute Schule zu schicken. Damals beschäftigte er 20 Arbeiter.
Sein Auto musste er inzwischen verkaufen, den Kaffee transportiert er wie früher wieder mit Maultieren. Den meisten Arbeitern hat er gekündigt, den Traktor hat die Bank eingezogen. Um zu überleben, züchtet Uribe nun Hühner und Fische, doch viel bringt das nicht ein. »Viele Bauern lassen ihre Plantagen verfallen und ziehen in die Elendsviertel der Städte.«
Regierungsexperten versuchen jetzt, die Bauern zum Anbau von besonders hochwertigen Kaffeesorten zu überreden, für die auf dem Weltmarkt bessere Preise erzielt werden. Vor allem in den USA hat die Nachfrage stark zugenommen: Die Unternehmenskette der Starbuck's-Kaffeehäuser bewirbt Bohnensorten wie Weine mit Herkunftszertifikat.
Auch Tchibo und Jacobs haben das Geschäft mit dem Edelkaffee entdeckt. Doch für die große Masse der Kaffeepflanzer sei das keine Lösung: »Spezialkaffees sind Liebhaberei«, sagt Händler Montua. »Das Volumen ist zu gering.«
So steigen immer mehr Kaffeebauern auf Mohn- und Koka-Anbau um. Früher hatte die Guerrilla, die sich mit Drogenhandel finanziert, in der Kaffeezone keinen Rückhalt. Jetzt werden immer mehr Kaffeefarmen von den Rebellen kontrolliert. Substitutionsprogramme der Weltbank und der Vereinten Nationen, die den Anbau von Kaffee statt Koka fördern, sind wegen des Preisverfalls zum Scheitern verurteilt.
Nach Meinung von Experten gibt es nur einen Ausweg aus der Krise: Weltweit müssen Anbauflächen stillgelegt werden, um Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen. Nicaraguas Präsident hat die Farmer bereits dazu aufgerufen, den Kaffeeanbau aufzugeben. El Salvador und Mexiko drosselten ihre Ausfuhren drastisch.
Dennoch ist der Kaffeepreis bislang kaum gestiegen, denn allein Brasilien hat seine Anbaufläche in den vergangenen Jahren um 25 Prozent erweitert. Dort ist der Kaffeeanbau weitgehend industrialisiert, auf vielen Plantagen werden die Kirschen mit Maschinen geerntet. Zugleich hat sich der Anbau in die wärmeren Landesteile verlagert. Die berüchtigten Fröste, die früher oft die Ernte zerstörten und den Kaffeepreis in die Höhe trieben, können den Pflanzen nichts mehr anhaben.
Die Brasilianer leiden dennoch weniger als andere Länder unter der Überproduktion: Sie trinken mehr Kaffee. Der interne Verbrauch hat in den vergangenen Jahren um über 20 Prozent zugenommen, fast die Hälfte der Produktion wird im Land konsumiert. »Wir müssen neue Käuferschichten erschließen, das ist der einzige Weg aus der Krise«, sagt David Nahum, Generalsekretär des Verbands der brasilianischen Kaffeeindustrie.
Vor allem unter Kindern und Jugendlichen wirbt die Kaffeeindustrie deshalb neue Kunden. »Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Koffein den Kleinen nicht schadet«, schwärmt Nahum. Im Bundesstaat Minas Gerais wurde der »cafezinho« jüngst sogar in die Schulspeisung aufgenommen. JENS GLÜSING