Kommentar: Keine guten Geschichten - DER SPIEGEL
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Kommentar Keine guten Geschichten

Der Strom der schlechten Nachrichten vom Neuen Markt reißt nicht ab. Doch einigen der neuen Aktien geschieht es ganz recht, wenn sie vom Markt gefegt werden.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es spielt eigentlich keine Rolle, ob es die Nasdaq ist oder eine Verkaufswelle von chartgläubigen Anlegern, ein "reinigendes Gewitter" oder übertriebene Panik. Fakt ist, dass es am Neuen Markt keine wirklich guten Geschichten mehr gibt. Bol.com will immer noch keinen Termin für seinen Börsengang nennen, und beim Börsenneuling Ad Pepper werden nach dem ersten Tag wohl auch nicht die Korken knallen. Die Internet-Economy ist momentan "out of order", so scheint es. Schlimmer noch: Jede schlechte Geschichte, und sei es nur ein Buchungsfehler, sorgt für Wut und fluchtartige Reaktionen.

Wo sind die Visionen geblieben, wo ist die Euphorie für den weltweiten Boom, den Milliarden von Fingerkuppen und Maustasten auslösen sollen? Das Ideen-Feuerwerk für das schnelle Geld im Netz ist vorbei, und viele Start-ups erscheinen mittlerweile ausgebrannt. Kein Wunder bei der erzwungenen Dauereuphorie, die sie bei ihren Investoren versprühen müssen, um weiter Geld verbrennen zu dürfen.

"Die Regeln haben sich geändert", sagte kürzlich die amerikanische Internet-Analystin Lauren Levitan, "die Unternehmen bekommen kein Geld mehr, wenn sie nicht einen klaren Weg zur Profitabilität beschreiben können". Einfach gesagt, verstehen die Geldgeber keinen Spaß mehr und wollen endlich Fakten sehen. Die, und das haben die meisten Start-ups nie bestritten, gibt es aber noch lange nicht. Insofern ist es traurig, dass manche gute Idee momentan ungehört verhallt, weil die Herde gerade mit Davonlaufen beschäftigt ist. Und es ist ärgerlich, wenn spannende Projekte nur deshalb nicht weiterverfolgt werden, weil das Geld für den nächsten Monat nicht mehr reicht.

Aber einige der ehemaligen Börsenlieblinge wie Gigabell oder Infomatec haben verdient, was nun mit ihnen geschieht. Sie haben eine einfache Regel nicht beherzigt: Die Bewertungskriterien am neuen Markt haben sich denen der old economy angenähert. Es reicht nicht mehr, Umsätze zu generieren - der Gewinn wird entscheidend. Um aber im Internet Geld, echtes Geld, zu verdienen, braucht es einen langen Atem und viel Geld - oder Bescheidenheit. Ersteres haben nur die Großen im Netz und Konzerne wie DaimlerChrysler, die jetzt so richtig ins Internetgeschäft einsteigen. An Bescheidenheit haben es manche Chefs der kleinen, nahezu umsatzlosen Start-ups fehlen lassen. Sie vergaßen im warmen Geldregen der Investoren und ihrem neuen Reichtum, wo eine echte Erfolgsgeschichte meistens anfängt: in einer Garage oder als Pizza-Verkäufer.